Imagefilm Kai Gondlach Screenshot

Imagefilm 2021 (Showreel)

Mein neuer Imagefilm bzw. Showreel ist online: Schauen Sie sich an, wie ich auf der Bühne oder vor der Kamera auftrete! Seit der Coronapandemie bin ich auch im Heimstudio bestens ausgestattet mit Greenscreen, professioneller Mikrofontechnik von Rode sowie professioneller Lichttechnik von Neewer.

https://youtu.be/_ravcpTtZAI

Dirk Rossmann Der neunte Arm des Oktopus

Der neunte Arm des Oktopus von Dirk Rossmann (Rezension)

Dieses Mal möchte ich mich an der Besprechung eines Romans versuchen – ja, ich lese auch gelegentlich Nicht-Sach-Bücher. Der Tipp zu "Der neunte Arm des Oktopus" von Dirk Rossmann kam von einem guten Freund, der das Buch selbst noch nicht gelesen hatte, aber von der Veröffentlichung Wind bekommen. Es gehe um Nachhaltigkeit und sei ein Polit-Thriller, „das ist doch bestimmt was für dich und deine Fans!“

Also bestellte ich das Buch und las die gut 400 Seiten an zwei Abenden. Zugegeben, es waren lange Abende und eventuell hat auch das eine oder andere Weinglas seinen Inhalt dabei an mich verloren. Der Inhalt des Thrillers wiederum ließe sich, um im Bild zu bleiben, so darstellen: mittelmäßiger Wein in teuren Gläsern. Das teure Glas steht in diesem Bild für das schicke Cover und den horrenden Marketingaufwand hinter der Buchproduktion. Immerhin klimaneutral gedruckt.

Spoiler-Alarm!

Worum geht’s?

Angesichts der Klimakatastrophe beschließen die drei mächtigsten Staaten – die USA, Russland und China – den politischen Alleingang. Sie formieren sich als G3 und pochen auf sehr viel ambitioniertere Klimagesetze, um einen schnellen Wandel zu einer emissionsfreien Weltwirtschaft zu bewirken. Notfalls wollen sie diese auch mit militärischer Gewalt durchsetzen, Skeptiker nennen die G3 deshalb „Öko-Diktatur“. Es bildet sich eine Verschwörung aus höchsten Militärkreisen, die ihre Regierungen stürzen will – es kommt zum Showdown in Brasilien. Die ungewöhnliche Schlüsselrolle spielt ein Koch. Warum auch nicht. Ach so, der Oktopus lebt übrigens in der Zukunft und spielt keine erhebliche Rolle.

Was war gut?

Die Rahmenbedingungen für die Entstehung der Geschichte sind weit von Fiktion entfernt. Die Geschichte ist gespickt mit Prognosen der führenden Klimaforschungsinstitute, darunter auch vom Weltklimarat bzw. IPCC. Diese sind unaufgeregt in die Geschichte eingewoben, welche in der jüngeren Vergangenheit, der nahen Zukunft sowie dem Jahr 2100 spielt.

Auch dafür gibt es einen Pluspunkt: die verschiedenen Erzählstränge sind nett miteinander verwoben. Die Geschichte springt immer mal wieder zwischen den Kontinenten, die Kapitel sind sehr kurzgehalten, einige füllen keine Doppelseite. Dadurch liest sich das Buch tatsächlich sehr schnell und unkompliziert. Aber genau an der Stelle beginnt die Kritik.

Was war nicht so gut?

Klimakatastrophe und Stereotype

Der Autor hat ein unheimlich wichtiges Thema als Kernhandlung ausgewählt: die Klimakatastrophe als größte Herausforderung der Menschheit. Einigermaßen glaubwürdig wird im Klappentext und Epilog Dirk Rossmanns Engagement für Nachhaltigkeit und internationale Beziehungen dargestellt. Doch geht dieses Engagement leider in den vielen kurzen, oft oberflächlichen Dialogen zwischen stereotypen Charakteren unter. Allein die Beschreibungen des kleinen Chinesen, des grobschlächtigen Russen, der empathischen US-Präsidentin sowie eines „großen“ Nigerianers (die Anspielung ist nicht nur auf seine Körpergröße) haben mich bei der Lektüre so manches Mal aufgeschreckt.

Verschwörung?

Daneben tauchen immer wieder Begriffe auf, die ohne Kontextualisierung leider bei vielen Leserinnen und Lesern nicht den Effekt erreichen werden, den sich der Autor wohl auf die Fahnen geschrieben hat. Die Syntax lebt von Begriffen wie „Öko-Diktatur“ und anderen Verschwörungsthemen, die stark an die „New World Order“-Erzählung angelehnt sind. Verschwörungsfans, die dieses Buch lesen, werden danach überzeugte G3-Gegner*innen sein. Für mich ist nicht klar, ob der Autor selbst nun an die Verschwörung glaubt oder nicht - die Fiktion der Charaktere ist leider nie ganz glaubwürdig.

Zukünftedenken: mangelhaft

Es gelingt dem Autor leider nicht, sich in dem Szenario 2100 von heutigen Denkmustern zu trennen. Zwar präsentiert eine der Figuren in der Zukunft stolz ihre neue Kücheneinrichtung, deren Hightech-Ausstattung die Freunde begeistert. Auch einige Healthtech-Anwendungen werden besprochen. Die Haltung der Figuren wiederum zu neueren Entwicklungen wirken jedoch antiquiert, obwohl es sich um eine Gruppe hochrangiger Forscher*innen und Praktiker*innen handelt. Ich hätte mir als Leser noch mehr Beschreibung der Welt in 80 Jahren gewünscht und ein paar Aussagen dazu, was auf dem Weg dahin alles passiert ist. Dass man zum Mars fliegen kann, ist nicht so besonders aufregend. Um in Zukunftsforscher-Worten zu sprechen: das Denken in Zukünften ist dem (Science Fiction) Autor leider misslungen.

Fazit

Das Buch hätte davon profitiert, ein paar ausführliche Schleifen bei einem* Ghostwriter mit Roman-Erfahrung zu drehen. Die Stoßrichtung ist interessant, die Verästelungen aber nicht zu Ende gedacht und durch die wenig detaillierten Beschreibungen und zu kurzen Kapitel taucht man nie wirklich in die fiktive Welt ein. Durch den sehr frühen Aufhänger mit dem Koch erhält die Spannungskurve etwas Groschenromanhaftes. Die persönliche Vernetzung des Autors zu sehr wichtigen Personen wird für meinen Geschmack etwas zu stark betont.

Leseempfehlung: Nur, wenn man nichts Besseres vor und Lust auf mittelmäßigen Wein hat.


Szenariotechnik

Szenarien geistern durch die Medien wie Fruchtfliegen um einen sommerlichen Obstteller. Ähnlich hilfreich sind sie meist. Der Begriff „Szenario“ ist nicht geschützt, was dazu führt, dass jede*r Journalist*in oder Trendforscher*in sich eine Geschichte ausdenken und diese Szenario nennen kann. Das ist auch bequem. Nur leider hat das nichts mit Forschung oder gar Wissenschaft zu tun. Auch in vielen BWL-nahen Studienfächern ist die Szenarioentwicklung leider stark komprimiert. In der Regel betrachtet man dann nur ein Status-Quo-Szenario, ein positives und ein negatives Szenario. Das hat nur mit den realen Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren wenig zu tun, taugt eher für einen internen Strategieprozess, nicht aber für die Abbildung komplexer, externer Sachverhalte.

Daher möchte ich hier die ausführliche Szenariomethode, wie sie die akademische Zukunftsforschung (oft) praktiziert, mit Ihnen teilen. Was ich damit sagen will: Es ist alles andere als trivial, sich Szenarien zu überlegen. Und wie so oft wird im Ergebnis nicht auf den ersten Blick deutlich, wie viel Arbeit und Zeit in den recht formalisierten Prozess fließt.

Wenn Sie eher an einem konkreten Beispiel interessiert sind, schauen Sie am besten hier vorbei: Szenariotechnik US-Wahl

Abgrenzung Szenarien der Zukunftsforschung

Es gibt zwei fundamentale Unterschiede zwischen Alltagsszenarien und solchen, die in formalisierten Prozessen entstehen. Szenarien der Zukunftsforschung sind…

  • formalisiert statt intuitiv. Bauchgefühl kann jede*r.
  • konsistent und plausibel statt wahrscheinlich. Warum das wichtig ist, folgt später.

Wichtig: Mit Szenarien sagen wir nicht die Zukunft voraus, sondern schaffen Orientierungswissen für strategische Entscheidungen, gewissermaßen wenn-dann-Pfade, die im späteren Eintreten oder der Veränderung wichtiger Variablen Gold wert sein können.

