Das Zeitalter der Exnovation
Innovation war gestern. Die wenigsten kennen heute den Unterschied zwischen inkrementeller und disruptiver Innovation. Spielt aber auch keine Rolle, denn viel wichtiger ist im 21. Jahrhundert die Fähigkeit zur Exnovation.
Homo sapiens und Innovation
Unsere Spezis, der homo sapiens, hebt sich durch eine essentielle Eigenschaft von anderen Säugetieren ab: mithilfe von immer ausgefeilteren Werkzeugen und Techniken (=Technologie) werden scheinbar unüberwindbare Hürden genommen*. Dazu gehört im weitesten Sinne auch die Sprache und Schrift, ebenso die Nutzung des Feuers, die Erfindung des Rades, des Webstuhls und der Dampfmaschine. Die Geschichte der Innovation ist spannend, turbulent und teils tragisch, aber dazu kommen wir später.
Ein wesentliches Merkmal der Innovation ist, dass durch die Entwicklung neuer Methoden, Werkzeuge oder eben Technologien alte, bis dahin gültige Vorgehensweisen obsolet werden. Soweit, so trivial. Das kann schrittweise (inkrementell) oder schlagartig (disruptiv) passieren. Ein paar Beispiele, um diese Begriffe mit Leben zu füllen:
Beispiele für inkrementelle Innvationen:
Regenschirme wurden aus dem frühen Mittelalter bis in die Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert nur spärlich verwendet. Passte auch einfach nicht zu der Zeit… jedenfalls entwickelten sich die regenabweisenden Helferlein über die Jahrhunderte bis heute zu wahren Spezialisten weiter – nicht zuletzt angefacht durch den Wettbewerb im aufkommenden Kapitalismus. Die Wikipedia-Liste der Typen von Regenschirmen ist länger als mein 15″ Notebook-Monitor anzeigen kann. Quintessenz: Das Produkt wurde über Jahrhunderte in vielen kleinen Schritten optimiert, um es den Gegebenheiten und dem Kundennutzen anzupassen.
Schreibinstrumente. Wie viele unterschiedliche Kugelschreiber, Füllfederhalter, Bleistifte, Permanentmarker sind heute erhältlich? Zurück geht die Geschichte ins Jahr … weiß niemand so genau. Die Menschen der Steinzeit verwendeten bereits Kreide, Knochen und Kohle, um Botschaften in den Wänden ihrer Behausungen zu verewigen. Innovation ist also älter als homo sapiens, aha! Wie dem auch sei, heute schreiben wir noch immer unsere Gedanken für uns selbst und unsere Nachwelt auf; mit gewöhnlichen Stiften über Luxusausführungen von Montblanc bis zu digitalisierenden Kontaktstiften von Apple oder HP. Inkrementelle Innovation!
Matratzen, Stühle, Brücken… Die meisten allgegenwärtigen Errungenschaften der Menschheit wurden inkrementell entwickelt und über viele Jahrhunderte zum jetzigen Stand optimiert. Das mindert nicht ihren unabdingbaren Wert für unseren Alltag, ist aus jetziger Sicht eindeutig inkrementell. Strohmatten wurden verbessert, Schemel komfortabler gestaltet, vormalige Flussüberquerungen „überbrückt“. Schritt für Schritt.
Beispiele für disruptive Innovationen:
Das Automobil verdrängte zur Jahrhundertwende um 1900 Kutscher, Stallungen und Reitbetriebe vom Markt. Genauso wird es bald klassischen Autobauern, deren Zulieferern für Schaltgetriebe oder Rückspiegel und Führerscheinanbietern gehen. Marktführer werden aus ihrem eigenen Markt verdrängt? Disruptive Innovation!
Digitalkameras verdrängten analoge Modelle vom Markt, weil sie zu vergleichbaren Preisen erhältlich waren und über die klassische Funktion des Festhalten von Momentaufnahmen in der Lage waren, diese Eindrücke beliebig oft zu vervielfältigen. Immer wieder ironisch: Die erste Digitalkamer wurde von einem Mitarbeiter des damaligen Marktführers Kodak entwickelt, aber vom Vorstand abgelehnt – entsprach ja nicht der Produktpalette… wenige Jahre später meldete der Konzern Insolvenz an. Disruption!
CDs verabschiedeten Vinylplatten vom Massenmarkt, DVDs lösten VHS-Kassetten ab, MP3s und Streaming-Plattformen ersetzten in kurzer Zeit sämtliche Datenträger und verlagerten das Geschäft ins Internet. Nur wenige wissen, welche Branche insbesondere das Format für Videoaufnahmen dominiert… schreiben Sie gern einen Kommentar dazu ????
