Letztes Corona-Update: Resilienz 2022+

Wer hat noch Lust auf mehr oder weniger kluge Beiträge über Corona / Covid19? Ich auch nicht. Fast ein Jahr ist es nun her, dass ich mit meinem Pandemie-Beitrag einige Gemüter erhitzt habe. Am 28. Feburar 2021 veröffentlichte ich meine Gedanken darüber, wie wohl der Corona-Sommer 2021 verlaufen könnte und schrieb unter anderem in eine Zwischenüberschrift "Querdenker töten":

https://www.kaigondlach.de/artikel/wie-wird-der-corona-sommer-2021/

Und wo stehen wir jetzt?

Inzwischen ist der Plan der Durchseuchung der Gesellschaft mit Corona (v. a. Delta und Omikron) längst Realität, auch die neue Bundesregierung setzt der kollektiven Verwirrung wenig entgegen und meine Wünsche für beherzte Maßnahmen für mehr Bildung, Gerechtigkeit und Demokratie wirken inzwischen utopisch. Sind wir hier etwa nicht bei "wünsch dir was"? Natürlich nicht.

Dazu fällt mir ein Zitat des Schweizer Schriftstellers Kurt Marti ein:

Wo kämen wir hin, wenn jeder sagte, wo kämen wir hin und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen?
Kurt Marti, 1921-2017

Gerade erleben wir eindrucksvoll die Antwort auf diese geniale rhetorische Frage.

Resilienz nach Corona

Die kollektive Krisenerfahrung, die die Menschheit hätte zusammenschweißen können, hat eher zu einer Vertiefung der Gräben geführt. Auch global. Denn schaut man sich den Impfstatus der Staaten bei Statista an, bildet dieser natürlich die Verteilung des globalen Bruttoinlandsprodukts ab. Einerseits konsequent, andererseits weit entfernt von den ach so humanistischen Idealen der Weltgemeinschaft. Andererseits weisen nicht immer demokratische Staaten die höchste Impfquote auf, so führen die Vereinigten Arabischen Emirate die Tabelle an, auch in den Top 10: China und Kambodscha (Quelle: NZZ).

Derweil prallen Meinungen, Gruppen und sogar Staaten aufeinander wie lange nicht mehr. Inzwischen erleben wir die Neuauflage des Kalten Kriegs, der umso heißer wird, je leidenschaftlicher einzelne Menschen oder ganze Staatsregierungen auf ihrem Ego bestehen, anstatt die Argumente der Gegenseite anzuhören. Ob es um die Herkunft des Virus oder die Blockkonfrontation im europäischen Osten geht, die so hoch gelobte Individualisierung hat uns in einen Hobbes'schen Krisenzustand geführt, in dem wieder jeder Mensch des anderen Menschen Wolf ist. Wer nicht meine Ziele unterstützt, ist ganz klar mein Feind - so scheint das Credo vieler (insb. Social Media) Aktivisten.

Leider hat sich parallel der Zustand der Demokratie weltweit verschlechtert, wie die letzte Aktualisierung der berühmten Economist-Studie zeigte; nur noch etwa 45,7 Prozent der Weltbevölkerung lebt in einer Demokratie ggü. 49,4 Prozent im Jahr 2020. Anders als einige Trendforscher und andere Propheten hat sich also leider keine sprunghafte Verbesserung von praktisch allem durch die Pandemie ergeben. Schade.

Corona im Sommer 2022+

Wagen wir also eine (hoffentlich) letzte Prognose, wie es mit der Corona-Pandemie weitergeht. Die Grundbedingungen sind wenig rosig, doch es gibt natürlich auch Hoffnung. Zunächst die Sorgen.

Wir spazieren barfuß auf dem Scherbenhaufen, vielleicht unterlassen Verantwortliche deshalb ruckhafte oder große Schritte. Das Vertrauen in Politik und Medien hat seinen Tiefpunkt erreicht, was eigentlich ein Indiz dafür ist, dass sich "die Medien" oder "die Politik" eben nicht besonders gut absprechen (konträr zur Meinung eines großen Teils der "Systemkritiker"). Wer schon während der Bundestagswahl und den Koalitionsverhandlungen insbesondere gegen den rot-grünen Part der Ampel war, wird nun wenig Verständnis für jede Form der Politik haben. Es ist ja viel einfacher, sich weiterhin auf der eigenen Meinung auszuruhen und die eigene Dagegenheit zur Schau zu tragen, gern bei den grenzwertigen Spaziergängen.

Hoffnung habe ich in folgenden Dimensionen:

  • Dank moderner Technologie, öffentlichem Interesse und großen Anstrengungen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene ist es sehr schnell gelungen, wirksame Impfstoffe in Rekordzeit zu entwickeln. Ich bin kein bedingungsloser Fan sämtlicher Maßnahmen zur Eindämmung und Bekämpfung der Virusausbreitung. Im Großen und Ganzen jedoch geht aktuell leider auch schnell wieder unter, wie privilegiert wir im globalen Norden sind, überhaupt Zugang zu Hygiene und Gesundheitsversorgung im Allgemeinen, zu einer breiten Auswahl von Impfstoffen im Speziellen zu haben.
  • Inzwischen ist empirisch recht gut belegt, dass die Mehrheit der Gesellschaft wenig mit Systemrevolte anfangen kann. Die offiziellen Querdenker-Kanäle sind inzwischen an sich selbst und der Realität zerbröselt, teilweise wurden sie aufgrund der klar systemfeindlichen und nicht selten rassistischen oder antisemitischen Kultur zensiert oder gar verboten. Wer jetzt auch noch den Mut hat, seinen Egotrip zu beenden und Fehler einzugestehen, sollte dafür Anerkennung erhalten. Amnestie für Querdenker!? Das Paradoxe: Inzwischen zieht es einen ordentlichen Teil der Systemopposition aus demselben Grund in die Normalität wie die demokratische Mehrheit - die Schlacht wurde verloren, einige zentrale Köpfe der Bewegung sind gefallen, also zurück zur scheinbaren Konformität.
  • Apropos Köpfe: Die Pandemie hat viele kreative und innovative Köpfe zusammengebracht. Einige davon habe ich in meinem Podcast befragt. Ob Nachhaltigkeit, Bildung oder Digitalisierung - nicht alles stand in den letzten zwei Jahren still. Vieles ging in die richtige Richtung, wenn man etwas Mut zur Lücke hat, wird man als Optimist ein Leuchten am Ende des Tunnels sehen.
  • Apropos Ende des Tunnels: Mit der Corona-Variante Omikron ist nicht zu spaßen. Nein, auch sie kann tödlich verlaufen, gestern (13.02.2021) sind 42 Menschen in Deutschland am Virus gestorben, aktuell heute wird voraussichtlich die Marke von 120.000 Corona-Toten überschritten (Quelle: RKI). Dennoch ist die Hospitalisierung und auch die Sterberate mit dem Rückgang von Delta ebenfalls gesunken. Aus Perspektive des Virus macht das sogar Sinn: möglichst viele Wirte infizieren, sie aber nicht töten, um anschließend weiterleben zu können. Das heißt für unsere Pandemie-Prognose folgendes: Die Zeichen stehen auf ein baldiges Ende der Corona-Pandemie. Juhu! Dass das nicht bedeutet, dass wir komplett durchatmen können, versteht sich von selbst. Endemie ist nicht gleich: ungefährlich.