Erste Schritte im Szenarioprozess

Zu Beginn eines Szenario-Prozesses müssen zunächst ein paar grundsätzliche Fragen geklärt werden:

  • Modalität: explorative oder normative Szenarien?
  • Zeitbezug: Situations- oder Verlaufsszenarien? Welcher Zeitrahmen – fünf, zehn, hundert Jahre?
  • Fokus: System-, Umfeld- oder Gemischtszenarien?
  • Kontinuität: Referenzszenarien (Trend-, Status Quo- oder Business-as-usual-Szenarien?) oder Kontrastszenarien mit Wild Cards, Worst oder Best Cases?

Des Weiteren sind natürlich die üblichen Fragen eines jeden Strategie- oder Forschungsprojekts zu klären. Welchen Zweck hat dieser Prozess? Welche Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken (SWOT-Analyse) sind bekannt?

Szenariotechnik: Einflussfaktoren identifizieren

Die wichtigsten Einflussfaktoren auf unsere Thematik – ein Unternehmen, eine politische Agenda oder ein Ökosystem? Hierzu habe ich als Analyserahmen einen Zlogbeitrag für die Foresight-Umweltanalyse verfasst. Wir analysieren also die Dimensionen Wirtschaft, Ökologie, Gesellschaft, Ethik, Wissenschaft, Administration, Recht, Politik und Technologie daraufhin, ob sich in diesen Bereichen einflussreiche Treiber, Trends oder Akteure finden lassen. Das klappt am besten im Team.

Dieser Rahmen hilft uns dabei, aus der Fülle verfügbarer Informationen die relevanten zu filtern. Schließlich identifizieren wir Treiber und Trends, die wir auf Faktoren herunterdampfen. In einem Workshop-Setting bewerten wir nun die Relevanz der gefundenen Faktoren – hierzu benötigt es zunächst keine ausufernde Diskussion, sondern je nach verfügbarer Zeit oder Budget die kommentarlose Einschätzung der Teilnehmer*innen auf einer Skala von null bis fünf. Die Null steht für keinen Einfluss, die fünf zählt für sehr großen Einfluss. Die Skala sollte nicht zu groß sein, hier geht es um Tendenzen; und wichtig ist, dass die Anzahl der verfügbaren Optionen gerade ist, damit es keine Mitte gibt. Bilden Sie die Mittelwerte der Einschätzungen; nur bei erheblichen Abweichungen wird diskutiert.

Die daraus resultierende Liste dürfte recht lang sein. Je nach Umfang des Themas und Zeithorizont des Szenarios können sich hier Dutzende, manchmal gar Hunderte Faktoren zusammenfinden. Macht nix, allein diese Liste ist eine stümperhafte Reduktion der reellen Komplexität „da draußen“. Und genau der Aspekt ist mir auch sehr wichtig: es handelt sich schon jetzt um ein Modell der Realität und jede Annahme ist subjektiv, kann und wird also nicht die zukünftige Realität treffen können. Aber wir können uns konsistenten Szenarien der kommenden Wirklichkeit nähern, wenn wir uns wirklich Mühe geben bei der Durchführung dieser Schritte.

Beispiele für gängige Einflussfaktoren:

  • Bruttoinlandsprodukt
  • Arbeitslosenquote
  • Durchschnittstemperatur
  • Anzahl von Unternehmensgründungen
  • Datenschutzregulierung
  • Normen
  • Patentanmeldungen
  • Technologische Innovation
  • Bevölkerungsentwicklung

Es geht hierbei noch nicht um die Ausprägungen, sondern rein deskriptiv um die Sammlung aller denkbaren Einflussfaktoren. Diese sollten möglichst generisch und wertfrei formuliert sein.

Szenariotechnik: Schlüsselfaktoren definieren

_impact uncertainty vorlageWelche der definierten Einflussfaktoren sind die wichtigsten? Sie haben ja jetzt eine lange Liste mit wichtigen Einflussfaktoren. Nun geht’s ans Eingemachte: welches sind die zentralen Treiber der Entwicklung? Welche Faktoren müssen unbedingt berücksichtigt werden, haben also den höchsten Durchschnittswert aus dem letzten Schritt? Und welche wiederum setzen sich in der Wechselwirkungsbetrachtung als besonders vernetzt durch, beeinflussen als ihrerseits viele andere Faktoren? Welche sind besonders ungewiss und trotzdem potenziell einflussreich? Für letztere Frage verwenden Sie am besten eine sogenannte Impact-Uncertainty-Matrix (Einfluss-Ungewissheit-Matrix) wie rechts im Bild.

Jetzt erhalten Sie eine kürzere Liste als eben; wenn Sie eben noch 50 Faktoren hatten, sind es jetzt vielleicht noch zehn. Es ist ratsam, die maximale Anzahl der Schlüsselfaktoren auf 20 zu begrenzen, um nicht allzu ausufernd zu werden. Der komplexen Realität werden Sie natürlich mit mehr Faktoren eher gerecht, doch erhöht jeder weitere Faktor auch den Aufwand, Kosten und benötigte Zeit überproportional.

Beantworten Sie nun für jeden der Schlüsselfaktoren die Fragen, wie stark dieser einzelne Faktor den Untersuchungsgegenstand beeinflusst und wie unsicher die weitere Entwicklung ist. Wenn Sie mögen, können Sie eine Extrarunde machen und die Wahrscheinlichkeit auf einer Skala einschätzen, um mögliche Wildcards zu identifizieren. Die Wildcards fließen nicht explizit in die weiteren Szenarioschritte ein, sind jedoch wichtig, um sie immer wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Für jeden dieser nun gewählten Faktoren überlegen Sie in einem Brainstorming-Prozess, welche alternativen Zukunftsentwicklungen bzw. Projektionen denkbar sind. Das sind für jeden Schlüsselfaktor etwa drei bis sechs Varianten. Bilden Sie hierfür auch praktische Grüppchen, denn uns geht es ja nicht um die punktgenaue Vorhersage der konjunkturellen Entwicklung, sondern um Trends. Für den Einflussfaktor „Bruttoinlandsprodukt“ könnte dies etwa so aussehen:

  • Wächst deutlich < 5 %
  • Wächst etwas 2-5 %
  • „Schwarze Null“ 0,5-2 %
  • Stagniert 0-0,5 %
  • Sinkt etwas -0,5-2 %
  • Rezession -2-5 %
  • Starke Rezession > 5 %

Zugegeben, diese Reduktion wirkt schon fast stümperhaft. Wenn Sie sehr viel Zeit und Budget zur Verfügung haben, bilden Sie natürlich kleinere Schritte, bis Sie bei prozentualen Nachkommastellen angekommen sind; am Ende liegt es an Ihnen bzw. am Projektrahmen, wie ausführlich Sie diesen morphologischen Kasten gestalten. Aber fürs Prinzip soll diese Darstellung genügen. Natürlich müssen sämtliche Annahmen noch mit Thesen und Belegen fundiert werden. An dieser Stelle werden oft Experteninterviews im Projektablauf ergänzt, um möglichst viele Projektionen zu identifizieren und ggf. auf unsinnige Ausprägungen zu verzichten.

Szenariokonstruktion und Konsistenzmatrix

Wie angekündigt sind formalisierte Szenarioprozesse auf Konsistenz aus, weniger auf Wahrscheinlichkeit. Konsistenz bezieht sich darauf, dass die Ausprägungen der Schlüsselfaktoren des vorherigen Schritts miteinander kombiniert und für jede mögliche Konstellation in einer Wechselwirkungsanalyse überprüft wird, ob unter gängigen Annahmen eine Koexistenz dieser beiden Ausprägungen möglich ist. Kann beispielsweise das Bruttoinlandsprodukt deutlich wachsen, während die Bevölkerung erheblich schrumpft? Und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?

Die Konsistenzanalyse kann man kaum ohne Software kaum durchführen, immerhin haben wir es hier bei zehn ausgewählten Schlüsselfaktoren mit jeweils fünf Ausprägungen mit 2250 Kombinationsmöglichkeiten zu tun – je mehr Kombinationsmöglichkeiten, um komplexer wird dann auch die Berechnung der Rohszenarien. In meinem Anwendungsbeispiel zur US-Wahl 2020 haben sich durch 20 Schlüsselfaktoren mit durchschnittlich 3,27 Faktoren gar 85.030.560.000 Kombinationsmöglichkeiten ergeben. Das meine ich mit exponentiellem Wachstum des Aufwands.

Es gibt wenig gute Software für die Szenariotechnik. Im Masterstudium Zukunftsforschung haben wir mit Parmenides EIDOS gearbeitet, welches mir dankenswerterweise auch heute noch direkt von der Stiftung zur Verfügung gestellt wird. Mit dem Werkzeug ist noch viel mehr möglich als die Erstellung von Szenarien, unter anderem Strategiewerkzeuge wie Entscheidungsarchitekturen, visual scoremaps oder Datenkarten. Eine Software wie EIDOS kombiniert nun die Schlüsselfaktorprojektionen miteinander und berechnet den Konsistenzwert der Rohszenarien.

