Ausflugsdampfer auf dem Rhein, ein halb-geheimer Sicherheitsgipfel in Tallinn kurz vor dem Ukraine-Krieg und zwölf Stunden Bahn mit dem 9-Euro-Ticket zurück nach Leipzig. In diesem Interview erzähle ich, was mich hunderte Reisen als Keynote Speaker über Wirtschaft, Regionen und die Wahrnehmung von Zukunft gelehrt haben. Ich spreche darüber, warum der Zug mein zweites Homeoffice ist, welche Begegnungen mich bis heute nicht loslassen und verrate, welches Bundesland nach zehn Jahren noch immer ohne Keynote-Auftritt von mir geblieben ist.

 


 

Wenn Sie an zehn Jahre Vorträge denken: Welche Reise zu einer Keynote ist Ihnen als erstes im Gedächtnis geblieben – und warum?

Das war wohl eine vierteilige Roadshow mit der Allianz im April und Mai 2016. Das bedeutete: Ich sollte viermal den im Grunde selben Vortrag halten in unterschiedlichen Städten. Ich war gegenüber meiner Ansprechpartnerin sehr ehrlich und habe gesagt: “Ich fange gerade erst an, umso dankbarer bin ich für maximal ehrliches und offenes Feedback.” Das hat sie sehr ernstgenommen, mit mir ermutigende, aber auch konstruktive Kritik besprochen. Das hat mich in kurzer Zeit sehr vorangebracht!

 

Ein Großteil Ihrer Arbeit findet unterwegs statt. Wie prägt das ständige Reisen Ihre Wahrnehmung von Regionen, Städten und wirtschaftlichen Entwicklungen?

Oft weiß ich beim Aufwachen in einem Hotel nicht genau, wo oder wann ich bin. Das ist schon merkwürdig, aber nicht exklusiv für mein Berufsbild. Das spricht aber auch Bände darüber, dass ich natürlich in der Regel keine Zeit habe, mich mit der Region oder Stadt zu befassen, in die ich reise. Das ist schade. Die positive Kehrseite davon ist, dass ich für mich gemerkt habe, welche Winkel der Welt ich in meiner Freizeit besser kennenlernen möchte. Für meinen Hauptberuf als Zukunftsforscher, der immer bemüht ist, seine eigenen Annahmen oder Vorurteile zu hinterfragen, ist die Reiserei Gold wert. Einige Entwicklungen, die in den Medien auftauchen, nehme ich aus erster Hand wahr. Das ist ein großes Geschenk, aber auch eine Bürde; denn es ist nicht immer einfach, Statistiken und echte Eindrücke zusammenzubringen und dann auch noch zu kommunizieren.

(c) Jens Braune del Angel; Kai Gondlach bei der msg Group 2023

Gibt es eine Fahrt – vielleicht mit der Bahn quer durch Deutschland – bei der Ihnen plötzlich eine Idee für einen Vortrag oder ein Szenario gekommen ist?

Das passiert ständig. Ich nutze Teile der Reisen bewusst für “kreatives in die Landschaft gucken”, oft gebe ich vorher meinem Arbeitsgehirn noch den Befehl: “Denk mal über Szenario XYZ” nach. Einige Bahnkilometer später sprudeln die Ideen.

 

Viele Vorträge finden in Konferenzzentren, Hotels oder Industrieparks statt. Wo haben Sie das ungewöhnlichste Veranstaltungssetting erlebt?

Das war ganz klar ein Ausflugsdampfer bei Wenden! Bei voller Fahrt und bestem Wetter habe ich mit einem Caritasverband über die Zukunft der Sozialwirtschaft gesprochen.

 

Gibt es eine Reise, die fast gescheitert wäre – verspätete Züge, verpasste Anschlüsse oder unerwartete Umwege – und am Ende trotzdem funktioniert hat?

Exakt eine. Natürlich gibt es oft Reisechaos, aber daran gewöhnt man sich und plant einfach mehr Puffer ein. Ein einziges Mal kam ich zu spät zu einer Gesellschafterversammlung – Schuld war eine Autobahnvollsperrung und überfüllte Ausweichrouten. Mein 2,5-Stunden-Puffer half nichts und ich kam fast eine halbe Stunde zu spät. Ab dann lief alles wie geplant.

 

Welche Unterschiede fallen Ihnen auf, wenn Sie Vorträge in verschiedenen Regionen Deutschlands halten?

In strukturschwachen Regionen habe ich den Eindruck, dass häufiger die lokale Presse selbst bei halb-öffentlichen Veranstaltungen anwesend ist. Es wird mehr darüber gesprochen, dass man die Zukunft gestaltet. Das scheint in Ballungsgebieten keine Meldung mehr wert zu sein. Unterschiede zwischen Nord-Ost-Süd-West gibt es nicht.

(c) Lennart Preiss; Kai Gondlach beim IONOS Summit 2025

Gab es eine Reise ins Ausland, bei der Sie gemerkt haben, dass Zukunftsthemen dort ganz anders diskutiert werden als in Deutschland?