Was ist jetzt zu tun für mehr Resilienz?

Aber was wäre dieses Zlog ohne ein paar Denkzettel für die nächsten Monate? Also los:

  • Wie ich in meinen letzten Vorträgen zum Thema "Resilienz" gebetsmühlenartig wiederholt habe, ist es nicht damit getan, eine Krise durchzustehen. Klar, als erstes gehört zur Verarbeitung einer schlimmen, traumatischen Erfahrung das Zurechtfinden in der neuen Normalität. Also: Euphorie, Party, Freedom Day! Danach geht's aber an die Aufarbeitung. Nicht zurück zum alten Normal, das ist völliger Unsinn. Es gehört zu jeder vernünftigen Krise, dass das alte Normal mit ihr stirbt. Wer versucht, daran festzuhalten oder dahin zurückzukehren, wird wahnsinning. Ich kenne das unter der Erfahrung einer PTBS. Insofern wünsche ich mir von einer mündigen Zivilgesellschaft, dass sie sich spätestens 2023 an eine umfangreiche Aufarbeitung der Krise, ihrer Ursachen und einer Neugestaltung auf Systemebene setzt.
  • Systemebene heißt nicht einfach nur "die Politik", die dank unklarer Kommunikation zu viele Flanken geboten hat, um sogar im Zentrum der Demokratie immer wieder Angriffe hinzunehmen. Die Liste ist zu lang für einen kurzen Beitrag. Systemebene heißt aber eben auch ein neues Selbstverständnis "der Wirtschaft", in dem es nicht mehr sanktioniert werden darf, wenn man sozial und/oder ökologisch wirtschaftet. Der Wandel hat begonnen, doch mit ausschließlich Selbstverpflichtungen wird er zu lange dauern. Wir müssen uns auch wagen, Kapitalismus neu zu denken und wer jetzt automatisch "Sozialist!" rufen möchte, sollte nochmal nachdenken. Das ist keineswegs gemeint, sondern eine verbesserte Neuauflage der sozialen Marktwirtschaft. Und ja, das lohnt sich auch oder insbesondere, wenn anderswo die Demokratie abnimmt.
  • Nach der Pandemie ist vor der Pandemie. Wie ich schon am 03.07.2021 in meinem Mini-Podcast "Kai for Future" berichtet hatte, warnte der Weltbiodiversitätsrat (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, kurz IPBES) Mitte 2020 davor, andere Viren zu unterschätzen, während die globale Aufmerksamkeit auf Sars-Cov-2 ruht. Wörtlich sagte ich dann:

Es wird geschätzt, dass 1,7 Millionen Viren mit Säugetier- oder Vogel-Wirten aktuell noch unentdeckt sind, von denen wiederum 631-827 Tausend das Potenzial haben, Menschen zu infizieren. Nochmal die Zahl: durchschnittlich 730.000 Erreger warten nur darauf, Menschen zu infizieren. Dazu gehören u.a. einige weitere Coronaviren, aber auch der alte Bekannte H5N1 - Vogelgrippe - und dessen Mutationen.
Kai Gondlach in "Kai for Future" am 3.7.2021

Auf der Website des IPBES findet man alle Daten dazu. Kurz: Wir kommen nicht umhin, die Ursachen der Pandemie gründlich aufzuarbeiten und strukturelle Faktoren zum Teil großzügig anzupassen. Wie früher beschrieben, gehören dazu teils drastische Maßnahmen, die weniger drastisch wären, wenn man früher agiert hätte. Stichwort: Zukunftsforschung.

Und dann? Aufbereitung letzte Pandemie, Vorbereitung auf die nächste

Um die Einstiegsfrage aufzugreifen: Wer hat Lust auf noch eine Pandemie?

Ich denke, niemand. Insofern bereiten Sie sich gern innerlich schon mal darauf vor, auch in den nächsten Jahren zum Teil erhebliche Veränderungen im Alltag wahrzunehmen. Die steigenden Energiepreise der letzten Wochen sind ein erstes Indiz dafür, ähnlich wird es mit einigen Lebensmitteln - vor allem weit gereisten und ökologisch wenig nachhaltigen, wie insbesondere Fleischwaren - ablaufen. Hinzu kommen immer weitere Varianten bzw. Mutationen des vorhandenen Virus. Komplexe Lieferketten werden sich umstellen, Produktion weiterhin regionaler stattfinden. Und da haben wir noch nicht über politische Ungewissheiten wie den "neuen" Block Russland-China gesprochen, der sicherlich einige Auswirkungen auf den "Westen" im Gepäck hat. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Ich bleibe dabei: Zukunft ist eine Frage der Perspektive. Wenn wir uns eine gute Zukunft wünschen, müssen wir auch etwas dafür tun.

Photo by Joshua Rawson-Harris on Unsplash


Ausblick 2022: Corona, Ampel und High-Tech

2021 ist vorbei. Endlich, denken jetzt bestimmt viele. Was erwartet uns im neuen Jahr 2022? Eins ist sicher: Es wird nie wieder so wenige Veränderungen und Überraschungen geben wie im zurückliegenden Jahr. Mit diesem Beitrag möchte ich ein paar Rückblicke geben, vor allem soll es aber um den Ausblick auf 2022 gehen. Anschließend gibt's noch einen sehr persönlichen Rückblick auf ein außerordentlich turbulentes Jahr in meinem Leben.

Allgemeiner Rück- und Ausblick 2021/2022

Zu jedem Ausblick gehört auch ein kurzer Rückblick. Ich bemühe mich um Reduktion aufs Wesentliche, versprochen!

Die wichtigsten Themen im Schnelldurchlauf:

Pandemie: Wie geht's 2022 weiter?

Corona spaltet die Gesellschaft nicht, stattdessen sind die bestehenden Spaltungen offensichtlicher zutage getreten. Noch immer ziehen ungeimpfte Mobs teils mit Fackeln, teils mit Kindern als Schutzschilde [wie in Schweinfurt, siehe 1, 2, 3, 4, 5] durch die Dörfer und wollen gehört werden. Sie sind entweder esoterisch oder aus anderen Gründen kategorisch gegen Impfungen und glauben, ihr Immunsystem komme mit dem Virus klar; sie sind Neonazis oder andere politische Extreme bzw. Radikale und haben nur auf eine Gelegenheit gewartet, die Demokratie anzugreifen und Ungebildete hinter sich zu versammeln; sie sind Ungebildete und/oder digital Abgehängte, die nicht wissen, wie man eine wahre von einer gefälschten Information unterscheidet; schließlich die Ängstlichen, die entweder Angst vor Spritzen haben, Angst vor einem Genozid durch Bill Gates oder Angst vor einem Impfstoff, der schneller denn je entwickelt wurde.