Smartphones läuteten in kürzester Zeit den Niedergang der klassischen (Mobil-)Telefonindustrie ein, in der selbst 2007 – nach Ankündigung des Apple iPhone – noch (retrospektiv) amüsante Leichtigkeit ob der drohenden Innovation herrschte. Nokia als Marktführer verlor in kürzester Zeit den Boden unter den Füßen – disruptive Marktverschiebung.
Prinzipien geklärt? Okay, dann weiter ins 21. Jahrhundert!
Innovation im 21. Jahrhundert
Ich spare mir an dieser Stelle die Auflistung der bahnbrechenden Innovationen des 21. Jahrhunderts. Allerdings möchte ich an einem Beispiel zeigen und punktuell auf Beispiele aus anderen Bereichen verweisen, welche meine These belegen sollen: Für den Großteil der Akteure in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik ist das Zeitalter der Innovation vorbei; das Zeitalter der radikalen Exnovation hat begonnen.
Nie zuvor hat die Menschheit in einer vergleichbaren Geschwindigkeit Innovationen entwickelt wie heute. Ich sage in meinen Vorträgen oft: „Heute ist der letzte Tag in Ihrem Leben, an dem die Veränderungsgeschwindigkeit so langsam war.“ Denn dank der Mooreschen und Metcalfeschen Gesetze beschleunigt sich noch ein paar Jahre die Geschwindigkeit der potentiell möglichen Technologieinnovation. Ob wir das nun gut finden oder nicht, Technologie und die Logiken in unserem Wirtschaftssystem treiben unsere Welt. Das führt unweigerlich dazu, dass an manchen Stellen Lösungen oder Produkte erfunden werden, die andere ersetzen.
Ein tragisches Beispiel lässt sich seit ein paar Jahren in einer der wichtigsten Industrien für das deutsche Wirtschaftssystem beobachten: die Automobilindustrie hat viele Jahrzehnte lang davon profitiert, vermeintlicher Vorreiter in der Entwicklung von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren (Ottomotoren mit Benzin oder Dieselantriebe) zu sein. Ungeachtet der globalen Gemengelage haben die großen Konzerne herrlich egozentrisch weiter an ihren Modellen gefeilt, Märkte erschlossen, Margen gesteigert, die Aktionäre glücklich gemacht – auf Kosten der Steuerzahler sowie der Umwelt. Das kriminelle System, welches Emissionswerte der Motoren wissentlich manipuliert hat, flog viel zu spät auf und die Image-Schäden der „systemischen“ Marken fällt verhältnismäßig gering aus. Außerdem: Hauptsache, die Karre schafft auf der Autobahn 250 km/h.
Also machten die Großen weiter wie gewohnt, auch wenn ich aus vertraulichen Gesprächen mit diversen Insidern von Volkswagen, Daimler und BMW weiß, dass die Konzerne auf Panikmodus operieren und eher einem Wespennest als einem wohl sortierten Unternehmen gleichen. Wie dem auch sei: Das althergebrachte Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr. Um das zu erkennen, muss man kein teuer bezahlter McKinsey-Berater im VW-Konzern sein. Längst stehen alle Zeichen auf „Mobilität als Dienstleistung“ (mobility as a service, MaaS) über Absatz von Fahrzeugen, längst werden alternative Antriebe marktreif, längst sind internationale Wettbewerber im Silicon Valley, China oder Israel viel weiter in der Entwicklung autonomer Fahrzeuge. Und doch hängt auch im Jahr 2019 in Deutschland noch jeder dritte Arbeitsplatz mittelbar an der Automobilindustrie inkl. Zulieferer und Peripherie.
Es ist inzwischen eine unausgesprochene Gewissheit, dass die goldene Zeit des Autostandorts Deutschland vorbei ist. Doch was nun? Diese Zäsur der Innovationsgeschichte wird in die Geschichtsbücher eingehen. Stellt sich die Frage, wie mit diesem rosa Elefanten umzugehen ist. Ein inhärentes Merkmal der Innovation ist, dass aufgrund von grundlegenden Innovationen (wie jetzt E-Antriebe, Plattformökonomie und autonome Fahrzeuge) Arbeitsplätze wegfallen. Das traf seinerzeit die Landwirte, dann die Weber, dann die Fernsprechverbinder und so weiter. An dieser Stelle möchte ich ausdrücken, dass jedes einzelne und familiäre Schicksal, das durch Arbeitsplatzverlust geprägt wird, potentiell tragisch ist. Über Verantwortung sprechen wir ein andernmal. Gleichzeitig können wir durch die Eigenheiten des menschlichen Strebens zu immer neuen Innovationen doch auch mal etwas lernen, immerhin haben nicht zuletzt Martin Luther, Johannes Calvin und schließlich Max Weber, der die Idee der Protestantischen Ethik viel später verschriftlichte, schon vor vielen Jahrhunderten gewusst, was technologische Innovationen mit sich bringen.
