Kai Gondlach schaut in die Zukunft – Ausblick auf die nächsten 10 Jahre

10 Jahre - ein Ausblick auf die nächsten 10 Jahre!

Was denke ich, wenn ich als Zukunftsforscher in die eigene Zukunft schaue? Im abschließenden Interview meiner 10-Jahres-Serie spreche ich darüber, welche Themen die nächsten zehn Jahre prägen werden, welche Entwicklungen ich heute für massiv unterschätzt halte und was ich persönlich noch lernen möchte. Ich erkläre, warum Foresight bald ein Standard-Skill jeder zukunftsfähigen Organisation sein wird und warum ich überzeugt bin, dass mit dem Launch der PROFORE Foresight Akademie für mich gerade erst das eigentliche Kapitel beginnt.

 


 

Nach zehn Jahren Rückblick stellt sich fast automatisch die Frage nach vorn: Wenn Sie an die nächsten zehn Jahre denken – was wird für Sie persönlich die größte Veränderung sein?

In Zukunft steht für mich die Vermittlung von Zukunftskompetenz noch mehr im Zentrum. Das stellt auch neue Anforderungen an die didaktische Vorbereitung. Inhaltlich kann ich mich hoffentlich noch häufiger auf meine Kassandra-Rolle beziehen und bestätigen, dass ich einige Entwicklungen schon sehr frühzeitig angekündigt habe – nicht, um recht zu haben, sondern um für einige hilfreich gewesen zu sein. Dafür arbeite ich auch an meiner eigenen Resilienz, um nicht wie die mythische Kassandra zu enden!

 

Wie unterscheidet sich Ihr Blick auf Zukunft heute von dem vor zehn Jahren?

Eigentlich kaum, vor allem meine Begeisterung für die Erschließung von Gestaltungsräumen in offenen, ambivalenten, emergenten und kontingenten Zukünften ist geblieben. Natürlich habe ich aber viel dazu gelernt und kenne nun noch besser die Mechanismen der Wirtschaft, Gesellschaft, Verwaltung und Politik. Hunderte Gespräche mit Top-Entscheidungsträgern haben mich an der Stelle eher bestärkt. Insbesondere die Möglichkeit, auf die Erfahrung zurückzugreifen, anwendungsnahe Analogien zu bilden oder den Transfer von der einen in die andere Branche zu liefern, macht meine Zukunftsarbeit wertvoller.

 

Wenn Sie Ihre Arbeit als Zukunftsforscher betrachten: Welche Themen werden in den kommenden zehn Jahren deutlich wichtiger werden, als viele heute noch glauben?

Wenn eine alte Ordnung stirbt und die neue noch nicht entstanden ist, kann Chaos entstehen; es ist die Zeit für Monster. Das ist eine alte Mahnung, die aber eben auch Raum für Gestaltung lässt. Das heißt: Die Themen „Transformieren“ und „Gründen“ werden relevanter. Deindustrialisierung heißt auch Reindustrialisierung, das zeigen wir im Whitepaper Industrie 6.0 – Künstliche Intelligenz beflügelt auch den Stellenwert menschlicher Intelligenz, Kreativität und Empathie. Die aktuell sehr hohe Geschwindigkeit geoökonomischer und -politischer Verschiebungen kommt nicht unerwartet, überfordert aber alle Strukturen, die sich darauf nicht vorbereitet haben mangels Auftrags. In dieses Vakuum stoßen wir mit PROFORE und ich natürlich weiterhin auch mit den Keynotes. Quantencomputer werden wohl doch früher als erwartet zu Umwälzungen führen – wobei ich seit 2016 im Thema stecke und mich eher wundere, wie wenig vor allem einige Finanzdienstleister oder Industrieunternehmen das Thema auf der strategischen Agenda haben.

(c) Kai Gondlach bei ntv 2025

Welche Entwicklungen halten Sie derzeit für überschätzt – obwohl sie in vielen Debatten dominieren?