Rohszenarien bilden

Im Idealfall erhalten Sie infolge der softwaregestützten Kombination aller Projektionen mehrere (meist drei bis sechs) deutlich unterschiedliche Cluster mit einer Reihe von Szenarien. Aus jedem Cluster wählen Sie ein besonders konsistentes Rohszenario aus und bewerten nun im Team die Wahrscheinlichkeit und Relevanz für Ihr Untersuchungsobjekt. Je nach Zweck der Szenariotechnik geht es schließlich um die Aufarbeitung für die Kommunikation der Inhalte. Dies kann durch Geschichten, Grafiken, Videos oder andere geeignete Formate geschehen und sollte sich vor allem an den Erwartungen der Adressaten orientieren.

Wichtiger ist aber der strategische Mehrwert von Szenarien. Wenn Sie sauber gearbeitet haben, lassen sich nämlich anschließend sehr gut die Erkenntnisse in standardisierte Strategie-Frameworks einarbeiten.

Fazit (aktualisiert)

Szenarien eignen sich, wenn sie gut gemacht sind, sowohl für die Kommunikation als auch die Strategieentwicklung. In manchen Fällen kann mit ihrer Hilfe sogar das Geschäftsmodell auf externe, plausible Schocks überprüft werden. Seit 2022 arbeite ich mit meinem Zukunftsinstitut PROFORE für Kunden aus Wirtschaft und Verwaltung daran, konsistente Szenarien mit solidem und breitem Fundament zu erstellen. Interessiert Sie der Szenarioprozess? Schauen Sie gern mal vorbei.

Quellen

Gerhold, Lars et al. (2015): Standards und Gütekriterien der Zukunftsforschung. Ein Handbuch für Wissenschaft und Praxis. M. Pausch (Hrsg.), Springer Fachmedien, Salzburg, DOI 10.1007/978-3-658-07363-3.

Popp, Reinhold (2016): Zukunftswissenschaft & Zukunftsforschung. Grundlagen und Grundfragen. Eine Skizze. LIT Verlag, Wien.

Schulz-Monat, Beate; Steinmüller, Dr. Karlheinz (2013): Seminarskript „Szenariotechnik in der Unternehmenspraxis“, Freie Universität Berlin, Institut Futur.

Steinmüller, Dr. Karlheinz (1997): Grundlagen und Methoden der Zukunftsforschung. Szenarien, Delphi, Technikvorausschau. WerkstattBericht 21, Sekretariat für Zukunftsforschung, Gelsenkirchen.


Screenshot Eidos Kalkulation Szenarien

Szenariotechnik US-Wahl 2020

Szenariotechnik im praktischen Einsatz

Sie möchten gern erfahren, wie die Szenariotechnik operativ zum Einsatz kommt? Vielleicht haben Sie meinen Zlog-Beitrag über die US-Präsidentenwahlen gelesen und sind deshalb hier gelandet. Vielleicht interessieren Sie sich aber auch aus anderen Gründen für die Umsetzung einer der wichtigsten Methoden der wissenschaftlichen Zukunftsforschung. Ich möchte Sie nicht enttäuschen: Hier finden Sie einen recht detaillierten Einblick in die Vorgehensweise bei der Szenariotechnik.

Die Anwendung der Szenariotechnik kann, wenn man es ernst meint, unmöglich ohne Softwareunterstützung passieren. Dafür ist die Realität zu komplex – insbesondere, wenn wir uns im Bereich spekulativer Projektionen bewegen. Ich habe das große Glück, die Software EIDOS der Parmenides Foundation nutzen zu dürfen – an dieser Stelle bedanke ich mich nochmals ganz herzlich bei der Stiftung!

Grundannahmen

Folgende Grundannahmen wurden getroffen:

  • Joe Biden erhält etwas mehr Stimmen als Donald Trump vom Wahlmännerausschuss (< 10 % Differenz)
  • Joe Biden erhält erheblich mehr Stimmen durch Bevölkerung (> 60 %)
  • Anhänger beider Lager (Dem./Rep.) haben nachweislich lokale Wahlen manipuliert
  • China, Russland und Iran haben nachweislich Wahlen manipuliert

 

Einflussfaktoren

Funktionsweise Einflussfaktoren: Nach dem Umweltanalyseschema WÖ-gewarpt werden diejenigen Faktoren gelistet, die zum Zeitpunkt der Szenarien (Ende Januar 2021) eine Rolle gespielt und sich auf den betrachteten Gegenstand maßgeblich ausgewirkt haben werden. Weniger relevante Gebiete werden aus Effizienzgründen ignoriert und nicht aufgeführt. Insgesamt wurden 79 Einflussfaktoren aus den Bereichen Wirtschaft, Ökologie, Gesellschaft, Ethik, Wissenschaft, Administration, Recht, Politik und Technologie gelistet.

Hier finden Sie die gesamte Liste:

Wirtschaft

  • Wirtschaft
    • Außen (Welt):
      • Globale Konjunktur
      • Tourismuskrise
      • Finanzmärkte
      • Börsenkurse der Hauptindizes [Dow Jones Global Titans (50 größte Aktiengesellschaften der Welt), MSCI Emerging Markets Index (größte Aktiengesellschaften der Schwellenländer), MSCI World (1600 größte Aktiengesellschaften der Industrieländer), S&P Global 1200 (1200 größte Aktiengesellschaften der Welt), STOXX Global Select Dividend 100 (100 dividendenstärkste Großunternehmen der Welt)]
    • Außenpolitischer Rahmen:
      • Konjunktur NAFTA
      • Konjunktur US-Japan
      • Konjunktur US-UK (insb. Brexit)
      • World Trade Organization
    • Außen (Land):
      • Nationale Konjunktur
      • Nationale Arbeitslosenquote
      • Waren- und Güterverkehr
      • Energiemarkt
      • Immobilienmarkt
      • Ressourcenverfügbarkeit
      • Versorgungssicherheit US-Bevölkerung
      • Verhalten Social Media Plattformbetreiber (Facebook, Twitter, Insta)
    • Innen:
      • Insolvenz Big Player (G-MAFIA)

Ökologie

  • Ökologie
    • Außen (Welt):
      • Klimakatastrophe international
      • Wild Card Klima international
      • Wild Card Meteoriteneinschlag o.ä.
    • Außenpolitischer Rahmen:
      • Wild Card Klima Nordamerika
    • Außen (Land):
      • Wild Card Supervulkanausbruch
      • Waldbrände
    • Innen (White House):

Gesellschaft

  • Gesellschaft
    • Außen (Welt):
      • Covid19-Entwicklung (Gesundheitlich)
      • Globale Berichterstattung
      • Globale Prominente
    • Außenpolitischer Rahmen:
      • Immigration in die USA
      • Emigration aus den USA
    • Außen (Land):
      • Nationale Prominente
      • Nationale Berichterstattung
      • Migration innerhalb der USA
      • Akzeptanz Wahlergebnis US-Bevölkerung
      • Friedlicher Zusammenhalt US-Bevölkerung
      • Gewaltbereitschaft (Extremismus, Bürgermilizen, Bürgerkrieg, Plünderungen etc.)
      • Sozialversicherungssystem
      • Polarisierung zwischen Wählergruppen
      • Alternative Fakten / New World Order Verschwörungstheorien
      • Wild Card Terrorismus
      • Wild Card Unglück (Flugzeugabsturz, Dammbruch, GAU)
    • Innen (White House):
      • Verhalten Melania Trump
      • Verhalten andere Familienmitglieder Trump

Ethik

  • Ethik
    • Außen (Welt):
    • Außenpolitischer Rahmen:
    • Außen (Land):
      • Demokratieempfinden US-Bevölkerung vs. Faschismus
      • Egoismus US-Bevölkerung
    • Innen (White House):
      • Friedliche Übergabe ja/nein

Wissenschaft

  • Wissenschaft
    • Außen (Welt):
      • Wild Card wiss. Durchbruch international
    • Außenpolitischer Rahmen:
    • Außen (Land):
      • Wild Card wiss. Durchbruch USA
    • Innen (White House):

Administration

  • Administration
    • Außen (Welt):
    • Außenpolitischer Rahmen:
    • Außen (Land):
      • Verhalten US-Bundesbehörden
    • Innen (White House):
      • Verhalten Trump-Administration

Recht

  • Recht
    • Außen (Welt):
    • Außenpolitischer Rahmen:
      • Verhalten Supreme Court (Judikative, 9 Richter, Präsident schlägt vor, Senat wählt)
    • Außen (Land):
      • Verhalten Gerichte in Bundesstaaten
    • Innen (White House):