Die prägendste war in Estland, wo ich 2021 zu einem halb-geheimen Treffen eines Sicherheits-Thinktanks eingeladen war, an der auch die deutsche Botschafterin und der US-Botschafter beteiligt waren. Hier wurde sehr offen über die Aggression Russlands gegenüber europäischen Nachbarländern diskutiert; darunter auch, wie man einen Krieg in der Ukraine verhindern könnte. Das war ein knappes halbes Jahr vor der Invasion.

 

Welche Ihrer beruflichen Reisen war geografisch die weiteste – und hat sich der Aufwand gelohnt?

Palma oder Tallinn – die beiden liegen per Luftlinie etwa gleich weit von Leipzig entfernt. Und natürlich hat sich der Aufwand gelohnt! Die längste Reisezeit würde ich übrigens woanders vermuten, nämlich einerseits nach Südtirol wegen der vielen Umstiege und andererseits eine Rückreise aus Bonn mit der Bahn kurz nach Einführung des 9-Euro-Tickets; hier war ich geschlagene 12 Stunden unterwegs und erst um kurz nach 3 Uhr nachts im Bett.

 

Haben Sie unterwegs einmal eine Begegnung gehabt – im Zug, Taxi oder Hotel –, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Einmal traf ich in einem Berliner Hotel den von mir sehr geschätzten Kabarettisten Torsten Sträter, der am nächsten Tag – wie ich – auf einer Firmenveranstaltung dort eingeladen war. Wir unterhielten uns kurz bei einem Getränk, wurden dann aber von einer Fan-Horde unterbrochen. Ich war nicht neidisch auf ihn.

(c) Lutz Michen; Kai Gondlach bei der STEG Stadtentwicklung 2026

Welche Rolle spielt die Bahn in Ihrem beruflichen Alltag – und welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Der Zug ist mein zweites Homeoffice. Mit hunderten Bahnfahrten im Jahr kenne ich vor allem die Haupttrassen zwischen den Großstädten ziemlich gut. Was die (Un-)Pünktlichkeit betrifft, bin ich insgesamt gelassen: Ich plane immer einen guten Puffer ein und statistisch betrachtet habe ich in der Regel Glück. Was mich eher stört, ist der teils ekelhafte Zustand der Bahnhöfe und Sanitäranlagen in den Zügen. Insgesamt ist das aber Jammern auf sehr hohem Niveau – daran erinnere ich mich immer, wenn der ICE Sprinter mit 300 km/h durch die Landschaft donnert, während ich produktiv bin oder aus dem Fenster schaue.

 

Welche Stadt oder Region in Deutschland verbinden Sie inzwischen besonders stark mit bestimmten Branchen oder Zukunftsfragen?

Meine Vortragsreisen bilden ziemlich genau die Strukturlandkarte der Wirtschaft ab. Die Ballungszentren und Konjunktur-Powerregionen sind Dauerbrenner; die strukturschwachen Regionen kommen selten oder gar nicht vor. Während die Konjunkturtreiber das Thema Zukunft abgehakt haben und eher an konkreten Strategien interessiert sind, zeigt sich aber auch ein wachsendes Interesse an allgemeinen Fragen der Zukunft bzw. Zukünfte in den aufsteigenden Regionen. Bremen ist das einzige Bundesland, in dem ich noch nie eine Keynote gehalten habe!

 

Wenn Sie Ihre Reisen der letzten zehn Jahre betrachten: Welche Strecke sind Sie vermutlich am häufigsten gefahren?

Von Leipzig nach Frankfurt am Main, wobei die IC-Verbindung von Leipzig nach Köln inzwischen heranrückt!

Überblick über den Datenschutz

Diese Website verwendet Cookies, damit wir Ihnen die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in Ihrem Browser gespeichert und dienen dazu, Sie wiederzuerkennen, wenn Sie auf unsere Website zurückkehren, und unserem Team zu helfen, zu verstehen, welche Bereiche der Website Sie am interessantesten und nützlichsten finden.

Streng Notwendige Cookies

Strictly Necessary Cookie sollte immer aktiviert sein, damit wir Ihre Präferenzen für Cookie-Einstellungen speichern können.

Marketing

Marketing-Cookies werden verwendet, um Besucher von Websites zu verfolgen. Ziel ist es, Anzeigen zu schalten, die für den einzelnen Nutzer relevant und ansprechend sind und somit für Verlage und Drittanbieter wertvoller sind.

Dienste:

Statistik

Statistik-Cookies helfen Website-Betreibern zu verstehen, wie Besucher mit der Website interagieren, indem sie Informationen anonym sammeln und melden.

Derzeit verwenden wir keine eigenen Analysetools wie beispielsweise Google Analytics. Einige Drittanbieterdienste, wie z. B. Bing, können jedoch Cookies setzen, um anonyme Informationen über das Nutzerverhalten zu sammeln.

Die gesammelten Daten werden ausschließlich zur Verbesserung der Benutzererfahrung verwendet.

 

Dienste:

  • .bing.com