Exnovation im 21. Jahrhundert
Infolge mehr oder weniger radikaler Innovationen entwickeln (in der Regel) Unternehmen Geschäftsmodelle, die den Kundennutzen auf neue Art und Weise befriedigen (mithilfe wissenschaftlicher Erkenntnisse). Ein Teil der bitteren Wahrheit ist, dass infolgedessen die ehemaligen Anbieter der (nun) überholten Vorgehensweisen Marktanteile einbüßen und dies die Beschäftigungsgrundlage für die Menschen in dem Sektor entzieht. Wechseln wir mal die Perspektive. Die „alten“ Anbieter haben den Zeitgeist verschlafen, weshalb nicht die Innovation an sich, sondern die konservativen Arbeitgeber und manchmal auch die Arbeitnehmervertretungen „Schuld“ sind am Strukturwandel. Hätten sie sich rechtzeitig um nahende Entwicklungen gekümmert und ihr Geschäftsmodell, ihre strategischen Investitionen, ihre Personalpolitik etc. daraufhin justiert, wären sie dem Drama entgangen. Sind sie aber nicht. Also streichen Bayer 4500 Stellen, ThyssenKrupp 6000, die Deutsche Bank über 7000, insgesamt könnten durch die Großbankenfusion von Deutscher Bank und Commerzbank 50.000 Stellen wegfallen. Was viel klingt, ist im Vergleich zur Automobilindustrie mit den tausenden Zuliefererbetrieben eine kleine Nummer. Meiner Ansicht nach ist das fahrlässig.
Nach den 1950er Jahren erlebte Deutschland einen unvergleichlichen Wirtschaftsaufschwung. Der Volkswagen, die billige Atomkraft, wiederkehrende diplomatische Akzeptanz und starke Wirtschaftsbündnisse sind nur einige der Kennzeichen für bislang prosperierenden Reichtum. Über die Jahrzehnte haben die größten Konzerne des Landes dabei offensichtlich eine Tugend des Mittelstandes verlernt. Die besagt, selbst in zufriedenstellenden Zeiten (= bei guter Auftragslage, bei hinreichend vielen Produktinnovationen) auch den Gesamtmarkt nicht aus dem Blick zu verlieren. Dieser hat schon in den späten 00er Jahren klare Signale gesendet, dass das Zeitalter der klassischen Industrien durch globale und digitale Akteure und Plattformen bedroht ist. Das für die Automobilindustrie schmerzliche Stichwort lautet an der Stelle „Tesla“, für Versicherer ist es „check24“, für Notare „Blockchain“ und für Mediziner „Watson“.**
Innovation heißt heute auch Exnovation
Die Gemeinsamkeit all dieser vermeintlich innovativen Unternehmen: Sie haben sich zu sehr auf Innovation versteift. Das geschah sicher nicht ganz ohne Zutun ihrer Beratungsfirmen, die das Augenmerk schon immer auf die Cash Cows gelegt haben und Prozesse strikt dahingehend optimierten, Einsparungen an den wirklich wichtigen Stellen zu rechtfertigen. Innovation ist wichtig und richtig, doch ist es im 21. Jahrhundert umso wichtiger, alte Wahrheiten immer wieder auf den Prüfstand zu stellen.
Innovationen trieben den Status Quo schon immer zum Umdenken und neu handeln. Übersetzt in Unternehmenssprache heißt das Schlagwort also Exnovation: die Fähigkeit, gelernte und bewährte Methoden zu verlernen, abzulegen, neu zu denken. Wir müssen uns damit anfreunden, Werkzeuge, Methoden, Technologien, Produktionsstätten, Arbeitsroutinen und Prozesse zu ersetzen, um im 21. Jahrhundert als Organisation zu überleben. Auch, wenn es erstmal wehtut.
Anmerkungen
* Richtig, andere Spezies verwenden auch Werkzeuge, um Probleme zu bewältigen, und nutzen auch Sprache. Das ist aber nicht Thema dieses Beitrags.
** Dieser Schmerz wäre nebenbei bemerkt nicht so groß, wenn die erwähnten Akteure rechtzeitig schwache Signale (weak signals) ernst genommen hätten. Klar, es gibt unzählbar viele schwache Signale über Technologie- oder Geschäftsmodellinnovationen „da draußen“. Nicht jedes ist seriös. Doch genau das ist ja der Zweck der Zukunftsforschung: Erwartbare, wahrscheinliche und konsistente Bilder der Zukunft zu zeichnen, um die Entscheidungen der Gegenwart zu verbessern.