Gegen die Spekulationen hilft Information. Das Paul-Ehrlich-Institut sammelt beispielsweise Nebenwirkungen und Impfschäden und "gibt die durchschnittliche Häufigkeit von anaphylaktischen Reaktionen nach der Verabreichung von derzeit in Deutschland zugelassenen Impfstoffen mit 0,4 bis 11,8 pro 1 Million Impfstoffdosen an" [RKI]. Natürlich gibt es auch noch die Schwerkranken, die sich nicht impfen lassen können, doch das sind verschwindend wenige - die meisten Bedenken hinsichtlich der eigenen Untauglichkeit für eine Impfung werden sehr transparent aufgeklärt und treffen nicht zu. Und selbst bei einer Allergie gegen einzelne Bestandteile eines Vakzins gibt es ja zum Glück inzwischen eine breite Auswahl, bald auch sogenannte Totimpfstoffe. Für eine Übersicht zur Impfung empfiehlt sich die Übersicht des RKI sowie das Impf-Dashboard der Bundesregierung.

Meine Beobachtung nach bald zwei Jahren Pandemie: Es wird noch immer zu viel auf eine laute Minderheit gehört, was eigentlich ein Anzeichen einer guten Demokratie in einer pluralistischen Gesellschaft ist, dennoch bleibt diese Minderheit bei Anklagen, wir lebten in einer Corona-Diktatur; es gibt übrigens eine gruselige Überschneidung in den Splittergruppen, die sich ebenso vor einer Öko-Diktatur fürchten oder seit Jahren eine linksgrünversiffte Verschwörung wittern. Oft werden die hinreichend begründeten Eingriffe ins öffentliche Leben durch die Pandemiemaßnahmen als unrechtmäßige Grundgesetzeinschränkungen überspitzt; dies wurde nun mehrfach von unterschiedlichen Gerichten widerlegt. Umgekehrt rechtfertigen viele Gegner:innen ihre "Meinungsfreiheit", wenn sie die Wirksamkeit der Impfungen, die Wahrhaftigkeit medialer Berichterstattung oder den Hergang der Pandemie anzweifeln; doch auch Meinungsfreiheit hat ihre Grenzen. Um genau zu sein genau dort, wo sie bewusst Lügen oder Fake News verbreitet - in einem Artikel von Mitte 2020 sehr verständlich erläutert von der Bundeszentrale für politische Bildung. Die einzige Logik, die das Handeln und Kommunizieren in den Kommentarspalten in "Social Media" eint, ist die durch den kognitiven Bestätigungsfehler (confirmation bias) befeuerte rekursive Beweisführung - wer oder was anderer Meinung ist, ist offensichtlich ein:e Gegner:in. Das ist keine Polemik, sondern sorgsam beobachtete Alltagspraxis.

Wechseln wir mal die Perspektive.

Infolge der Shutdowns wurden einerseits viele Existenzen bedroht oder mussten aufgeben. Auf der anderen Seite hat die Bundesregierung 57 Milliarden Euro an Zuschüssen ausgezahlt, um genau dies zu verhindern, Kredite wurden in Höhe von 109 Milliarden Euro vergeben (Stand November 2021). Vor allem kleine und mittlere Unternehmen wurden in der "Überbrückungshilfe III" berücksichtigt und gerettet, wovon auch ich profitiert habe. Wer hier noch von einer Diktatur spricht, ist ein Fall für die geschlossene Abteilung oder sollte vielleicht mal ein längeres Praktikum in Belarus machen.

Wir leben im Schlaraffenland und keiner merkt's.

Doch Empörung über diejenigen, die leider durch das Raster fallen oder tragischerweise mit den Antragsformularen überfordert sind, verbreitet sich erheblich effizienter als Erfolgsmeldungen über gerettete Existenzen und Rekordkurzarbeitergeldsummen. Wenn ich mir die Diskussionen bei Facebook, Instagram, Tiktok und Linkedin ansehe, wird mir immer übler. Mein Ansatz ist es immer, die Beweggründe von Skeptiker:innen und Gegner:innen besser zu verstehen; manchmal muss ich mich sehr beherrschen, nicht zynisch zu werden. Oft klappt es aber ganz gut und auf respektvolles Zuhören folgen ehrliche Auseinandersetzungen. Es wäre ja auch zu einfach davon auszugehen, dass eine scheinbar einfache Lösung einfach so von 100% der Bevölkerung angenommen wird. Was oft fehlt, ist gewaltfreie, respektvolle und offene Kommunikation über die Bedürfnisse der Menschen. Vielleicht klappt's ja mit dem neuen Gesundheitsminister, der sich allerdings gerade bei skeptischen Menschen nicht gerade hoher Beliebtheit erfreut.

Wie geht's weiter?

Die Wahrscheinlichkeit für weitere Covid-Varianten ist relativ hoch. Auf Delta und Omikron werden global sicherlich noch einige weitere folgen, viele davon werden es nicht um die Welt schaffen und milder sein als die bisherigen. Im globalen Norden ist inzwischen ein großer Teil der Bevölkerung besser dagegen geschützt, vor allem dank der Impfungen inklusive Booster. Mein Mix besteht übrigens aus AstraZeneca, BionTech und Moderna, da ich von Beginn an auf Kreuzimpfungen gesetzt habe. Der globale Süden wiederum wartet noch auf Impfungen, wodurch das Virus weiter mutieren kann. Bedeutet: Die Fortschreibung des wirtschaftlichen Kolonialismus ist eine medizinische Notlage in zahlreichen Staaten in Afrika, Südamerika und Teilen Asiens. Während viele Menschen keinen Zugang zu vernünftiger Medizin haben, lehnen viele Deutsche die Impfung ab - diese Wohlstandsverwahrlosung widert mich an. Entsprechend unterstütze ich harte Maßnahmen gegen Menschen, die andere Menschen und damit die Gesellschaft auf egoistische Weise immer wieder bei Versammlungen in Gefahr bringen, die Falschmeldungen verbreiten und respektlos (besonders in "Social" Media) gegen alles hetzen, was nicht ihrer Meinung ist. Solidarität war nie wichtiger, doch die haben viele leider verlernt. Dank der Unentschlossenheit oder auch bewussten Opposition gegen Wissenschaft stecken wir noch viele Monate in der Pandemie, die auch im nächsten Winter Maßnahmen notwendig machen dürfte mit der Folge, dass die sich weiter radikalisierenden Covidioten auch mal zu schwererem Geschütz greifen werden. Der große Knall kommt noch und wie es sich für einen Rechtsstaat gehört, warten wir selbstverständlich ab, bis es eine Katastrophe gibt.

Das bringt mich zum nächsten Punkt.