Politik

  • Politik
    • Außen (Welt):
      • Einfluss Russland
      • Einfluss China
      • Einfluss Iran
      • Einfluss EU
      • Internationale Anerkennung Wahlergebnis
      • Militärische Konflikte international
      • Wild Card Atomwaffeneinsatz
    • Außenpolitischer Rahmen:
      • Verhalten NATO
      • Verhalten Vereinte Nationen
      • Verhalten OECD
    • Außen (Land):
      • Verhalten Kongress [= Repräsentantenhaus (Legislative, quasi Bundestag mit Proporz pro Staat, 435 Mitglieder aktuell) und Senat (Legislative, quasi Bundesrat, jeder Bundesstaat 2 Sitze, Vizepräsident ist Senatschef)]
      • Verhalten einzelner Bundesstaaten / Gouverneure (Exekutive Außen)
      • Verhalten Streitkräfte (Exekutive Außen)
      • Verhalten einzelner Bundesstaaten / Staatsparlamente (Legislative Außen)
      • Verhalten Staatsparlamente (Legislative Außen)
      • Parteiverhalten Demokraten
      • Parteiverhalten Republikaner
      • Parteiverhalten andere
      • Militärische Konflikte national
    • Innen (White House):
      • Verhalten Präsident Trump
      • Wild Card Anschlag auf Trump
      • Verhalten Vizepräsident Pence
      • Verhalten Kabinettsmitglieder
      • Verhalten Bundesbehörden (Fokus: CIA, Federal Reserve Bank)

Technologie

  • Technologie
    • Außen (Welt):
      • Technologischer Durchbruch Covid-Impfstoff (global)
      • Quantencomputer global
      • Wild Card globaler Internetausfall
    • Außenpolitischer Rahmen:
    • Außen (Land):
      • Technologischer Durchbruch Covid-Impfstoff (USA)
      • Wild Card nationaler Internetausfall
    • Innen (White House):

Schlüsselfaktoren

Im nächsten Schritt wurden Schlüsselfaktoren definiert. Das sind diejenigen Faktoren, die nach Recherche, Diskussionen und Einfluss-/Wechselwirkungsmatrix als die relevantesten identifiziert wurden. Insgesamt wurden nach Abzug der Wild Cards 20 Schlüsselfaktoren in die Analyse einbezogen. Sie sind oben fett markiert, hier noch einmal als Liste und leicht umformuliert:

  • Börsenkurse Hauptindizes
  • Nationale Konjunktur
  • Energiemarkt
  • Versorgungssicherheit
  • Verhalten Plattformbetreiber Social Media
  • Covid-19 / Sars-CoV-2
  • Emigration aus den USA
  • Akzeptanz Wahlergebnis
  • Gewaltbereitschaft
  • Verhalten Melania Trump
  • Verhalten Supreme Court
  • Einfluss Russland
  • Einfluss China
  • Einfluss Iran
  • Einfluss EU
  • Einfluss Vereinte Nationen
  • Verhalten Kongress
  • Verhalten Bundesstaaten
  • Verhalten Streitkräfte
  • Verhalten Donald Trump
  • Verhalten Bundesbehörden (v.a. CIA und Fed)
  • Covid-19-Impfstoff

 

Für die Schlüsselfaktoren wiederum wurden so gut es geht nach dem MECE-Prinzip (mutually exclusive, collectively exhaustive) Ausprägungen bzw. Projektionen gebildet. Dazu muss erwähnt werden, dass einige qualitative Faktoren aus forschungseffizienten Gründen lediglich wenige dichotome Alternativen enthält, wie beispielsweise das Verhalten Melania Trumps.

Insgesamt wurden 72 Ausprägungen alternative Projektionen gebildet, was einem Durchschnitt von 3,27 Projektionen entspricht. Jeder Schlüsselfaktor und jede Ausprägung wurde zudem mit geschätzten Wahrscheinlichkeiten und der Gewichtung für die Szenarioanalyse bestückt. Dieser Schritt ist übrigens unter Zukunftsforschenden umstritten, ich habe mich aus Zeitgründen dafür entschieden, auch wenn meine Bewertungsgrundlagen nur schwer nachvollziehbar gemacht werden können und ich damit möglicherweise die Gütekriterien der Forschung etwas strapaziere. Bei Rückfragen zu den einzelnen Wahrscheinlichkeiten und Gewichtungen stehe ich gern Rede und Antwort, da die zugrundeliegenden Thesen durchaus dokumentierbar sind.

Screenshot Eidos Kalkulation SzenarienAnschließend wurden für jedes Ausprägungspaar Konsistenzwerte vergeben – wie widerspruchsfrei ist die Koexistenz dieser beiden Ausprägungen im Szenario am Tax x, hier dem 20. Januar 2021? Eine solche Betrachtung ist unmöglich manuell durchzuführen, weshalb ich hierfür die Software Parmenides Eidos genutzt habe. Herzlichen Dank für die Bereitstellung der Software, liebe Parmenides Foundation!

Rohszenarien

Screenshot Eidos Szenarien ClusterDamit ergaben sich für die Kombination aller Ausprägungen 85.030.560.000 Möglichkeiten. Die Berechnung dauerte mit meinem HP Elitebook 840 G6 (Intel i7 @ 1,8 GHz mit 32 GB Arbeitsspeicher) 2:45 Stunden. Im Ergebnis lieferte die Analyse 97 Rohszenarien. Diese waren in sechs unterschiedliche Cluster unterteilt, welche sich wiederum aus den grundlegenden Unterschieden in den Konsistenzwerten, Wahrscheinlichkeiten und inhaltlichen Unterschieden ergaben. Nach der Durchsicht der einzelnen Werte und manueller, qualitativer Überprüfung der Stimmigkeit und Relevanz wurden schließlich zunächst die 97 Rohszenarien auf je ein Rohszenario pro Cluster reduziert, um schließlich ein finales Szenario auszuwählen: es trägt die Ordnungsnummer 70, hat einen Konsistenzwert von 1.44 und eine Wahrscheinlichkeitsbewertung von +++.

 

Dieses Rohszenario 70 hat folgende Werte:

Screenshot Szenario 70 US-Wahl

Hier sind die Schlüsselfaktoren mit den errechneten konsistenten Ausprägungen zum Zeitpunkt 20. Januar 2021. An dieser Stelle nochmals der Hinweis, dass dies keine Prognose, sondern eins von vielen in sich konsistenten, d. h. widerspruchsfreien Szenarien ist:

  • Weltwirtschaft: Börsenkurse der Hauptindizes steigen deutlich > 5%
  • US-Wirtschaft
    • Nationale Konjunktur wächst deutlich > 5%
    • Energiemarkt: Preise / Verfügbarkeit konstant
    • Versorgungssicherheit: Überfluss
    • Verhalten der Plattformbetreiber Social Media: Unterstützung System
  • Weltgesellschaft: Covid-19 / Sars-CoV-2 entwickelt sich moderat mit 1,5 – 2 Millionen Toten weltweit
  • US-Gesellschaft
    • Emigration aus den USA sinkt deutlich > 3%
    • Akzeptanz Wahlergebnis in Bevölkerung erhält starke Unterstützung
    • Gewaltbereitschaft bleibt moderat
    • Verhalten Melania Trump läuft auf einen offenen Konflikt mit Donald Trump hinaus
  • Rechtssystem: Verhalten Supreme Court, dieser bestätigt das Wahlergebnis
  • Weltpolitik
    • Einfluss Russland: keine Einmischung
    • Einfluss China: moderate Einmischung
    • Einfluss Iran: moderate Einmischung
    • Einfluss EU: keine Einmischung
    • Einfluss Vereinte Nationen: keine Einmischung
  • US-Politik
    • Verhalten Kongress: Repräsentantenhaus und Senat unterstützen die Wahlergebnisse
    • Verhalten Bundesstaaten: Mehrheit unterstützt Wahlergebnisse
    • Verhalten Streitkräfte: friedliche Unterstützung des Systems
    • Verhalten Donald Trump: Akzeptanz des Wahlergebnisses
    • Verhalten Bundesbehörden (insb. CIA, FBI und Federal Reserve): Mehrheit unterstützt das Wahlergebnis
  • Technologie: Ein Covid-19-Impfstoff wird in den USA entwickelt.

Szenarioaufbereitung

Nachdem ich mich für dieses Szenario entschieden habe, ging es ans Schreiben des Szenariotextes. Ich habe mich für die Form eines Zeitungsberichts entschieden, um möglichst schlaglichtartig die wichtigsten erwarteten Entwicklungen im Dialogformat umzusetzen. Das Ergebnis finden Sie in meinem Zlog – oder haben es sogar schon gefunden.

So oder so ähnlich kann es also ablaufen, wenn Zukunftsforschende tief in ihren Methodenkoffer greifen. Idealerweise ist die Szenariotechnik nur einer von mehreren Bausteinen eines Forschungsprojekts. Für die Vorbereitung ist eine ausführliche Recherche unerlässlich, am besten werden noch (Experten-)Interviews für die Erweiterung des Thesensatzes und die Beseitigung blinder Flecken geführt. Je nach Untersuchungsgegenstand bieten sich manchmal auch quantitative Erhebungen an.

