Nicht jedes Kapitel einer zehnjährigen Karriere liest sich wie eine Erfolgsstory, und das ist gut so. In diesem Interview spreche ich ungewohnt offen darüber, was mich in der Corona-Pandemie fast den Boden weggezogen hat, über ein Kündigungsgespräch das wehtut, über Investitionen die sich als Fehler herausgestellt haben und über die Frage, wie eine echte Fehlerkultur im Alltag eines Selbstständigen aussieht. Wer Zukunft denkt, muss auch die eigene Vergangenheit ehrlich anschauen können.
Wenn man zehn Jahre berufliche Entwicklung ehrlich betrachtet: Welche Phase war für Sie persönlich die schwierigste?
Das ist einfach: durch die Corona-Pandemie war mein noch junges Geschäftsmodell von einem auf den anderen Tag quasi obsolet. Der gesamte Markt war eingebrochen, weder Veranstaltungen noch Beratung liefen – ich war ja noch nicht einmal ein Jahr selbstständig am Markt. Nur dank der staatlichen Hilfen konnte ich mich über Wasser halten, musste mir aber andere Beschäftigungen suchen. Dabei entstand mein Podcast “Im Hier und Morgen”, das erste Buchprojekt (Arbeitswelt und KI 2030) und hier und da ein paar Online-Keynotes. Letztere wiederum haben aber beide Seiten nie wirklich glücklich gemacht, weshalb ich einer der glücklichsten Menschen war, als die Pandemie offiziell überstanden war.
Gab es einen Moment in den letzten zehn Jahren, in dem Sie ernsthaft daran gezweifelt haben, ob dieser Weg der richtige für Sie ist?
Natürlich gab es solche Momente. Nach gründlicher Abwägung und einigen Gesprächen, die zu alternativen Wegen hätten führen können, blieb aber die Überzeugung: Das ist der richtige Weg, bleibe dabei!
Gab es eine Entscheidung, die Sie heute definitiv anders treffen würden?
Hunderte! Ich lebe Fehlerkultur so: Ich kann nur lernen, wenn ich Fehler mache – und diese reflektiere. Diverse kleinere Investitionen haben sich als wenig weitsichtig herausgestellt, das betraf sowohl Software als auch Dienstleister. Zum Glück gehört zu so einer Fehlerkultur auch, dass man nie ein zu großes Risiko eingeht, das im worst case existenzgefährdend wird.

Viele Menschen unterschätzen die wirtschaftlichen Unsicherheiten von Selbstständigkeit. Wann war die finanzielle Situation in den letzten zehn Jahren am angespanntesten?
Das war Ende 2023. Ich hatte in dem Jahr eine Festangestellte und wir hatten große Pläne, haben auch viel geschafft. Nur der Post-Corona-Markt war noch nicht bereit dafür, sodass wir kein einziges größeres Projekt platzieren konnten. Auch der Krieg in der Ukraine schlug dann erst so richtig in die Wirtschaft durch, wodurch viele unterschriftreife Angebote in letzter Minute von den Budgetkürzungen verhindert wurden. Von den restlichen Einnahmen konnte ich keine weitere Vollverdienerin finanzieren. Das Kündigungsgespräch war sehr hart.
Haben Sie einmal zu lange an einer Idee festgehalten, obwohl Sie eigentlich schon gespürt haben, dass sie nicht funktioniert?
Nicht wirklich, aber ich habe schon viele Ideen gedacht, deren Zeit noch nicht gekommen ist. Dafür habe ich einen Ideen-Parkplatz. Ansonsten merke ich recht schnell, was funktioniert und was nicht.
Welcher Widerstand gegen Ihre Thesen hat Sie am meisten Überzeugungskraft gekostet?
Am meisten ecke ich mit der Aussage an, dass Organisationen mit dem ernsthaften Einsatz von KI direkt ihr Organigramm wegwerfen und neu zeichnen sollten – und zwar nicht in der Geschäftsleitung, sondern partizipativ mit allen Betroffenen. Das habe ich schon beim Schreiben des Whitepapers über Künstliche Intelligenz gemerkt und seitdem bei Vorträgen und anderen Formaten geteilt. Natürlich weckt das großen Widerstand, denn dadurch werden bestehende Machtstrukturen infrage gestellt. Für viele Einzelne mag das ein Horrorszenario sein, für die Organisation als Ganzes wäre es hilfreich; und zwar besser morgen als übermorgen.