Ampel-Regierung 2022

Die Deutschen haben gewählt und dabei kam erstmals eine Dreier-Koalition als Bundesregierung heraus (wenn man die CSU nicht als eigenständige Partei begreift, was sie ja auch nicht ist). Die sogenannte Ampel-Regierung aus Sozialdemokraten (SPD), Grünen und Freidemokraten (FDP) hat sich relativ schnell nach der Bundestagswahl gefunden und nach kurzen Sondierungsgesprächen und gar nicht mal übermäßig zähen Koalitionsverhandlungen auf einen Koalitionsvertrag geeinigt. Anfang Dezember wurde Olaf Scholz als neuer Bundeskanzler gewählt und der Rest des Kabinetts kann anderswo besser nachgelesen werden. Natürlich habe ich darüber auch in meinem Podcast "Im Hier und Morgen" berichtet. Was wichtig ist: Nach 16 Jahren konservativ geführter Politik freue ich mich unabhängig von der politischen Färbung auf eine progressive Regierung - wir brauchen mehr Veränderung. Denn was die Merkel-Ära auszeichnet, ist einerseits eine herzlichere und gar nicht mal so CDU-typische Kanzlerschaft des "wir schaffen das". Andererseits hat die Politik der kleinen Schritte ehrlicherweise vor allem verwaltet, statt zu gestalten; am Vergangenen festgehalten, statt sich Neuem zu öffnen; die Wogen im Äußeren geglättet, statt eigene Werte zu vertreten. Besonders in der Energie-, Sozial- und Wirtschaftspolitik hat sie bestehende Ungerechtigkeiten und Anachronismen verhärtet, statt sie aufzulösen.

Die Ampel-Regierung versteht sich im Kontrast zur CDU-Ära als Koalition des Aufbruchs. Viele auch strittige Punkte zwischen den einzelnen Parteien wurden erstaunlich schnell und konstruktiv gelöst; das könnte daran liegen, dass die FDP einfach mal wieder mitregieren wollte und somit viele Aspekte abgenickt hat. Was viele erstaunt hat, ist der scheinbare Triumpf der Freidemokraten, die Leitung des Verkehrsministeriums erlangt zu haben; für mich ein kluger Schachzug der Grünen, die ja wissen, dass Verkehr zwar in der Außenwahrnehmung ein wichtiges Ökothema ist, in Wirklichkeit aber Industrie und Ernährung die Hauptemissionsursachen sind. Meine Highlights sind der deutliche Anstieg des Mindestlohns, Bürokratieabbau in der Verwaltung, Neuordnung der Subventionspolitik insbesondere im Landwirtschaftssektor, Kohleausstieg bis 2030 und verpflichtende energetische Gebäudesanierung zum selben Datum. Selbstständigkeit soll stärker gefördert werden, Bildung stärker unabhängig vom sozialen Hintergrund und vor allem digitaler, Renten steigen und vieles mehr. Wenn die kommenden vier Jahre vernünftig genutzt werden sollen, dürfte schon in 2022 vieles auf den Weg gebracht werden. Ich bin gespannt, wie sich die Union positionieren wird, wie häufig Abstimmungen gemeinsam mit der AfD oder der Linken geschehen müssen!

Die politische Landschaft muss sich auf neue Gegebenheiten einstellen. Manche erwarten sogar das Aufbrechen der klassischen links-rechts-grün-Dimension, zumal über 40 zugelassene Parteien andere und teils nur partikulare Interessen vertreten - aber nicht im Parlament vertreten sind. Das Wahlrecht könnte eine Reform vertragen. Vielleicht schiebt die Ampel ja auch ein solches Vorhaben an? Wir werden sehen. Klar ist, dass die Welt komplexer und schneller geworden ist, seit die Bundesrepublik gegründet wurde. Das ist erstmal weder gut noch schlecht, jedoch muss man darauf reagieren, wahre Resilienz üben, Zukünftebildung (Futures Literacy) vorantreiben und Reibungen aushalten.

High-Tech-Trends in 2022

Kryptowährungen wie der Bitcoin , Ethereum und andere "Altcoins" werden weiter im Wert zunehmen. Das war seit deren Erfindung Ende der 2000er Jahre bislang konstant so und doch beäugen viele diese Entwicklung eher skeptisch. Gegen Ende des Jahres 2022 werden sich dann wieder alle, die immer noch keine haben, ärgern. Aber dann ist ja wieder ein Jahr rum und man weiß ja nicht, ob es sich jetzt denn nun noch lohnt. Ich wäre da skeptisch, die größten Kursgewinne dürften im Laufe des Jahres 2022 zu verbuchen sein, doch wenn eine kritische Masse "in krypto macht", ist es vorbei und langweilig. Alle Jahre wieder halt. Ein benachbartes Thema sind die Non-Fungible Tokens (NFT), die weiterhin die Digitalwelt erobern. Wer mit dem Begriff NFTs noch nichts anfangen kann und trotzdem etwas digital unterwegs ist, sollte sich damit mal beschäftigen. Bei Medium gibt’s einen netten Artikel, wie NFTs Netflix und Amazon Prime angreifen könnten.

Das Web 3.0 und das Metaversum sind im Anmarsch, werden aber zurecht von einigen Tech-Pionieren als vollkommen überschätzt dargestellt. Ich denke aber schon, dass in den nächsten Monaten und Jahren immer mehr Menschen immer mehr Zeit in der virtuellen Zweitwelt verbringen könnten, dort Geschäfte treiben, Geld verdienen und ausgeben. Einige werden vielleicht ihre Wohnung überhaupt nicht mehr verlassen, soblad die VR-Headsets und Matrixsuits ihnen eine virtuelle Welt so gut vorkaugeln, dass sich das Aufstehen nicht mehr lohnt. Sie ernähren sich von Pulver oder direkt intravenös, sind im Prinzip wie Palliativpatienten gut umsorgt und doch abwesend. Auf der anderen Seite der Skala dezentralisiert sich die Plattformökonomie der letzten Jahre zunehmend. Direkterer Tauschhandel, freiere Informationsströme, demokratischere Strukturen schaffen so den Sprung aus der Schmuddelecke im Deep und Dark Web. Wäre es nicht schön, wenn die Strafverfolgungsbehörden auch den Sprung ins 21. Jahrhundert schaffen und Cyber-Kriminalität endlich wirksam bekämpfen würden? Aber das bleibt 2022 unter Garantie noch ein Wunschtraum. Allerdings wäre es eine relevante Erwartung eines FDP-geführten Justizministeriums, die sich ja so digital und modern gibt?

Klar, künstliche Intelligenz ist weiter auf dem Vormarsch. Das ist nichts Neues, durchdringt aber endlich stärker auch die deutschsprachige Wirtschaft und Gesellschaft. Öffentliche Verwaltung natürlich noch nicht so sehr. Der oben erwähnte Band "Arbeitswelt und KI 2030" möchte genau das ändern und es gibt zahlreiche andere Aktivitäten (ja, auch staatliche), die den zögernden Organisationen helfen möchten. Dass man vor der Technologie, die ihren Namen völlig zu Unrecht trägt, keine Angst haben braucht, beschreibe ich zum Beispiel in dem Beitrag über "German Angst" gemeinsam mit Dr. Michaela Regneri, den wir auch in einer Podcast-Episode kommentiert haben. Die Transformation geschieht aus Vogelperspektive natürlich auch von selbst, doch ohne Starthilfe wird es zum größten Massensterben von Unternehmen führen. Es scheint unausweichlich, dass aufgrund fehlender Digitalisierung, antiquierter Unternehmensorganisation und schlechter Vorbereitung auf Demografie und Klimawandel ein nennenswerter Teil der Unternehmen die 2020er Jahre nicht überleben wird.