Die Rückkehr zur Atomkraft als saubere Energie ist ein Denkfehler oder sogar eine gezielte Nebelkerze. Ebenso Steuergeschenke für gesellschaftliche Randgruppen – und damit meine ich nicht die Mütterrente. Stattdessen bräuchte es eine effiziente und digitale Neuordnung des Sozialstaats, einen besseren, transnationalen Plan für resiliente, regenerative Energieerzeugung, -speicherung und -verteilung und eine schonungslose Status Quo-Analyse der Stärken und Schwächen im System. Systemisches Denken ist unterentwickelt, das wollen wir ändern. Insofern halte ich im Wesentlichen die Hofierung des sterbenden Patriarchats für überschätzt und freue mich auf das Danach.

 

Wie wird sich die Rolle von Zukunftsforschung in Unternehmen verändern? Bleibt sie Inspiration – oder wird sie stärker Teil strategischer Entscheidungen?

Zukunftsforschung und Foresight werden zum Standard-Skill jeder Organisation, die in einigen Jahren noch existiert. Das muss nicht immer explizit so heißen. Aber es ist naheliegend, dass ich eine deutlich prominentere Platzierung im Machtgefälle für grundsätzlich offene, diverse und vernetzte Foresight-Stabsstellen für richtig halte.

 

Gibt es Trends, die Sie heute beobachten, die erst in zehn oder zwanzig Jahren ihre volle Wirkung entfalten werden?

Bedrückend sind die Auswirkungen zweiter und dritter Ordnung der Klimakrise; sie werden schrittweise spürbarer werden und unsere Gesellschaften sind nicht schnell genug in der Anpassung. Aktuelle Konflikte deuten darauf hin, dass ein Teil der alten Ordnung bereits passé ist – im neuen Chaos behaupten sich bislang vor allem wenig zukunftsfähige Interessen. Das, was danach kommt, könnte schlimmer sein … oder auch besser, da gehen die Szenarien sehr weit auseinander. Ich bin überzeugt, dass wir mehr zuversichtliche Kassandras benötigen; solche, die Missstände offen ansprechen, das Salz in die Wunde streuen, aber auch einen Werkzeugkoffer für die Heilung parat haben.

 

Welche Fähigkeiten werden Führungskräfte in den nächsten zehn Jahren dringend brauchen, die heute noch unterschätzt werden?

Risikoaffinität, Empathie und Durchhaltevermögen. Unser System stützt sich sehr auf Risikoaversion, Prozesstreue um jeden Preis und Ablenkung. Man kann sich natürlich auch immer vom Hundertsten ins Tausendste flüchten; die Dynamik gibt es her. Den wirklichen Über- und Weitblick zu behalten und Kontrolle zugunsten von Vertrauen abzugeben, schaffen die wenigsten Führungskräfte. Dankenswerterweise darf ich mit vielen von jenen zusammenarbeiten, die diese Skills haben.

(c) Sandy Dinkelacker; Kai Gondlach beim DWA Landesverband Baden-Württemberg

Glauben Sie, dass Szenarioarbeit und systemisches Denken in Organisationen an Bedeutung gewinnen werden – oder bleiben sie Nischeninstrumente?

Erfolgreiche Organisationen tun dies heute selbstverständlich. Das wird immer mehr kopiert und auf andere Kontexte übertragen. Damit lautet die eindeutige Antwort: Ja, die Bedeutung wird steigen, angetrieben durch noch mehr Ungewissheit. Paradoxerweise werden begleitend die Befugnisse entlang der Hierarchie, die es immer geben wird und muss, dezentralisiert.

 

Wie wird sich das Verhältnis zwischen Technologie, Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Entwicklung in den nächsten zehn Jahren verschieben?

Die drei werden zunehmend selbstverständlich zusammengedacht. Nachhaltig wirtschaftlicher Erfolg ist nicht ohne Nachhaltigkeit – bzw. regenerative Praktiken – möglich. Es gibt erste Anzeichen, dass sich zu kurzfristiges Denken, Investieren und Handeln nicht mehr lange lohnen werden.

 

Gibt es etwas, das Sie bewusst anders machen möchten als in den ersten zehn Jahren Ihrer beruflichen Entwicklung?