Omninet: Die Zukunft des Internets der Dinge (IoT)
Sie kennen das Internet der Dinge bzw. (Industrial) Internet of Things und fragen sich, wohin die Reise geht? Fragen wir doch die Zukunftsforschung!
Kurze Geschichte des Internets
In Zeiten der Digitalisierung kommt niemand mehr an Computerthemen vorbei. Aber Moment! Hand aufs Herz: seit wann gibt es diese Digitalisierung eigentlich? Das hängt vom Maßstab ab, den man anlegt.
- In der breiten Wahrnehmung der westlichen Welt tauchte Digitalisierung erst nach der Jahrtausendwende auf, als sich „dieses Internet„, wie es damals oft noch despektierlich genannt wurde, langsam ausbreitete. Zu dem Zeitpunkt hatten Sie vermutlich schon einen PC zuhause und vielleicht auch schon eine Internetleitung mit mehr als 56k- oder ISDN-Modem. Schon 1994 wurde Amazon gegründet, ab 1995 wurden im Online-Auktionshaus ebay Waren zwischen Privatpersonen gehandelt.
- Die Kommerzialisierung des Internet begann 1989 und damit fiel nicht nur ein eiserner Vorhang. Plötzlich war es dank dem Domain Name System (DNS) möglich, über Eingabe von www-Adressen und einem Browser – damals wahrscheinlich noch Netscape oder Opera – eine Website aufzurufen, die irgendwo auf der Welt von Pionieren des world wide web erstellt wurde. Zuvor waren schon in den 1960er Jahren globale Verbindungen entstanden; vor allem getrieben durch das Militär, befeuert durch den „Sputnik-Schock“. Die ersten E-Mails wurden in den späten 1970ern versendet.
- Schon im Jahr 1938 stellte Konrad Zuse den ersten modernen und vor allem digital arbeitenden Computer auf Grundlage von Transistoren fertig. Alle antiken Vorläufer funktionierten rein mechanisch (z.B. Abakus) und haben wenig mit dem Thema dieses Beitrags zu tun.Können wir uns für diesen Artikel darauf einigen, dass Digitalisierung und dessen Grundlagen – digitale Computer und Internet – erstens schon älter sind als gemeinhin anerkannt und zweitens ihr volles Potenzial noch lange nicht ausgespielt haben. Es hat gerade erst angefangen.
Vom Internet zum Internet of Things zum Internet of Everything
Mit den ersten vernetzten Rechnern wurde schnell klar, dass neben dem „Mooreschen Gesetz„, welches die exponentielle Verdopplung der Rechengeschwindigkeit und Speicherkapazität von Computersystemen bei gleichem Preis beschreibt, ein weiterer, mächtiger Mechanismus seine Wirkung entfalten würde. Das „Metcalfesche Gesetz“ besagt, dass in Kommunikationsnetzwerken der Gesamtnutzen proportional zur Anzahl der möglichen Verbindungen steigt, während die Kosten nur proportional zur Anzahl der Teilnehmer steigen. Übertragen auf das Internet hat die Kombination aus beiden Gesetzen rasant dazu geführt, dass immense Werte quasi aus dem Nichts erzeugt wurden allein durch die Vernetzung an sich. Dieser Wert lässt sich schwer quantitativ oder qualitativ bemessen, was nicht zuletzt durch eine „Dotcom“-Spekulationsblase im März 2000 tragisch belegt ist.
Heute nutzen wir alle das Internet ganz selbstverständlich. Wir googeln alles, was wir nicht selbst wissen, schlagen bei Wikipedia anstatt im Lexikon nach, bieten Waren auf Online-Tauschbörsen an, bestellen Bücher, Möbel und Lebensmittel im Internet. Ohne das Internet würden viele Regale in Ihrem Supermarkt anders aussehen, die Kommunikation mit Freunden und Verwandten über Landesgrenzen hinweg wäre schwer oder sehr teuer, und Sie würden erheblich weniger hochwertig produzierte Serien oder Katzenvideos von Hobbyveterinären konsumieren.