Da haben wir noch nicht von Quantencomputern und deren Anwendungen gesprochen, immerhin hat die Fraunhofer-Gesellschaft ja nun Zugriff auf einen IBM-QC und die Bundesregierung fördert den Aufbau eines eigenen Geräts. Davon hat der Mittelstand in diesem Jahrzehnt zwar nichts mehr, doch einige Produkte und Lösungen werden zeitnah, vielleicht schon 2022, auf den Markt kommen, die nur noch auf Basis eines Quantencomputers errechnet, ver- oder entschlüsselt werden können. Noch weniger anwendungsnah klingt die Entwicklung der Xenobots, also Roboter mit lebendigen Zellen, die beispielsweise auf die Reinigung der Ozeane oder Entschlackung der menschlichen Blutbahnen programmiert werden können und dann "sterben".

Die aktuelle medizinische Revolution ist im Labor weitgehend abgeschlossen und wir profitieren ja schon in hohem Maße von den Vorzügen künstlicher Intelligenz und neuartiger Gentechnologie. So schnell hat es eine Innovation noch nie von der Forschung in die Praxis geschafft, aber irgendetwas Gutes muss Covid19 ja auch haben. Nächstes Jahr werden wir immer mehr Anwendungen auch in der Breite sehen, darunter vielleicht neue Individualtherapien für schwere Krebsfälle oder Diabetes; bessere Früherkennung von schweren Krankheiten in besonderen Arztpraxen und Kliniken; personalisierte Arzneimittel aus neuen Apotheken. Das muss natürlich auch erlaubt sein, ich frage meine Krankenkassen ja regelmäßig, wann sie mir auf Grundlage meiner Genomsequenzierungen individuelle Angebote macht - dauert nocht...

Im Energiesektor bahnt sich seit Längerem eine Renaissance der Kernkraft an. Einerseits sollen die Kraftwerde sehr viel kleiner sein, andererseits nicht nur auf Kernspaltung, sondern Kernfusion basieren. Als ich in der siebten Klasse einen Vortrag darüber hielt, tadelte mich mein Physiklehrer Herr Kruse, dass die Idee zwar nett klinge, aber für immer eine Vision bleibe. Hoffentlich kann ich mich nächstes Jahr bei ihm melden und widerlegen, denn vieles deutet darauf hin, dass 2021 die wichtigsten Durchbrüche erzielt wurden, um ein Plasma zu stabilisieren und in wenigen Jahren tatsächlich ähnlich wie in der Sonne nahezu endlos viel Energie zu erzeugen. Seit Google sich mit Bill Gates zusammengetan hat und viele Milliarden US-Dollar in die Technologie investiert, sehe ich alle Anzeichen auf eine Revolution der Energiebranche. Politisch heikel, technologisch aber vielleicht derdie letzte Bedingung für eine neue Stufe der Zivilisation.

Diese Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Unter High-Tech oder Bleeding-Edge-Tech versteht jede:r etwas anderes. Vielleicht kommen hier fehlende Themen ja auch mal in meinem Podcast oder Newsletter; ich bin ja auch immer offen für Anfragen und Diskussionen.

Mein privater Rückblick auf 2021: Auf und Ab!

Für viele war 2021 ein Jahr der Turbulenzen, so auch für mich. Es begann mit einigen guten Vorsätzen, unter anderem wollte ich mich ernsthaft auf den großen Hamburg Triathlon - immerhin der größte seiner Art weltweit - vorbereiten. Also ging ich Anfang Januar noch häufiger als sonst joggen, was in einer recht winterlich-vermatschten Umgebung natürlich riskant ist. Und so dauerte es nicht lang, bis ich mir beim Training im Park beide Knie verletzte. Genauer gesagt, waren beide Menisken angerissen. Aua. Da aber zu der Zeit dank der Corona-Shutdowns ohnehin nicht viele Reisen angesetzt waren, konnte ich mich ganz gut zuhause kurieren.

Im Frühjahr entspannten sich die Covid-Inzidenzen wieder, was mir auch wieder mehr Reisetätigkeit bescherte. So war ich bei tollen Kunden unterwegs, sprach öfter als sonst über Resilienz und habe unter anderem der Filmindustrie vorgerechnet, wann schauspielerfreie Filmproduktionen machbar sein werden. Dabei kam mir auch eine eigene Idee für eine Science-Fiction-Produktion, welche seitdem verfolgt wird - ist aber noch nicht spruchreif.

Nach ein paar Wochen Schonung und neuen Einlagen in den Schuhen habe ich mich dann auf das Fahrrad- und bald auch Schwimmtraining konzentriert. Schwimmen lief in der Leipziger Seenlandschaft problemlos, doch der nächste große Rückschlag geschah im Juli beim Radeln. Ich war gerade im meinem RedBull-Rennrad (R.I.P.) rund um Leipzig unterwegs und fuhr wieder von Westen über Plagwitz in die Stadt, eine vertraute Strecke. Das dachte sich wohl auch eine Autofahrerin, die beim Abbiegen nicht so genau hinsah und mich beim Anfahren vom Sattel riss. Ich war einige Minuten bewusstlos und als ich wieder zu mir kam, war mein erster Reflex, meine Hände und Füße zu bewegen - erfolgreich! Erleichterung! Alles andere war erstmal sekundär. Alles andere war: Schlüsselbeinbruch, mehrere Rippenprellungen, Hämatome und Platzwunden, ein abgebrochener Zahn, ein eingerissenes Ohr und natürlich ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma. Und natürlich die Tatsache, dass der Traum vom Triathlon aus war. Zwei Wochen später wurde ich dann entgegen einer Ersteinschätzung doch operiert und bekam eine Titanplatte in die Schulter implantiert, die dort nun für zwei Jahre wohnen wird. Ziemlich unangenehm alles, aber hey: es hätte schlimmer kommen können.

Am 31. Juli war dann noch eine ganz besondere Frist: Die Abgabe des Manuskripts für den Band "Arbeitswelt und KI 2030", den ich gemeinsam mit Inka Knappertsbusch bei Springer herausgebe. Inzwischen ist das Buch, das 41 Beiträge von 78 renommierten Expert:innen aus Forschung und Wirtschaft enthält, auch verfügbar und kann beispielsweise bei Amazon oder Buch7 oder Springer direkt bestellt werden. Aber zurück zum Thema: meinen eigenen Beitrag für den Band sowie die letzten Korrekturen habe ich in einem Krankenhausbett im Leipziger Uniklinikum unter recht starken Schmerzen finalisiert - wenn das mal kein Einsatz mit Herzblut ist! Aber so ist das Leben der Selbstständigen eben. Wenn es eine Frist gibt, wird die auch ernst genommen!