Zukunftsforschung lebt davon, Entwicklungen richtig einzuordnen. Welche Ihrer Einschätzungen aus den letzten zehn Jahren lagen besonders deutlich daneben?
Ganz klar die zum autonomen Fahren. Ich habe hier mit einer schnelleren Marktreife und -durchdringung gerechnet, insbesondere in Europa. Da habe ich wohl die Geschwindigkeit der Gesetzesverfahren sowie die technische Machbarkeit überschätzt.
Haben Sie einmal erlebt, dass Ihre Arbeit missverstanden oder instrumentalisiert wurde?
Das ist leider beides fester Bestandteil meines Alltags. Positiv formuliert würde ich etwas falschmachen, wenn ich nie anecken würde. Bei allen Themen, die besonders polarisieren, gehört das dazu. Zur Bundestagswahl 2021 habe ich ein paar Analysen der politischen Parteien veröffentlicht – ich erhalte bis heute Kommentare und Likes dafür. Nicht alle Kommentare sind nett… Ähnlich extrem sind oft die Reaktionen auf Vorträge oder Beiträge von mir, die sich mit der Frage beschäftigen, was auf unsere aktuelle Marktwirtschaft folgen könnte. Es ist liegt wohl in der Natur der Sache, dass sich Profiteure des Systems von der Frage angegriffen fühlen. Instrumentalisierung klingt so negativ, ich stifte manchmal regelrecht zur Umsetzung und Anwendung an; natürlich ohne konkrete Anweisungen und ohne Gewährleistung (als Redner). Die Instrumentalisierung gegen meinen Willen habe ich bislang nicht erlebt, aber man weiß ja nie. Hinzu kommt, dass ich bei vielen Veranstaltungen eingeladen werde, um einen Impuls zu setzen, der natürlich vorher grob abgesprochen ist. Ich lege aber großen Wert auf Freiheit und Authentizität bei der Ausgestaltung dieser Impulse – da wird es schwer sein, diese gegen meinen Willen für andere Kernaussagen zu verbiegen.
Gab es Situationen, in denen Sie gemerkt haben, dass Unternehmen Zukunftsforschung zwar spannend finden – aber eigentlich gar nichts verändern wollen?
Die gibt es leider immer wieder. Oder man verändert zwar gerade ganz viel, was im Kontrast oder Spannungsfeld mit meinen Szenarien steht … ist aber dann nicht mehr bereit, strategische Initiativen anzupassen. Das ist sehr schade, denn in solchen Momenten fühle ich mich oft wie die Kassandra, die ihren Vater vor dem hölzernen Pferd warnte – leider, wie wir wissen, ohne Erfolg. Troja brannte. Mit der PROFORE Foresight Akademie möchte ich diese weit verbreitete Zukunftsblindheit bekämpfen.

Haben Sie einmal ein Projekt oder eine Zusammenarbeit beendet, obwohl es wirtschaftlich eigentlich sinnvoll gewesen wäre, weiterzumachen?
Ja, das habe ich. Auslöser war ein Wechsel eines wichtigen Ansprechpartners, mit dem es zwischenmenschlich und auch vertraglich auseinanderging.
Wenn Sie an Ihre ersten Jahre zurückdenken: Welche Fehler waren typisch für diese Phase?
Fremde Inhalte oder Anekdoten zu übernehmen war eine sehr schlechte Idee. Auch die Last-Minute-Vorbereitung vor einer Keynote habe ich anfangs unterschätzt.
Wenn Sie jemandem raten müssten, welche typischen Fehler man in den ersten zehn Jahren einer solchen Laufbahn unbedingt vermeiden sollte – welche wären das?
Was ich selbst oft falsch gemacht habe war, zu oft “ja” zu sagen zu Sonderwünschen. Dadurch kam ich nicht selten unter Zeitdruck, wodurch andere Projekte gelitten haben (und/oder mein Schlaf). Was ich richtig gemacht habe und gern weitergebe: der Schlüssel für mich ist eine gesunde Mischung aus Weitsicht, im Moment wirken und die Verankerung regelmäßiger Entspannungs- und Entschleunigungsinseln.
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