Sprechen Sie mich gern für die Beratung der passenden Methode an. Gern unterstütze ich Sie bei Ihrem Foresight-Prozess im Prozess, Strategie oder in der Operativen.


Sonderband Zukunft der Arbeit Cover

Zukunft der Arbeit: Sonderband und Postkapitalismus

Gestern war es endlich soweit: Der Sonderband "Zukunft der Arbeit" von Prof. Dr. Jens Nachtwei und Antonia Sureth wurde veröffentlicht! 122 Fachartikel von 181 Autor*innen - das Themenspektrum reicht von (alternativen) Arbeitswelten über Bildung und Personalwesen, Organisation & Kollaboration und Führung zu technologischen Themen wie Künstlicher Intelligenz im Arbeitskontext. Natürlich gibt es auch Praxisbeispiele. Und das beste: der Band ist kostenlos verfügbar!

Achso, und: ich habe auch einen Beitrag geleistet: "Postkapitalismus: Systemfragen der 4. Industriellen Revolution" (S. 54-57). Hier geht's direkt zur Publikation:

www.SonderbandZukunftDerArbeit.de

Für Zitation bitte folgende Form verwenden: 

  • Nachtwei, J., & Sureth, A. (Hrsg.). (2020). Sonderband Zukunft der Arbeit (HR Consulting Review, Bd. 12). VQP.
    https://www.sonderbandzukunftderarbeit.de
  • Gondlach, K. A. (2020). Postkapitalismus: Systemfragen der 4. Industriellen Revolution. In J. Nachtwei & A. Sureth (Hrsg.), Sonderband Zukunft der Arbeit (HR Consulting Review, Bd. 12, S. 00-00). VQP. https://www.sonderbandzukunftderarbeit.de

Veröffentlichungsreihe
Die Veröffentlichungsreihe für Qualitätssicherung in Personalauswahl und -entwicklung (VQP) wurde 2012 zur Förderung des Austauschs von Forschung, Lehre und Praxis begleitend zur Vorlesung Personal- und Organisationsberatung von Jens Nachtwei am Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin ins Leben gerufen.

HR Consulting Review
Im Herausgeberband HR Consulting Review der Veröffentlichungsreihe stellen Praktiker*innen und Forscher*innen Projekte, Modelle und Sichtweisen sowie wissenschaftliche Studien vor. Die Themen stammen vorwiegend aus den Bereichen Führung, Personalauswahl, Personalentwicklung und Organisationsentwicklung.

Freier Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen bedeutet nicht, dass sie umsonst sind. Die Organisator*innen und Autor*innen haben überwiegend ehrenamtlich viel Zeit und Mühe in die Erstellung dieses Bands gesteckt. Bitte quittieren Sie diesen Dienst durch Verbreitung der Publikation, kritische Auseinandersetzung und proaktive Diskussion oder finanzielle Unterstützung der jeweiligen Institutionen. Danke!


Szenario: Joe Biden als neuer US-Präsident vereidigt, Trump in Isolationstherapie

Berlin, 20. Januar 2021

Nun also doch: Joe Biden hat heute vor dem Obersten Gerichtshof in Washington, D. C. den Amtseid abgelegt und folgt damit als 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika auf Donald Trump. Dieser ist den Feierlichkeiten wie erwartet ferngeblieben, da er sich auf Anordnung seines scheidenden Amtsarztes in Isolation und damit in sein eigenes Trump International Hotel begeben hat, wo er von einem Psychotherapeutenteam betreut wird. Er erlitt zum Jahreswechsel einen Nervenzusammenbruch infolge der öffentlichkeitswirksamen Trennung von seiner Frau Melania Trump. Infolgedessen beendete er seinen Widerstand gegen die amtlichen Wahlergebnisse von Anfang November und leitete damit die Beruhigung der bürgerkriegsähnlichen Zustände in weiten Teilen des Landes ein.

Mit der Vereidigung des neuen US-Präsidenten Joe Biden beginnt ein neues politisches Weltzeitalter. Biden steht vor einem nationalen Trümmerhaufen und polarisierten politischen Lagern, doch die Sicherheitssituation scheint im Griff zu sein. Die ganze Welt schaut nun auf den Hoffnungsträger einer ganzen Generation, der vor beispiellosen Herausforderungen steht. Darüber sprachen wir exklusiv mit Bundesaußenminister Heiko Maas.

Herr Maas, wie bewerten Sie die aktuelle Lage in den USA?

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass wir angesichts der wiederhergestellten Ordnung im Kabinett aufgeatmet haben. Hinter uns liegen insbesondere im Auswärtigen Amt und den diplomatischen Einrichtungen arbeitsreiche Wochen, die oft einer Gratwanderung glichen. Als Deutsche und Bündnispartner der USA standen wir natürlich zwischen den Stühlen, die Faktenlage der Wahlergebnisse musste besonders in den ersten Tagen nach dem finalen Wahltag ständig neu bewertet werden. Donald Trump und seine scheidende Administration waren dabei keine große Hilfe. Natürlich ist es nicht unsere Aufgabe, Partei für einen der Kandidaten zu ergreifen, doch als dann im Eilverfahren der nationale Notstand ausgerufen und das Militär in fast allen Bundesstaaten eingesetzt wurde, um friedliche Proteste der Bürger*innen gewaltsam zu beenden, konnten wir nicht weiter tatenlos zusehen. Glücklicherweise teilte die Mehrheit der internationalen Staatengemeinschaft unsere Einschätzung.

Was dachten Sie, als sich dann Teile des Militärs den Befehlen ihres scheidenden Oberbefehlshabers Trump widersetzten?

Offen gesprochen haben wir bei einer der vielen Krisensitzungen kollektiv den Atem angehalten. Alle Zeichen standen auf Eskalation, solche Bilder kennen wir sonst nur aus Krisengebieten. Unsere besten Analysten waren sich einig, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Bürgerkrieg immens war, sodass wir uns gezwungen sahen, einzuschreiten. Immerhin fürchteten die Wahlbeobachter der OSZE und OAS, die unüblicherweise im November die Situation vor Ort im Blick hatten, um ihre Leben. Das Pulverfass aus nationalen Streitkräften, Dissidenten, Bürgermilizen und terroristischer Vereinigungen von außen drohte zu explodieren. Es stand vieles auf dem Spiel, auch für den Rest der internationalen Staatengemeinschaft.

Wie haben Sie Trump und seine Allianz schließlich zum Einlenken bewegen können?

Im Grunde haben wir dafür die klassischen Taktiken einer Verhandlung in Krisensituationen wie zum Beispiel Geiselnahmen angewandt. Unsere Spezialeinheiten sind darauf geschult, mit Gefährdern zu verhandeln und auch unter größtem Stress ihr Ziel zu verfolgen, nämlich die Gesamtsituation möglichst friedlich beizulegen. Immerhin ging es hier um den Weltfrieden, nachdem Trump auf Twitter sogar den Einsatz von Atomwaffen im eigenen Land als Option gegen Protestierende und abtrünnige Metropolregionen angesprochen hat. Es ging also potentiell um die Leben vieler Millionen Menschen und die geopolitische Sicherheitslage. Für uns war klar, dass nur ein Ultimatum und immenser diplomatischer Druck helfen würde. Dazu gehörten auch umfangreiche wirtschaftliche Sanktionen gegen Trump persönlich.

Kein einfacher Job! Sie haben Twitter bereits angesprochen, der Social Media Dienst diente Donald Trump in seiner gesamten Amtszeit als wichtige Resonanzkammer für seine oft eher unpräsidialen Äußerungen. Was denken Sie über die Entwicklungen der Sozialen Netzwerke innerhalb der letzten Monate und ihre Rolle in der Beilegung der Konflikte?

Der Nachrichtendienst Twitter wurde in der Vergangenheit ja gern von Gruppierungen mit extremen Meinungen genutzt, doch bereits vor der Präsidentschaftswahl wurden immer mehr Hürden eingebaut, um die Verbreitung von alternativen Fakten zu erschweren. Facebook als immer noch nutzerstärkste Plattform musste sich ebenfalls dem öffentlichen Druck beugen und deutlich schärfer als bisher gegen Verschwörungstheoretiker vorgehen. Mit Beginn des neuen Jahres nutzen nun sämtliche größere Plattformen KI-gestützte Software, um derartige Äußerungen kenntlich zu machen und Nutzer*innen vor gefährlichen Inhalten zu warnen – sicherlich nicht freiwillig, sondern weil sie es schlicht müssen. Immerhin hat inzwischen ein stets wachsender Teil der Menschen erkannt, dass auch die Covid19-Pandemie real ist und Trump viele Menschenleben wissentlich in Gefahr gebracht hat, um seine politischen und vor allem wirtschaftlichen Interessen zu verfolgen. Dieses Einlenken hat die Konjunktur sowohl in den USA als auch weltweit wieder deutlich angekurbelt, da mit vereinten Kräften viel wirksamere Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie einerseits und zur geregelten Verfolgung des öffentlichen Lebens andererseits ergriffen werden konnten. Nur so konnte sich die Verbreitung des Virus moderat entwickeln – Ende November sah das noch ganz anders aus.