Zwei Wochen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus stand dann wiederum ein lebensveränderndes Ereignis an: Am 13. August habe ich die Liebe meines Lebens geheiratet! Unser Standesamt kennen einige vielleicht aus dem Fernsehen, da dort die meisten Episoden von "Hochzeit auf den ersten Blick" ihr Finale erlebten. Wir kannten uns aber schon ein bisschen länger... Einen Tag danach konnten wir dann sogar mit all unseren Freunden und Verwandten in tollen Leipziger Locations feiern (>90% geimpft, alle getestet). Zwei Tage pure Glücksgefühle, auch wenn der Hochzeitstanz und die vielen Umarmungen der Wundheilung meiner Schulter nicht unbedingt zuträglich waren.

Schließlich endete das Jahr mit einer traurigen Wendung. Mein Vater ist Anfang September im Alter von 87 Jahren zum letzten Mal eingeschlafen. Wer mir schon länger folgt, weiß, dass ich ihn immer genannt habe, wenn es um die Frage ging, wie ich zur Zukunftsforschung gekommen bin. Wir hatten ein sehr gutes Vater-Sohn-Verhältnis und er hat mich auch in den letzten Jahren immer noch geprägt. In einem Buch namens "Papa, erzähl mal", das ich ihm zum 80. Geburtstag geschenkt und mir ausgefüllt zurückgewünscht hatte, schrieb er:

Sein Leben war für einen Jahrgang 1934 äußerst abwechslungsreich und in der ersten Hälfte auch reiseintensiv. In der zweiten kamen dann Selbstständigkeit und mein Bruder und ich dazu sowie schließlich eine ruhige Rentenzeit. Sein Abschied kam nicht vollkommen unerwartet, ging jedoch insgesamt relativ schnell; besonders dankbar bin ich dafür, dass er sich noch von seinem engsten Kreis verabschieden konnte, bevor wir seine Asche in einem Friedwald in der Nähe meiner Geburtsstadt Itzehoe beisetzen konnten.

Fazit: Alles anders, alles gleich

Auch das neue Jahr 2022 wird sich vor allem dadurch auszeichnen, dass vieles anders wird als erwartet. Als Zukunftsforscher kenne ich natürlich viele Entwicklungspfade, sonst bräuchte es ja keine Zukunftsforschung und Foresight. Als ursprünglicher Soziologe und Politik-/Verwaltungswissenschafler habe ich jedoch auch immer die Gesellschaft im Ganzen im Blick und stelle immer wieder fest, wie groß die Entfernung der Pioniere zu der stillen Masse ist. Es sollte nicht jede:r potenziell Raketenwissenschaftler:in werden können, doch ein Verständnis der wesentlichen Grundlagen der moderenen Gesellschaft wäre wichtig. Nur so begreifen Menschen Komplexität und Unplanbarkeit, nur so können sie echte von falschen Informationen unterscheiden, nur so ein zufriedenes und mündiges Leben führen. I have a dream...

Was sich ändert: Es stehen einige technologische Durchbrüche vor dem Beginn ihrer Kommerzialisierung; einige habe ich oben genannt. Worauf ich besonders gespannt bin, ist die Regionalisierung von Wertschöpfungsketten insbesondere in der Energiespeicher-/Batterieindustrie. Möglicherweise gelingt es Neuralink erstmals, Hirnimplantate für Menschen zum Einsatz zu bringen und einfache Gedanken an eine Maschine zu übertragen - der Startschuss für eine Wikipedia auf Gedankenabruf und damit die nächste Stufe des Transhumanismus. Es stehen fünf Landtagswahlen an: im (noch) Groko-Saarland, in (noch) Jamaika-Schleswig-Holstein, in (noch) schwarz-gelb-NRW und (noch) Groko-Niedersachsen. Wenn der Green New Deal ernsthaft umgesetzt wird, werden das Verbraucher:innen und Unternehmen deutlich zu spüren bekommen, nicht zuletzt durch die bereits begonnenen Umwälzungen an den internationalen Finanzmärkten in Richtung post-fossil. Dieser Drahtseilakt wird freilich nicht ohne Turbulenzen ablaufen, stellen Sie sich schon mal auf einen bunten Blumenstrauß von Wild Cards ein.

Was gleich bleibt: Wir leben in einer stabilen Demokratie, können uns auf die wesentlichen Pfeiler der Gesellschaft verlassen. Es droht weder der Zusammenbruch des Parlaments nach Weimarer Vorbild noch eine furchtbare Revolution der Querdenker. Die Preise steigen in fast allen Konsumbereichen und auf dem Weltmarkt, möglicherweise platzt die Immobilienblase nächstes Jahr, und klar, die Weltmächte sortieren sich gerade neu. Der Digitalisierungsschub durch die Pandemie wird anhalten und Automatisierung auch in akademische Berufe vordringen; es bleibt uns auch nichts anders übrig, da wir zu wenig Fachkräfte haben. Die Schwerkraft bleibt uns erhalten, die Klimakrise spitzt sich weiter zu und wir werden nicht müde, auf Risiken und Chancen hinzuweisen.

Doch was auf jeden Fall bleibt: Ich werde berichten, kommentieren und optimistisch nach vorn schauen. Irgendwer muss den Job ja erledigen.

In diesem Sinne wünsche ich allen, die das hier gelesen haben, einen gesunden, erfolgreichen und glücklichen Start in ein aufregendes, weltoffenes neues Jahr!

Disclaimer

Dieser Beitrag ist eine gekürzte und alternative, aber verwandte Fassung des Linkedin-Artikels "2021/2022: Rück- und Ausblick vom Zukunftsforscher" und erscheint in ähnlicher Form als Episode am 30. Dezember 2021 in meinem Podcast "Im Hier und Morgen".

Photo by Kvnga on Unsplash


Corona (Fehl-)Prognosen und Verantwortung

Zu Beginn der Pandemie wurden allerlei Zukunftsforscher*innen, darunter auch ich, um Einschätzungen zur Zukunft des neuartigen Coronavirus (Covid19) gebeten; wie lange dauert es, bis wir einen Impfstoff gefunden haben? Wie sieht das "neue Normal" aus? Wann wird endlich alles wieder gut? Ein gutes halbes Jahr nach den ersten Anzeichen für eine Pandemie (laut WHO offiziell seit 12. März) ist es Zeit für eine Reflexion.

Es ist nicht meine Art, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Einige "andere" und vor allem deren Aussagen in Massenmedien haben mich nun aber doch dazu bewegt, erneut Stellung zu nehmen. Nach meinem ersten Corona-Artikel am 24. März erhielt ich viele Anfragen von der Presse, unter anderem kam ein Kamerateam von ARD Brisant zu mir nach Hause und löcherte mich mit Fragen. Ich gehöre zu denjenigen, die ihre Annahmen und die Herkunft dieser Einschätzungen gern begründen - und vor allem auch deutlich machen, dass sie auch nicht alles wissen. Schließlich bin ich weder Virologe oder Immunologe noch Pharmakologe oder ein Orakel. Hinzu kommt, dass "die Medien" natürlich reißende Schlagzeilen suchen, weil sie davon ausgehen, dass ihre Leser*innen und Zuschauer*innen nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und keine Zeit oder Lust auf Hintergründe haben. Also ebbten die Anfragen ab.