Als Folge der Miniaturisierung der Computerchips nutzt ein in Deutschland lebender Mensch 1,6 Handys, 95% der 14- bis 49-Jährigen nutzt ein Smartphone, immer mehr Wearables wie Smartwatches vernetzen die vorhandenen Geräte mit dem digitalen Zwilling der Besitzer, während die Datenströme in die Cloud (also in Rechenzentren irgendwo auf der Erde) führen und einen Mehrwert generieren. In der Industrie sind Anlagen und Geräte miteinander vernetzt, jeder heute verkaufte Neuwagen hat eine Internetverbindung, das Internet der Dinge ist Gegenwart. Hier gilt schon längst das Metcalfesche Gesetz: diejenigen Unternehmen, die die Geräte verkaufen, müssen nicht unbedingt den größten Umsatz machen. Eine Software-Schicht mischt sich sehr erfolgreich in die Erlösströme ein und Entwickler von San Francisco über Berlin und Tel Aviv bis Bangladesh verdienen mit.
Im Schnitt besaß im Jahr 2018 jeder deutsche Haushalt 500 vernetzte Geräte, weltweit sollen es bis 2020 rund 50 Milliarden sein. Der Trend ist ungebrochen: alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden. Ich weiß nicht, wer diese Feststellung als erstes machte, vermutlich jemand aus dem Silicon Valley. Übersetzt bedeutet dies – für dieses Thema -, dass alle Alltagsgegenstände in den kommenden Jahren mit IP-Adressen und Sendefunktion ausgestattet sein werden, darunter Bekleidung, Hausgeräte, Verpackungsmaterial, Möbel, Körper, innere Organe…
Kurze Zukunft des Internets: Das Omninet
-
- Jedes Hörgerät, jeder Herzschrittmacher, jeder smarte Spiegel enthält inzwischen mehr Hightech als die Computer, die die Mondmission errechnet haben. Selbst der Gesundheitsbereich unterliegt natürlich inzwischen der freien Marktlogik – wo ein Angebot existiert, das ein (möglicherweise bis dahin unbekanntes) Bedürfnis befriedigt, kann weltweit die Märkte erobern.
- Bereits heute tragen über 50.000 Menschen weltweit einen NFC- oder RFID-Chip unter der Haut (t3n 2017), ich bin einer von denen. Heute lassen sich auf den etwa reiskorngroßen Implantaten Daten speichern, beispielsweise die Gesundheitsakte, Links zur Lieblingsmusik oder soziale Profile. Alles, was Sie mit einer Hotelzimmerkarte erledigen, kann der Chip; vorausgesetzt, das Kartenschreibgerät an der Hotelrezeption ist kompatibel damit. Alles, was eine Kreditkarte kann, wenn Sie damit kontaktlos an der Supermarktkasse zahlen, kann der Chip. Aus Insider-Gesprächen weiß ich, dass die großen Kreditkartenfirmen noch zögern, eine nennenswerte deutsche Bank jedoch an der Zulassung eines Banking-Prozesses arbeitet, um den Cyborgs das kontaktlose Bezahlen auch ohne Geldbörse zu ermöglichen.
- IBM hat 2017 angekündigt, in fünf Jahren das „lab on a chip“ auf den Markt zu bringen. Die Idee: ein Nanochip von der Größe weniger Nanometer wird in die Blutlaufbahn injiziert, um permanent Vital- oder Enzündungswerte des Menschen zu beobachten. Viele tödliche Krankheiten – darunter Brust- und Prostatakrebs – werden leider zu oft zu spät erkannt, da sie im frühen Stadium noch keine Beschwerden verursachen, wenn die Heilungschancen noch bei nahezu 100% liegen.
- Eine Handvoll Unternehmen entwickelt Kontaktlinsen, die mittels Computerchip nicht nur die Sehkraft auf bis zu 150% steigern, sondern auch virtuelle Informationen wie Navigationsdaten, ein Fußballspiel oder Wikipediaartikel einblenden können. Die Marktreife dieser Linsen, die sich nicht ausschließlich auf Menschen mit Sehschwäche konzentrieren werden, erwarte ich ebenfalls im Jahr 2022.
In den 2030er Jahren könnten Unternehmen wie Neuralink Minichips für den Einsatz im Gehirn auf den Markt bringen. Der Zweck: Speicherung von Gedanken in einer Cloud, Download von Wissen aus dem Internet, Optimierung der Denkleistung basierend auf KI.… und all diese Geräte sind mit dem Internet verbunden. Willkommen im Omninet, in dem Sie und Ihr digitaler Zwilling eine eigene IP-Adresse haben werden. Im Übrigen wird Ihr digitaler Zwilling eigene Entscheidungen treffen und anhand der Gesetzgebung als elektronische Person selbstständig haftbar dafür sein.
Erklärt mir bitte jemand, warum angesichts dieser revolutionären Fortschritte der vergangenen paar Jahrzehnte noch kein Schulfach Digitalisierung existiert, warum Beschäftigte nicht regelmäßig digital weitergebildet werden, warum es kein ernsthaftes Digitalisierungsministerium gibt und warum immer noch an der alten Wirtschaftslogik festgehalten wird?