Welche weiteren Auswirkungen erwarten Sie durch die einkehrende Ruhe?

An erster Stelle muss ich Joe Biden meinen größten Respekt aussprechen. Er und seine Administration sind mit allen Entwicklungen der letzten Monate besonnen umgegangen, was man von dem scheidenden Präsidenten nicht gerade behaupten kann. Sie haben alle Mittel des Rechtsstaats genutzt, haben sich nicht durch die polemischen Angriffe einschüchtern lassen und sind würdevoll durch diese Schlammschlacht gekommen. Nun ist es jedoch an der Zeit, nach vorn zu blicken. Biden und sein Kabinett müssen die politischen Grabenkämpfe im Repräsentantenhaus und dem Senat moderieren und gleichzeitig wichtige und dringende Herausforderungen angehen.

Die allgemeine Gesundheitssituation in den Vereinigten Staaten von Amerika ist desolat, die Pandemie hat hier tiefe Gräben verursacht – im direkten wie im übertragenen Sinne. Die Chancen stehen gut, dass eine verbindliche, solidarische Krankenversicherung nach europäischem Vorbild nun endlich auf den Weg gebracht werden kann. In diesem Zuge werden auch wirtschaftliche Sicherungs- und Anreizsysteme insbesondere für die geschwächte Zivilbevölkerung diskutiert.

Innenpolitisch wird nach wiederholter Kritik am Wahl- und Parteiensystem mit den Stimmen beider großer Parteien eine Wahlrechtsreform angestrebt, die in der Tat beispiellos wäre. Worüber noch gestritten wird, ist die Aufspaltung der föderalen USA in mehrere souveräne Staaten, die der kulturellen und politischen Spaltung Rechnung tragen würde. Gleichzeitig erhofft man sich davon wirtschaftliche Zugewinne bei gleichzeitigem Effizienzgewinn hinsichtlich der Geschwindigkeit im Entscheidungsfindungsprozess.

Der deutliche Rückgang der Emigration aus den USA scheint ein erster Indikator dafür zu sein, dass sich die US-Bürger*innen wieder sicherer und wohler fühlen als in den vergangenen vier Jahren. Joe Biden ist als Hoffnungsträger schon fast vergleichbar mit seinem ehemaligen Chef Barack Obama. Auf seinen Schultern lasten die Erwartungen einer gespaltenen Nation.

Als Vizepräsident hat Biden bereits unter Barack Obama in beiden Amtszeiten insbesondere für die außenpolitischen Fragen brilliert. Was denken Sie, welche außenpolitischen Themen ganz oben auf Bidens Agenda stehen?

Für die traditionellen Antrittsbesuche bei anderen Staats- und Regierungschefs ist aktuell weder Zeit noch Platz auf der Prioritätenliste. Natürlich finden kurze Telefonate und Videokonferenzen statt, doch es brennt international an zu vielen Stellen, als dass man sich in aller Seelenruhe mit repräsentativen und formellen Gesten aufhalten könnte. Zuerst wird sich Biden um die diplomatischen Krisen mit Russland, China und dem Iran kümmern müssen. Alle drei haben nachweislich die Wahl in den USA manipuliert, Daten von US-Bürger*innen gestohlen und somit eine souveräne Nation in ihren Grundrechten verletzt. Leider fehlen uns noch die juristischen Mittel, um auf globaler Ebene dagegen vorzugehen, aber das Instrumentarium der Diplomatie reicht fürs Erste. Biden hat bereits angedeutet, dass er – anders als sein Vorgänger – weniger den Konflikt als die Kooperation anstrebt.

Welche Themen geht Biden Ihrer Meinung nach im Anschluss an? Was macht er anders als Trump?

Es gibt eine Reihe globaler Fragen, die größer als Eitelkeiten sind. Die Auswirkungen des Klimawandels sind inzwischen auch in den Industrienationen regelmäßig spürbar, die kontinuierlichen Meldungen über Methangaslecks in Sibirien, Erdbeben und Waldbrände auf allen Kontinenten und der rapide Anstieg des Meeresspiegels können wir nur gemeinsam angehen. Deshalb freut es uns in der Bundesregierung zu sehen, dass Joe Biden nicht nur den Wiedereintritt ins Pariser Klimaabkommen forciert, sondern sogar eine Verschärfung und die Einführung verbindlicher Vorschriften vorgeschlagen hat. Unsere größten Feinde in diesen Zeiten sind keine anderen Nationen, sondern Viren und - mit Blick auf den Klimawandel – die Fehlentscheidungen vergangener Generationen. Diese können wir nur gemeinsam korrigieren.

Das sind viele wichtige Aufgaben für einen neuen Präsidenten. Was wünschen Sie sich und Joe Biden für die ersten 100 Tage, auch mit Blick auf das bevorstehende Ende der Ära Merkel?

Die 100-Tage-Frist wird traditionell jedem neuen Präsidenten gewährt, um von Medien und Opposition eine erste Bewertung zu erhalten. Ich würde in diesem Fall auf 118 Tage erhöhen, denn dann beginnt das Weltwirtschaftsforum in Luzern. Die Staats- und Regierungschefs sowie Unternehmens- und NGO-Vertreter*innen erwarten gespannt den Moment, in dem der mächtigste Mann der Welt erstmals von den Fortschritten seiner Regierung berichten wird. Ich hoffe für uns alle, dass sich die Vorboten für gute Nachrichten bestätigen werden. Dazu gehört eine rasche Verbreitung des US-Impfstoffs gegen Covid-19 in alle Teile der Welt, Fortschritte in der friedlichen Beilegung der genannten Krisen und Konflikte und schließlich eine Beteiligung an dem globalen Green New Deal und der Umschulungsrevolution.

Angela Merkel und ihr Kabinett stehen geschlossen hinter Joe Biden. Wir freuen uns auf eine produktive, partnerschaftliche und gedeihliche Zusammenarbeit. Im Vordergrund der transatlantischen Beziehung stehen nun die Aufräumarbeiten kürzlicher geopolitischer und diplomatischer Krisen sowie die Weichenstellung für die Zukunft.

Herr Maas, wir bedanken uns für das Gespräch!

DISCLAIMER

Sie lasen ein fiktives Szenario über den Zeitraum nach der US-Präsidentenwahl nach dem 3. November 2020 bis zum 20. Januar 2021. Es wurde im Oktober 2020, also noch vor dem finalen Wahltag, mithilfe der Szenariotechnik der wissenschaftlichen Zukunftsforschung erstellt und in den Tagen vor der tatsächlichen Wahl verfasst. Es handelt sich nicht um eine reale Abhandlung, sondern um ein frei erfundenes Szenario als fiktives Interview, das allerdings auf einer ausführlichen qualitativen und quantitativen Recherche sowie Anwendung der Software Parmenides EIDOS basiert. Mehr über die Funktionsweise der Methode erfahren Sie hier.

Auszug der Quellen

  • BuzzFeed News: These Are The Nightmare Scenarios For How The 2020 Election Might End, 13.10.2020, URL (Zugriff am 20.10.2020).
  • Eudaimonia; Umair Haque: America is a Dystopia America’s Weekend of Chaos, Rage, and Despair, 30.05.2020, URL (Zugriff am 20.10.2020).
  • Eudaimonia; Umair Haque: This Election Isn’t Just About Trump. It’s About Whether America Has a Future, 15.10.2020, URL (Zugriff am 20.10.2020).
  • Eudaimonia; Umair Haque: Are These the Last 14 Days of American Democracy? A Desperate Trump Seems to Be Embracing Political Violence. Can America Defeat Him?, 19.10.2020, URL (Zugriff am 20.10.2020).
  • Merkur: Experten erklären Alptraum-Szenario für US-Wahl - Trump könnte Kettenreaktion in Gang setzen, 20.10.2020, URL (Zugriff am 20.10.2020).
  • Tagesspiegel: Milizen in den USA: Sie proben für den Bürgerkrieg, 09.10.2020, URL (Zugriff am 20.10.2020).
  • Wikipedia: 12. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten, URL (Zugriff am 20.10.2020).

Photo by Felix Mittermeier on Unsplash


Buchtipp: Factfulness (Hans Rosling)

"Factfulness - wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist." Ein viel versprechender Titel! Und eine unheimlich wichtige Mission in Zeiten alternativer Fakten, Fake News und Verschwörungsmythen. Kann das Buch halten, was der Titel verspricht?

Was steht drin?

Zur Person: Der schwedische Mediziner und Statistiker Hans Rosling war Professor für Internationale Gesundheit am Karolinska Institutet und Direktor der Gapminder-Stiftung in Stockholm. Durch eine Reihe von TED-Talks erreichte er mehr und mehr den weltweiten Bekanntheitsgrad eines Wissenschafts-Popstars, sein Lebenswerk "Factfulness" trägt all diese Entwicklungen zusammen und verfolgt das Ziel, Menschen wieder zum Nachdenken zu ermuntern.