Natürlich lese ich viele Interviews und Artikel meiner Kolleg*innen. Natürlich muss auch ich mir Gedanken über meine Positionierung und Wirtschaftlichkeit machen. Einige mutmaßliche Zukunftsforscher haben dabei den Bogen normativer Prognosen jedoch deutlich überspannt und bringen damit die junge Disziplin der Zukunftsforschung durch unseriöse, spekulative und unwissenschaftliche Prognosen in Verruf. Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst, die damit einhergeht, als Person des öffentlichen Lebens Aussagen über die Zukunft zu formulieren und teilweise Empfehlungen zum Umgang mit Veränderungs- und Krisensituationen zu geben. In diesem Sinne gehört es für mich zum guten Ton, gewisse Spielregeln einzuhalten, die mitunter weniger populär oder eindeutig einer Politik oder Gesinnung zuordenbar sind. Gut für die Moral, schlecht für die Einschaltquote.

Ich habe auf der Seite Mission & Wissenschaft (+ Unterseiten) beschrieben, worum es der wissenschaftlichen Zukunftsforschung geht. Dazu gehört die Einhaltung der Gütekriterien der Forschung wie Eindeutigkeit, Transparenz, Offenheit und Redlichkeit (s. "Warum Zukunftsforschung?"), welche ich bei erwähnten Covid19-Äußerungen serienweise verletzt sehe. Wir sind hier nicht bei "wünsch dir was"! In diversen Interviews sprachen Trendforscher darüber, dass (Fraktion A) Corona die Gesellschaft erwachen lassen wird, es zu einer lang ersehnten Entschleunigung kommen und das System des "Raubtierkapitalismus" auf den Prüfstand gestellt werden wird. Fraktion B sah den Untergang unserer Gesellschaft und den Tag des Jüngsten Gerichts gekommen. Hauptsache, man schafft es auf die Titelseite mitunter dubioser Medien, um Reichweite zu erlangen. Bezüglich eines Impfstoffs, der Dauer der Pandemie oder spezifischer Auswirkungen wurde dann aber ausweichend geantwortet, nachdem die subjektive Sicht möglichst verklausuliert und rhetorisch astrein dargelegt wurde. Man darf ja um Himmels Willen nicht zugeben, dass es Fragen gibt, deren Antworten wohl niemand kennt. Doch das gehört dazu! Niemand kennt die Zukunft, auch Zukunftsforscher nicht. Paradoxerweise scheint es gerade die Aufgabe der wissenschaftlichen Zukunftsforscher*innen zu sein, genau dies immer wieder zu betonen - darauf achte ich penibel in meinen Keynotes, in Interviews, Podcasts und Blogartikeln. Natürlich wird das nicht immer gedruckt oder gestreamt, es gehört jedoch zu meinem Berufsethos, wenigstens darauf hinzuweisen.

Prognosen zu Corona und "danach"

Wer hat die Corona-Pandemie kommen sehen?

Ich. Natürlich nicht ich alleine, sondern eher eine große Menge Forscher*innen, die sich begründete Gedanken über mögliche und wahrscheinliche Zukünfte machen. Dazu gehört im Übrigen auch das Robert-Koch-Institut, welches im Auftrag des Deutschen Bundestags bereits 2012 über die Risiken einer modifizierten Sars-Variante aufklärte (nachzulesen in der Drucksache 17/12051 vom 03.01.2013). Diesen Einschätzungen habe ich mich angeschlossen und folglich bei passenden Themen auch in Keynotes darauf hingewiesen; letztes Jahr war ich unter anderem im Sommer bei einem großen Pharmaunternehmen für zwei Termine zum Thema "wie leben wir in der Zukunft?" gebucht, in denen ich schwerpunktmäßig die Zukunft des Gesundheitssystems skizzieren sollte. Das habe ich getan und auch auf die Möglichkeit einer zeitnahen Pandemie hingewiesen. Ob es Zufall ist, dass eben dieses Pharmaunternehmen zu den führenden Institutionen für Coronatests und bei der Erforschung eines Impfstoffs gehört?

Wann werden wir einen Impfstoff haben?

Aus aktueller Sicht (Anfang August 2020) ist das laut führenden Virologen immer noch nicht klar. Das Virus stammt schließlich aus der Familie der Coronaviren, die, wie wir wissen, sich gern weiterentwickeln. Die Fortschritte sind global rasend schnell, immerhin ist die Wirtschaft weltweit infolge der Sars-Cov-2-Pandemie deutlich geschrumpft - anders als bei bspw. HIV bröckelt also das Fundament der globalisierten Menschheit. In Russland wird bereits ein Impfstoff getestet, doch selbst wenn es der Menschheit gelingen sollte, so rasant eine wirksame Impfung zu finden, ist immer noch fraglich, wie schnell dieser massenhaft produziert und verteilt werden kann, welche Kosten damit verbunden sind, wer sich gegen die Impfung weigert (Stichwort Impfgegner) und ob damit das Virus tatsächlich verbannt ist.

Wichtiger ist meiner Ansicht nach, dass wir den Umgang mit der Situation meistern und auch die unbequemen Aspekte diskutieren. Ich sehe an dieser Stelle viele Parallelen zur Kommunikation mit Kindern. Es nützt nichts, das Virus zu ignorieren oder zu leugnen; wer sich beim Versteckspiel die Augen zuhält, ist noch lange nicht verschwunden. Ebenso wenig hilft es uns weiter, übertrieben optimistische Prognosen zu verbreiten; auf langen Autofahrten hat es schließlich auch noch nie geholfen, die Frage der Kinder "wann wir endlich da?" mit "wir sind gleich da" zu beantworten, wenn man in Wahrheit gerade aufgrund einer Vollsperrung im Stau steht.

Kurz: Wie lange das "neue Normal" noch andauert, kann niemand mit Gewissheit sagen. Wir können und sollten uns nur bemühen, achtsam miteinander umzugehen und die für Krisen typischen Spannungen menschlich zu meistern.

Wie gehen wir mit der angespannten "Lage der Nation" um?

Wenn die Corona-Ausnahmesituation eins zutage gefördert hat, ist es die unbequeme Wahrheit, dass ein ernstzunehmender Teil der Bevölkerung(en) das Vertrauen in das System verloren hat. Demagogen in politischen Ämtern und zivilgesellschaftliche Influencer gießen zu allem Überfluss noch Öl ins Feuer. Das Virus sei eine Entwicklung des Militärs, Superreiche planen die Übernahme einer Weltregierung, die (Bundes-)Regierung wolle sich mit diktatorischen Methoden die totale Macht sichern - bis hin zu obskuren Thesen, die Machtelite würde mithilfe der UNICEF Kinder entführen und deren Blut trinken. Kaum eine Verschwörungstheorie ist zu bizarr, um viele Anhänger zu finden, die sich dann in einer irrwitzigen Melange von Reichsbürgern, Rechts- und Linksradikalen, Neo-Hippies und besorgten Rentner*innen zu oft grenzwertig legalen Demonstrationen oder Coronaparties treffen. Unglücklicherweise schaffen es weder Politik noch die vernünftige Zivilgesellschaft, diese Sorgenträger*innen ernstzunehmen, sondern kippen ihrerseits eimerweise Wasser auf die Mühlen der "Skeptiker", indem sie die Initiativen kleinreden, sich darüber lustig machen und darüber hinaus politische Agenden der AfD und Co. fehlinterpretieren.