Unsortierte Quellen
Wikipedia (2019): Digitalisierung, online: https://de.wikipedia.org/wiki/Digitalisierung, abgerufen am 19.05.2019.
Wikipedia (2019): Geschichte des Computers, online: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Computers, abgerufen am 19.05.2019.
Wikipedia (2019): Internet, online: https://de.wikipedia.org/wiki/Internet, abgerufen am 19.05.2019.
Verantwortung: CO2 kompensieren
Willkommen in der moralischen Zone! Lassen Sie uns ein bisschen über Verantwortung philosophieren. Heute: CO2 kompensieren.
Als Homo Sapiens im 21. Jahrhundert tragen wir eine ungeheure Verantwortung für den Fortbestand des Planeten, auf dem wir leben – ob wir das nun wollen oder nicht. Präzise ausgedrückt stimmt das natürlich nicht ganz. Dem Planeten Erde ist es herzlich egal, was auf ihm passiert, er existierte bereits gut 4,6 Milliarden Jahre, bevor die Menschheit in ihrer heutigen Form sich durchsetzte. Doch unsere Spezies bzw. die nachfolgenden Generationen dürften sehr wohl ein Interesse daran haben, darunter also auch Ihre und meine Nachkommen.
Sie sind vermutlich hier gelandet, weil Sie ohnehin gut gebildet sind und sich fragen, was der Gondlach nun über Verantwortung zu sagen hat. Sie wissen, dass der Klimawandel anthropogen induziert ist. Sie wissen, dass CO2 und andere Treibhausgase den Prozess noch beschleunigen und dass eine Reihe von uns lieb gewonnenen Verhaltensweisen für die vermehrte Freisetzung klimaschädlicher Gase sorgen, darunter: motorisierter Individualverkehr, Flugzeugreisen, Kreuzfahrten, konventionelle tierische Landwirtschaft (und damit mittelbar der Konsum von Fleisch, Milch, Eiern und anderen Tierprodukten), … und so weiter. Bei all dem wissen Sie auch insgeheim, dass Sie selbst mehr tun könnten, um dem Klima einen Dienst zu erweisen. Ja, ich auch.
(Nicht nur) Mein Job ist geprägt durch zahlreiche Dienstreisen im Jahr. Nicht immer ist es dabei möglich, auf Reisen per Flugzeug zu verzichten, jedes Mal stehe ich persönlich vor einem Dilemma. Es gibt nur eine Möglichkeit, CO2 in der Atmosphäre umzuwandeln und den Treibhauseffekt eventuell zu verlangsamen: Bäume pflanzen. Mir fehlt leider sowohl Zeit als auch der grüne Daumen, dies selbst zu tun, weshalb ich mich vor einigen Jahren auf die Suche nach einer Alternative gemacht habe. Und ich bin fündig geworden und möchte diesen letzten Ausweg aus dem Klimadilemma jedem ans Herz legen. Inzwischen existieren einige Organisationen, die Ihre Klimasünden durch Aufforstungsprogramme rund um die Welt zumindest ein bisschen wieder gut machen. Googeln Sie mal CO2 kompensieren. Meine Wahl fiel auf Atmosfair.
Aber vergessen Sie dabei bitte nicht, dass natürlich nur die Vermeidung von klimaschädlichen Treibhausgasen das Klima retten kann. Die Kompensation von CO2 allein kann den Klimawandel nicht aufhalten.
Ich möchte mich mitnichten an der Ausstrahlung der wunderbaren Greta Thunberg bedienen, aber ihr TED-Talk passt einfach unheimlich gut zu diesem Beitrag. Auf der Seite wird auch das Transkript (in 29 Sprachen) zur Verfügung gestellt. Teilen erwünscht, handeln empfohlen.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit! Wenn Sie persönliche Erfahrungen oder Tipps zum Thema haben, scheuen Sie nicht die Kommentarfunktion.
05/2019: Karrieremesse im Süden
Bei der Karrieremesse im Süden durfte ich am 9. Mai 2019 meine Forschung und Gedanken über Zukünfte mit Studierenden und Absolvent*innen aus der Umgebung teilen - hier gibt's den Vortrag in voller Länge.
09/208: So leben und arbeiten wir in der Zukunft (Bearing Point)
Am 14. September 2018 wurde ich von Bearing Point, einem der weltweit größten Beratungshäuser für Mobilitäts- und Technologiefragen, auf eine große Bühne gebeten. Rund 1500 Zuschauer waren in der Station Berlin dabei, als ich sie auf eine Reise ins Jahr 2030 entführte - natürlich mit einem Fokus auf die wichtigsten Themen ihrer Klienten: Mobilität, Gesundheit und Arbeitswelten.