Ja, ich habe mir in den letzten Jahren nur in Ausnahmefällen Zeit genommen, die Zielorte besser kennenzulernen. In Zukunft möchte ich öfter mal Stadtrundfahrten einbauen! Bezogen auf meine Formate hat sich herauskristallisiert, dass die Maßkonfektionierung der Keynotes der richtige Weg war; aber es gibt auch Blockbuster, die im Wesentlichen jedes Mal funktionieren. Hier möchte ich noch mehr in Coaching und Detailschärfung investieren, um die großen Bühnen nahezu standardisiert bedienen zu können.

 

Welche Art von Projekten oder Kooperationen würden Sie in Zukunft besonders reizen?

Ich liebe Projekte mit hohem Drang nach Veränderung, aber nicht aus der Not heraus, sondern aus einer komfortablen, vorausschauenden Perspektive. Also Kunden, die fragen: Wie kann ich mein Geschäftsmodell, das voraussichtlich noch 3-5 Jahre gut trägt, heute schon für die Zukunft aufstellen? Welche der Hypes, Trends und Signale muss ich ernstnehmen, welche nicht so sehr? Besonders interessiert mich natürlich die Mittelstandsliga, die ihren Geschäftskern komplett neu überdenkt und neue Horizonte erschließt – öffentliche Verwaltungen eingeschlossen.

(c) Sandy Dinkelacker; Kai Gondlach beim DWA Landesverband Baden-Württemberg

Wenn Sie an Ihre Rolle heute denken: Wo möchten Sie sich in zehn Jahren sehen – eher als Forscher, Unternehmer, Autor oder öffentlicher Debattenbeitragender?

Eine Mischung aus allem – außerhalb von klaren Schubladen, aber relevant und hilfreich in vielen Bereichen. Hinzu kommt Akademieleiter.

 

Viele Menschen sprechen von Skalierung und Wachstum. Was bedeutet Erfolg für Sie persönlich in den nächsten zehn Jahren?

Wachstum bedeutet für mich persönlich erst einmal, meinem Sohn die bestmöglichen Bedingungen zu schaffen. Dazu gehören unter anderem viel gemeinsame Zeit, schöne Erlebnisse und Freiraum zur Horizonterweiterung. Unternehmerisch visiere ich mit meinem Zukunftsinstitut ein unter anderem skalierbares Lern- und Transferangebot an, das im Erfolgsfall auch international ausgerollt werden soll; wirtschaftliches Wachstum in einem Ökosystem-Geschäftsmodell wird sich über die Jahre wie von selbst ergeben.

 

Was möchten Sie in den nächsten zehn Jahren unbedingt noch lernen?

Alles, was in der Zeit lernbar ist! Was mich aber speziell seit Langem reizt, wäre ein Grundstudium der Philosophie.

 

Ihre Arbeit dreht sich stark um Zukunft und Transformation. Wie beeinflusst das eigentlich Ihre eigenen Lebensentscheidungen?

Ich denke immer in Szenarien. Manchmal ist es für mein Umfeld vielleicht irritierend, wenn ich schnell zwischen den plausiblen Möglichkeitsräumen hin- und herspringe… das kann die Wochenend- oder Urlaubsplanung mit der Familie sein oder auch größere Projekte. Dadurch trainiere ich aber ganz bewusst auch den Zukunftsmuskel meiner Mitmenschen, was mir unheimlich viel Freude bereitet!

 

Wenn Sie in zehn Jahren wieder ein Jubiläum reflektieren, worauf würden Sie dann am liebsten zurückblicken?

Im besten Szenario schaue ich zurück auf einen erfolgreichen Start und internationale Skalierung der PROFORE Foresight Akademie, auf viele tausend inspirierende Gespräche im Rahmen der Vorträge, tolle Reisen und eine nahezu vollständig abgeschlossene Altersvorsorge. In zehn Jahren werde ich bald 50 Jahre alt sein – und ab diesem Alter möchte ich finanziell unabhängig sein, selbst als Business Angel gute Projekte umsetzen, die in langen Zeiträumen planen und daher erschwerten Zugang zu Kapital haben. Last but not least möchte ich auch in zehn Jahren sagen können, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelingt; sicher nicht reibungslos, aber umso zufriedenstellender im Saldo.