Fakt ist: Die Situation eskaliert. Über die durchaus weitgreifenden Maßnahmen der Regierungen zur Eindämmung der Pandemie kann man streiten, auch über mehr oder weniger demokratische Aspekte der Entscheidungsfindung und Eingriffe in die Autonomie der Bürger*innen. Was bis dato in einer Demonstration mit rund 20.000 bestätigten Teilnehmer*innen am ersten Augustwochenende in Berlin gipfelte, ist im Grunde der Ausdruck von Unzufriedenheit mit unterschiedlichen Aspekten unseres gesellschaftlichen und politischen Systems. Politikverdrossenheit ist keine Neuheit, ontologische Herausforderungen einer repräsentativen Demokratie auch nicht. Dazu dann noch eine Prise Globalisierung und Digitalisierung, sodass die "zur Mündigkeit fähige" Gesellschaft sich in einem fast rechtsfreien Raum (dem Internet) austauschen kann, und wir haben den Salat. Leider tragen die Algorithmen der großen Unternehmen des Social Web (Facebook, Twitter, Snapchat und Co.) nicht gerade zu einer ausgeglichenen Diskurskultur bei; stattdessen bestärken sie sie das Zusammenrotten in inhaltlich eher homogenen Blasen. "Wer meiner Meinung ist, darf mitdiskutieren, wer dagegen ist, gehört der Verschwörung an", lautet die Logik dieser Social Bubbles. Jede Rückfrage, die das Fundament einer "Theorie" infrage stellt, wird als Einschränkung der Meinungsfreiheit deklariert. Pessimisten sehen bereits Anzeichen für den Untergang unserer Spezies herannahen und prophezeien weltweit bewaffnete Ausschreitungen, das Ende der zivilisierten Welt oder Trumps Machtergreifung auch ohne demokratische Grundlage.

Kann der Untergang der Menschheit noch gestoppt werden - und wenn ja, wie?

Einer der wichtigsten psychopathologischen Risikofaktoren für Suizidalität sind fehlende Zukunftsperspektiven (Quelle). Ähnliches beobachte ich seit ein paar Jahren in gesättigten Gesellschaften des Westens; aus diesem Grund ist mein Motto "Zukunft ist eine Frage der Perspektive". Mir war bei der Analyse der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft (Veränderungsangst, Wertevakuum und -konflikte, Anstieg psychischer Krankheiten und Burnout etc.) aufgefallen, dass es vor allem an diversen Perspektiven mangelt. Die Uhr der Globalisierung lässt sich nicht mehr zurückdrehen, wir müssen mit dem Erbe der (historisch betrachtet) schlagartigen Bevölkerungsexplosion (von 1 Mrd. auf 8 Mrd. in knapp 200 Jahren) fertig werden, müssen mit wirtschaftlichen, kulturellen, ethnischen, ethischen und demografischen Unterschieden leben und gleichzeitig die Auswirkungen des Klimawandels (darunter Artensterben, Flächenversiegelung, Anstieg des Meeresspiegels, Verdörrung, Häufung extremer Wetterereignisse etc.) moderieren.

Grundzüge einer Lösung

  1. Dazu fehlt meiner Ansicht nach erstens eine weltumspannende, inklusive und kooperative Weltpolitik, die diesen Namen auch verdient (Literaturtipp: "Alles unter dem Himmel" von Zhao Tingyang). Ein Teil dieser dringend benötigten obersten Ebene ist es, die Komplexität der Welt anzuerkennen und Abstand zu nehmen von pauschalisierenden Aussagen und politischen Lösungen, die (im Falle von Pandemiemaßnahmen) landesweite Verordnungen mit sich bringen, statt auf Faktoren wie Risikopatienten, soziale Mobilität, demografische Merkmale etc. einzugehen. Auf der anderen Seite gibt es Themen, die nur aus der Vogelperspektive rational beurteilt und behandelt werden können: kaum jemand möchte zum Klimawandel beitragen und doch sind individuelle Zugeständnisse schwer freiwillig zu erreichen, die jede*r einzelne im Alltag eher andere Prioritäten setzt als die unmittelbaren Folgen alltäglicher Handlungen für das Gesamtsystem in Zukunft.
  2. Ebenso dringend benötigen wir ein neues Verständnis bzw. neue Regeln für den Kapitalismus, der sowohl Wohlstandsunterschiede als auch Umweltfolgen der Produkte und individuellen Handelns einpreist (Literaturtipp: "Postkapitalismus" von Paul Mason). Das Grundprinzip der Marktwirtschaft bringt viele Vorteile mit sich - holistische Verantwortungsübernahme einzelner Akteure gehört nicht dazu. Währungen dienen dazu, Tauschhandel effizienter zu gestalten und Preisstabilität zu gewährleisten; sie greifen aber zu kurz, wenn es um die Berücksichtigung sozialer und ökologischer Faktoren geht.
  3. Schließlich mangelt es an neohumanistischen und postmodernen Grundwerten. Allen voran stehen Toleranz und die Einsicht, dass das Primat des Egos durch Belohnungssysteme altruistischer Verhaltensweisen ausgetauscht werden muss. Applaus auf dem Balkon ist zwar nett, zahlt aber nicht die Mieten des Pflege-, Krankenhaus oder Supermarktpersonals. Vor der Moderne waren es in erster Linie die Religionen und deren Priester und Propheten, die allgemeingültige Werte des Zusammenlebens definierten; in der globalisierten, vernetzten und postmodernen Gesellschaft, die ungleich komplexer ist, helfen keine Ansätze mehr, die Ungleichheiten zementieren, Grenzen betonen und Konflikte hinnehmen. Andererseits ist auch die Deutungshoheit der Vereinten Nationen auf "universelle" Menschenrechte aus der Mode gekommen.

Fazit

Wenn es unser Ziel ist, dass unsere und andere Spezies auf diesem Planeten noch viele weitere Generationen in Frieden zusammenzuleben, sollten wir über teils radikale Anpassungen der gesetzlichen und gemeinschaftlichen Grundlagen nachdenken. Und wenn Corona zu einer Sache gut ist, dann vielleicht dazu: die Krise als Chance zu verstehen & das Momentum der Unzufriedenheit auf- und ernstzunehmen und in eine für alle Beteiligten lohnenswerte, lebenswerte Zukunft zu investieren. Wenn wir wollen, können wir die Werkzeuge unserer Zeit nutzen, um einen globalen Dialog anzustoßen und grundlegend neue Modelle zu entwickeln. Wir müssen es nur tun.

Photo by Jude Beck on Unsplash