Warum ich Dorothee Bär mag … über Flugtaxis und Digitalisierung der Mobilität
Es gibt diese Themen, die man als Zukunftsforscher lieber ausspart. Zu verbraucht sind Prognosen, die nie eintrafen, ein zu hohes Risiko der potenziellen Unglaubwürdigkeit ist damit verbunden. Deshalb analysieren wir wissenschaftlich arbeitenden Zukunftsforscher konkrete, real existierende Treiber statt netter Ideen und möglicher Utopien. Seit ich in der Zukunftsforschung aktiv bin, werden mir immer wieder Fehlschläge der mutmaßlichen Propheten, Visionäre, Träumer humorvoll als Benchmark meiner Thesen entgegengebracht, denn auch in unserer relativ kleinen Branche gibt es schon sowas wie Sippenhaft. Einer der Dauerbrenner: „Wann gibt es endlich Flugautos?“ oder im Politiksprech: Ist die CSU-Staatsministerin für Digitales Dorothee Bär eine haltlose Seherin? Vielleicht, aber die Diskussion hat mehrere Ebenen. Abseits von machtpolitischen und juristischen Aspekten möchte aber ich an dieser Stelle nur auf die beiden wirklich wesentlichen eingehen: Wie realistisch ist die Vision der fliegenden Autos und was hat Digitalisierung damit zu tun?
1. Fliegende Autos werden Realität, sehr bald!
Wie eingangs beschrieben habe ich persönlich das Thema Flugautos immer schon äußerst skeptisch beäugt. Aus unterschiedlichen Gründen (Preis, Regulation, Technik, Reichweite, Finanzierung) reichte es bislang ja auch nicht zum Durchbruch.
Die Liste der aktuellen Projekte und der finanziellen Mittel, die in deren Entwicklung fließen, wird aber immer länger. Ein paar Beispiele:
- PAL-V (Personal Air- und Land-Vehicle) aus den Niederlanden. Zur Steuerung benötigt der Insasse aktuell noch einen Flugschein, womit das Fluggefährt eher etwas für das Luxussegment bleibt.
- Das in Deutschland gegründete Starup Lilium möchte schon sehr bald ein elektronisch betriebenes Flugauto auf den Markt bringen und mit einer smarten App auf Abruf zum Taxitarif zur Verfügung stellen. Reichweite: 300 km, Geschwindigkeit: 300 km/h. Tatsächlich gibt es hierzulande noch weitere Projekte, die nur auf die Freigabe des Luftraums warten, die sind aber leider noch nicht spruchreif.
- Ehang aus China hat ein serienreifes Flugtaxi entwickelt, welches 2017 bereits die ersten Flüge in Dubai durchführte. Noch wird das Flugauto, das eine Person und eine Aktentasche ca. 50 km trägt, vom Boden aus ferngesteuert. In naher Zukunft sollen die fliegenden Taxis jedoch als autonome Drohnen selbstständig Passagiere stressfrei über den Stadtverkehr fliegen.
- Ein vorerst letzter, mächtiger Akteur dieser unvollständigen Liste ist der Luftfahrtriese Airbus. Im Projekt Vahana wird seit einigen Jahren an einem Flugauto gewerkelt, das im ersten Quartal 2018 seinen Jungfernflug meisterte. Bei einer derartigen finanziellen Rückendeckung fällt es nicht schwer sich vorzustellen, dass der Straßenverkehr schon bald einige Etagen in die Luft verlegt wird.
Angesichts dieser Entwicklungen und der laufenden Bestrebungen, den mittleren Luftraum für die private Luftfahrt sowie Drohnenverkehr zu öffnen, traue ich mich seit einer Weile endlich, ernsthaft über die Implikationen und Auswirkungen von Flugautos nachzudenken. Endlich!
2. Digitalisierung ist nicht gleich Breitbandinternet
Zurück zu Dorothee Bär. Mit ihrer Aussage, dass sie in der laufenden Legislatur die Digitalisierung in Deutschland vorantreiben möchte und auch Flugtaxis auf ihrer Agenda stünden, wurde sie leider in der öffentlichen Diskussion stark kritisiert, um es vorsichtig zu formulieren. Dabei war dieser Moment der erste seit Langem, in dem nicht nur Zukunftsforscher wie ich aufatmeten und ein Ende der chronischen Visionslosigkeit der deutschen Politik herbeisehnten. Denn in Visionen steckt eine unheimliche Macht, die Zukunft zu gestalten: sie mobilisieren Mitstreiter und Financiers, übersetzen Ideen in Pläne und bricht Tabus, die andernfalls gefährlichen Stillstand und Bequemlichkeit zementieren. Dorothee Bär hat als erste deutsche Spitzenpolitikerin öffentlich gezeigt, dass sie den Grundmechanismus der Digitalisierung verstanden hat. Digitalisierung bedeutet nicht nur Breitband und schicke Smartphones, Digitalisierung findet auch ein paar Etagen weiter oben statt. In diesem Fall: in der Luft.