Afrika ist arm, die Industriestaaten sind reich, die Weltbevölkerung explodiert und bald gibt es nicht mehr genug zu Essen für alle.

Das sind nur einige der Vorurteile, die Hans Rosling adressiert und charmant mit Anekdoten widerlegt. Das Buch basiert auf biographischen Erzählungen des Autors, die immer wieder durch internationale Statistiken untermauert werden. Diese sammelte Rosling unter anderem mit der Gapminder Stiftung, die er 2005 mit seinem Sohn Ola Rosling und Schwiegertochter Anna Rosling Rönnlund gegründet hat. Dutzende Male hat Rosling mich als Leser bei meinen Vorurteilen bzw. eingefahrenen Annahmen über Zusammenhänge in der Welt erwischt. Gleichzeitig hat er mir auch immer wieder das beklemmende Gefühl der eigenen Dummheit genommen, indem er Umfrageergebnisse teilt. Sie zeigen, dass die wenigsten Menschen in Industriestaaten beispielsweise die Entwicklung der Armut oder Zugang zu Bildung und Medizin in "Entwicklungsländern" korrekt eingeschätzt haben. Manchmal liegen sogar Nobelpreisträger weiter daneben als der Median der Bevölkerung - selbst Schimpansen tippen oft besser als die subjektiv geprägten Genies.

Und so lernen wir bei der Lektüre unter anderem, dass ...

  • ... das Bruttoinlandsprodukt der "Entwicklungsländer" erheblich gestiegen ist.
  • ... in den Metropolen der "Industriestaaten" ärmere Menschen leben als in vielen afrikanischen Ländern.
  • ... die Weltbevölkerung nur noch bis ca. Mitte des Jahrhunderts anwachsen wird.
  • ... nicht die Menge vorhandenener Nahrung das Problem ist, sondern der Wille, sie gerecht aufzuteilen.

Statt antiquierter Bezeichnungen für Staaten wie Erste vs. Dritte Welt hat Rosling ein Stufenmodell entwickelt, das den individuellen Lebensstandard widergibt. Dazu gehört auch die These, dass man umso weniger Veränderungen auf den unteren Entwicklungsebenen wahrnimmt, je weiter man aufgestiegen ist. Die bekannte Arroganz des "Westens" also. Dabei bleibt Rosling für meinen Geschmack stets undogmatisch und respektvoll, legt den Finger jedoch spürbar in die Wunden der Ex-Kolonialmächte.

Das Buch folgt im Aufbau verschiedenen Instinkten der Menschen, welche in der vernetzten und medial verzerrten Welt oft auf die falsche Fährte geraten. Schuld daran ist unter anderem unser Drama-Filter, welcher (evolutiv bedingt) die Gesamheit der Informationen, die in jedem Moment auf uns einprasseln, dahingehend prüft, ob sie eine Bedrohung für uns darstellen können. Dieser Filter ist es, der sich von der Berichterstattung vieler Leitmedien in die Irre führen lässt und permanent Stresssignale produziert. Rosling plädiert dafür, den Vorhang zu lüften und sich von dieser sehr einfachen Herangehensweise an Realität zu lösen. Darüber hinaus sollte man sich weniger an den klassischen Charakterzügen des Optimismus, Pessimismus oder Realismus orientieren, sondern eher zum Probabilisten werden. Als Probabilist*in lebt es sich leichter, da man lernt, Zusammenhänge herzustellen, mutmaßliche Fakten zu hinterfragen und ausgewogene Entscheidungen zu treffen. Kann ich nur empfehlen.

Meta

Die erste Auflage in deutscher Sprache erschien posthum 2019; Hans Rosling verstarb leider 2017. Sein Sohn Ola Rosling und Schwiegertochter Anna Rosling Rönnlund vollendeten das Werk. Die beiden sind auch die Köpfe hinter der Gapminder Foundation und der dazugehörigen "Trendanalyzer"-Software. Diese wurde bereits zwei Jahre später von Google gekauft und visualisiert seither auf noch größerer Ebene Informationen, die aus verlässlichen Quellen und Statistiken stammen.

Der Mensch ist durch seine Biologie stark eingeschränkt, wenn er nicht seine Gabe, den kognitiven Supercomputer im Schädel, vernünftig nutzt. Factfulness ist eine erfrischende Herangehensweise an Behauptungen in den Medien - insbesondere Social Media -, die dabei helfen kann, weniger leichtgläubig und gleichzeitig weniger angreifbar zu sein. Wenn man sich die Facebook-Kommentare zu bestimmten Medienmeldungen anschaut (insbesondere seit Corona), kann einem schon übel werden; wenn man diese Entgleisungen einiger weniger kognitiv Gesegneter ins Verhältnis dazu setzt, wie viele Menschen sich für ein friedliches Miteinander engagieren, wird's besser. Versprochen.

Trivia: Ich höre sehr selten Hörbücher. Factfulness habe ich mir tatsächlich als Hörbuch gegönnt und dann das Taschenbuch bestellt.

Empfehlung: Unbedingt lesen!

Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Sie das Buch ohnehin schon gelesen haben. Nicht ohne Grund war es wochenlang auf diversen internationalen Bestseller-Listen. Auf Spotify gibt's das Hörbuch quasi umsonst. Falls Sie es noch nicht gelesen oder gehört haben, möchte ich es Ihnen unbedingt nahelegen. Und Ihrer Familie. Und Ihren Kolleg*innen oder Angestellten und jedem, dem Sie sonst so begegnen. Wenn Sie das erledigt haben, schreiben Sie mir gern hier einen Kommentar oder eine eMail oder rufen Sie an.


Buchtipp: "Alles unter dem Himmel" (Zhao Tingyang)

Wenig überraschend: Als Zukunftsforscher lese ich unheimlich viel. Dazu gehören vor allem die neuesten Studien einschlägiger Forschungsinstitute und einflussreicher Organisationen, wie bspw. von Bundesministerien. Ansonsten lese ich vor allem Sachbücher, die mich wiederum oft auf neue Gedanken bringen, mir neue Perspektiven bieten und vor allem auf Primärliteratur aufmerksam machen, die sonst nicht in meiner Reichweite wäre. Deshalb bin ich auch immer sehr dankbar für Tipps, die nicht aus meinen Fokusgebieten der Soziologie, klassischen Politikwissenschaft und Innovationsforschung stammen. Und deshalb habe ich beschlossen, meinen Zlog auch für Buchtipps zu nutzen – schließlich ist es meine Mission, auch Ihre Perspektiven zu weiten.


Neulich habe ich ein Buch gelesen, welches mein Perspektivendenken sehr herausgefordert hat, da es sich um das Werk eines philosophischen Politikwissenschaftlers handelt. Zhao Tingyang ist einer der wenigen Politikwissenschaftler aus China, die gleichzeitig dort wie auch weltweit angesehen sind.

„Zhao Tingyang ist Professor am Institut für Philosophie bei der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften und ist Senior Fellow am Berggruen Forschungsinstitut der Universität Peking. 2019 wurde er vom Nouveau Magazine littéraire zu einem der 35 einflussreichsten Denker der Welt gewählt.“ (Wikipedia)

Sein Buch „Alles unter dem Himmel“ erschien 2020 in deutscher Sprache und ich möchte es allen nahelegen, die sich für „Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung“ interessieren, wie es im Untertitel heißt. Und wenn Sie hier auf meinem Zlog unterwegs sind, ist anzunehmen, dass Sie sich für diese Thematik interessieren 😉

Was steht drin?

Zhao Tingyang geht in seinem Hauptwerk mit allen bisherigen Formen politischer Ordnung streng ins Gericht. Alle Herrschaftssysteme der Vergangenheit seien zwar historisch nachvollziehbar und durchaus praktikabel gewesen, doch das habe sich im 21. Jahrhundert geändert. Wir stehen vor Problemen, die einerseits weltweite wechselseitige Verstärkungseffekte entfalten und andererseits zum Teil gerade infolge der Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme der Neuzeit entstanden sind.

Zhao kritisiert also alle historischen Ordnungssysteme. Alle bis auf eines: die sogenannte Tianxia (übersetzt „alles unter dem Himmel“). Sie entstand im historischen China infolge mehrerer Zufälle und bot eine herausragend inklusive und kollaborative Staatsordnung in der Zeit etwa zwischen 1100 und 200 v. Chr. und wird dem Herzog Dan von Zhou im 11. Jahrhundert v. Chr. zugeschrieben. Die Tianxia hielt damit erheblich länger an als die aktuellen modernen westlichen Staaten, deren Gründung überwiegend weniger als 500 (oder im Fall der BRD weniger als einhundert) Jahre zurückliegt.