Digitalisierung ist vor allem der Nutzwert, der entsteht, wenn die unsichtbare Datenübertragung sinnvoll Menschen das Leben erleichtert. Dazu gehört neben Katzenvideos auf Youtube, endlosen, frei zugänglichen Wissensdatenbanken wie Wikipedia oder die Diagnose seltener Krankheiten auch der Verkehr und die gesamte Mobilität. Ohne den derzeitigen Stand der Digitalisierung wären Flugtaxis auch heute noch Utopie. Sind sie aber nicht. Denn ohne die technologisch-getriebene Dynamik der Digitalisierung wäre es heute noch nicht möglich, Fahrzeuge aus gängigen Materialien mit Elektromotoren stabil in die Luft zu bringen. Wieder einmal spielen die immer leistungsfähigeren Computerchips eine wichtige Rolle – sowohl im Fahr-/Flugzeug selbst als auch in der Organisation der einzelnen Vehikel sowie bei der Materialforschung. Vielleicht verlassen wir doch bald #neuland und brechen auf in die digitalisierte Ära.
3. Innovationslogik der digitalen Ära
Jules Verne hat nicht als erster sinngemäß gesagt: „Alles, was sich ein Mensch vorstellen kann, wird eines Tages Realität sein.“ Von allein geschieht das jedoch nicht. Kapitalismuskritik hin oder her, das bestehende globale Wirtschaftssystem hat die historische Grundlage dafür gelegt, ideenreiche Menschen mit aussichtsreichen Geschäftsmodellen mit Kapital auszustatten und die Welt zu verändern. Investitionen entscheiden über die Realisierung visionärer Ideen – was trivial klingt, ist in Deutschland noch nicht vollends angekommen. Und das, obwohl viele fähige Innovatoren wie Peter Thiel oder Dirk Ahlborn aus Deutschland in anderen Teilen der Welt ihre Ideen Realität werden lassen. Unser System ist bewusst kontra-innovativ ausgelegt – bzw. kontra-disruptiv, denn inkrementelle Innovation beherrschen wir hier sehr gut.
Doch zu wenige Risikoinvestoren wagen die Bezuschussung riskanter Ideen, im Fall einer Förderung sichern die Summen selten mehr als das erste Jahr. In diesem ersten, so wichtigen Jahr bildet sich in den jungen Startups die Unternehmenskultur heraus … und zack – schon ist die traditionelle deutsche Mentalität des Sparens und Wartens eingepflanzt. Dabei sitzen deutsche Unternehmen und Konzerne auf kumulierten Rücklagen in Billionenhöhe, die nur darauf warten, die Welt zu verändern! Aber „man“ wartet lieber gemächlich ab, optimiert über Jahrzehnte bestehende Prozesse und beschwert sich, dass Bahn und Flug zu spät sind. Anstatt grundlegend andere Lösungen zu suchen! Irgendwie mutet diese Kausalkette schizophren an … und sie führt am Ende in einen Teufelskreis.
Wer A sagt, muss auch B sagen
Liebe Dorothee Bär, wenn Sie es wirklich ernst meinen mit Ihrer Digitalvision, brechen Sie eine Lanze für all die motivierten Gründerinnen und Gründer. Bringen Sie die private Förderlandschaft dazu, mehr Risiko zu wagen und höhere Summen in potenzialträchtige Startups zu investieren. Sonst jammern in zehn Jahren alle, dass die deutschen Mobilitätsunternehmen von China, Silicon Valley und Qatar entmachtet wurden. Rückblickend wird man dann die schmerzhafte Diagnose stellen können, dass wir selbst Schuld daran waren. Dann haben wir endlich wieder einen Grund zum Jammern. Ich wünsche Ihnen und Ihren Mitstreiter*innen viel Erfolg dabei.
Also bitte ich Sie, liebe Öffentlichkeit, liebe Zweifelnde und Fortschrittsgegner, um einen Gefallen: denken Sie gelegentlich in Chancen anstatt in Unmöglichkeiten, denken Sie mal „ja, und!“ anstatt „ja, aber“, stehen Sie aber bitte wenigstens nicht denjenigen im Weg, die ihre Visionen in die Tat umsetzen.