„Das Tianxia-System der Zhou-Dynastie eröffnete die gedankliche Möglichkeit einer Politik, welche die Welt als Ganzheit zum Ausgangspunkt nimmt“, (Zhao, S. 51).

Das Besondere an der Tianxia: Wenn man von einigen Bestrebungen der Vereinten Nationen absieht, hat sie erstmals und bis heute beispiellos alle Menschen der Welt unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Status gleichgesetzt. Und das Ganze 2500 Jahre vor Aufklärung und Humanismus in Europa. Deren Vordenker und Macchiavelli, Rousseau, Montesquieu, Hobbes, Kant etc. allesamt ziemlich limitierte Ansichten und Menschenbilder vertraten. Interessanterweise scheiterte die Tianxia zu einer Zeit, als vermehrt politische Verbindungen zu entfernten Weltregionen aufgenommen wurden (Han-Dynastie 206 v. Chr. – 220 n. Chr.). Viele Positionen der Tianxia waren ihrer Zeit weit voraus, über die tatsächliche Ausübung wiederum ist leider nicht allzu viel überliefert, aber das macht die Idee an sich ja nicht schlecht.

Meta

Der Autor nimmt uns mit auf eine Reise in die chinesische Geschichte, die meiner Meinung nach in unseren Breitengraden deutlich unterrepräsentiert rezipiert wird. Immerhin ist die VR China spätestens seit der Finanzkrise 2008 als größte Volkswirtschaft an den USA vorbeigezogen und dominiert zunehmend die globalen Finanzmärkte. Zeit, sich mit dem neuen Primus zu beschäftigen. Zumal es Zhao Tingyang gelingt, herrlich undogmatisch die politikwissenschaftlichen Konzepte der (meist europäisch geprägten) Neuzeit auf den Prüfstand zu stellen, Ideologien nüchtern zu sezieren und die Vorteile einer neuen Weltordnung darzulegen. Das heutige chinesische System wird an wenigen Stellen erwähnt, der Abstand zwischen Gegenwart und Tianxia wird aber zwischen den Zeilen deutlich.

Schließlich: Die „Neotianxia“ sei, so Zhao, das einzige, was die Herausforderungen globalen Maßstabs im 21. Jahrhundert vorantreiben kann. Kooperativ statt kompetetiv. Nationalstaaten und klassische regionale Machtausübung sind dazu nicht imstande. Die Lektüre ist also nicht bloß ganz nett, sondern im Kontext der aktuellen Situation wirklich hilfreich.

Empfehlung: Lesen!

Da ich mich zunehmend mit Systemfragen beschäftige – nachzulesen unter anderem im Newsletter – und mich für einen systemischen, posthumanistischen Weg engagiere, traf das Buch bei mir einen Nerv und beleuchtete einen blinden Fleck. Ich habe es verschlungen. Prädikat: Perspektivenerweiternd!

Ich würde mich freuen, wenn meine Begeisterung Sie neugierig gemacht hat und Sie das Buch in der Buchhandlung Ihres Vertrauens, bei medimops oder Buch7 (mit CO2-Ausgleich) finden und sich ebenso daran erfreuen. Oder aus der Bibliothek ausleihen, wenn Sie keinen Platz mehr im Bücherregal haben. Und dann schreiben Sie gern einen Kommentar, was Sie denken:

  • Hat Ihnen das Buch gefallen? An welchen Stellen spüren Sie eher Dissens?
  • Kann die (Neo-)Tianxia moderne Probleme lösen?

 


Foresight Umweltanalyse, oder: STEEP-Analyse 2.0

Aus Projekten für meist wirtschaftliche Akteure kennt man die STEEP-Analyse (ursprünglich mal PEST-Analyse oder auch PESTLE). Sie dient dazu, die Umwelt einer Organisation auf Einflussfaktoren zu analysieren, die das eigene Geschäftsmodell beeinflussen. Das Akronym steht für Sociological (sozio-kulturell), Technological (technologisch), Economical (wirtschaftlich), Ecological (ökologisch) und Political (politisch) - ggf. noch Legal (rechtlich). Es ist zweifellos unheimlich wichtig, das relevante Umfeld zu kennen, bevor man als Unternehmen oder öffentliche Einrichtung Strategien entwickelt - jedoch greifen diese klassischen Modelle viel zu kurz.

Die Komplexität der Welt ist zwar nicht erst mit dem Internet entstanden, doch immerhin hat die weltweite Vernetzung unter anderem dazu geführt, dass neue Akteure allmählich an Einfluss gewonnen haben. Viele von diesen lassen sich nicht ohne viel Argumentation in das klassische Schema einsortieren. Aus diversen Kooperationen weiß ich, dass das auch nicht immer der Fall ist und das stark reduzierte PEST-Schema lange ausgedient hat. Jedoch finde ich es wichtig, ein aktualisiertes Rahmenwerk für Umweltanalyse mit Ihnen zu teilen. Da jede Form der Umweltanalyse viel mit Zukunftsforschung und Foresight zu tun hat, ist dieser Artikel auch nicht so zlog-fremd, wie man vielleicht auch den ersten Blick denken könnte.

WÖ-gewarpt: Die neue STEEP-Analyse

Zunächst ein paar Worte zum generellen Rahmen. Vielleicht sind Sie ein mittelständischer Betrieb irgendwo im Landkreis Böblingen oder Steinburg und haben primär regionale oder nationale Kundschaft. Aber woher kommen eigentlich Ihre Ressourcen? Welche Dienstleister stellen Ihre Bürosoftware her? Woher rekrutieren Sie Ihre Fachkräfte? Und würde es einen Einfluss auf Ihr Geschäft haben, wenn plötzlich und "unerwartet" eine Katastrophe wie Fukushima geschieht oder Krieg ein mit globaler Bedeutung beginnt? Wenn Sie jetzt "ja" dachten, ist der Rahmen gesteckt.

Der Rahmen: Von ganz außen nach ganz innen

Die größte Grenze ist nichts weniger als unser Planet (astronomische Ereignisse schließe selbst ich aus). Nicht zuletzt durch die Vernetzung im Internet kann sogar ein Influencer auf Instagram einen Anteil daran haben, dass die Nachfrage Ihrer Produkte sich verändert. Damit ergibt sich in etwa folgendes Bild:

Abb.: Rahmen für eine vernünftige Umweltanalyse einer Organisation. Schön ist anders.

Wenn wir also annehmen, dass der größtmögliche beeinflussende Raum die Welt ist, kaskadieren wir dies einmal herunter bis zu unserer Organisation. Zwischendurch kommen wir vorbei am politischen und wirtschaftlichen Rahmen, bspw. die Europäische Union, ein transnationales Handelsabkommen oder die Afrikanische Union. Die nächstkleinere Einheit ist unsere Branche bzw. Industrie, wobei natürlich auch hier gesagt sei, dass diese Trennlinie zunehmend schwer zu ziehen wird. Und schließlich sitzen wir mitten in der Organisation.

9 externe Meso-Ebenen: WÖ-GEWARPT

Die neun analytischen Bereiche, die ich auf der Meso-Ebene als Kategorisierung vorschlage, sind:

  • Wirtschaft: Markt, Börse, Nachfrageseite / Kunden (u.a. Kaufkraft, Motive, Konsumbereitschaft, Gesundheit / Bedürfnispyramide), Angebot, Wettbewerb, Lieferanten, Ressourcen / Verfügbarkeit, Vertriebskanäle (v.a. digital vs. analog), Währungskurse, neue Wirtschaftsmodelle wie Kreislaufwirtschaft oder Co-Creation …
  • Ökologie: Umwelt, Klima, Wetter, Flora, Fauna, Umweltkatastrophen …
  • Gesellschaft: Werte, Lebensstil, demographische Einflüsse, Subkulturen, NGOs …
  • Ethik: Moral, praktische und normative Philosophie, gesellschaftliche Normen …
  • Wissenschaft: Paradigmen und naturwissenschaftliche "Gesetze", Grundlagenforschung, fachliche Diskurse, Promotionsschriften, Wissenschaftliche Veröffentlichungen …
  • Administration / Regulation: Bürokratie, Zollbestimmungen, Gesetze, Urteile, Prozesse, Steuern, Normen …
  • Recht: Prozesse, Sanktionen, Präzedenzurteile …
  • Politik: Politische Mehrheiten, Einfluss- und Machtverteilung der Interessen, Embargos, geopolitische Lage, Demonstrationen, Kriege und Konflikte, supra- und internationale Organisationen …
  • Technologie: Forschung, neue Produkte und Prozesse, Patente, Gebrauchsmuster …

Beispiele spare ich mir an dieser Stelle, das würde den Rahmen sprengen. Das Prinzip ist klar: in den jeweiligen Bereichen suchen wir nach Trends und Treibern, die wir als relevant einstufen für unser Ziel.

Leider ist das neue Umweltanalyse-Akronym nicht mehr so sexy wie STEEP. Nach langer Puzzlearbeit ist mir nichts besseres eingefallen als "WÖ-GEWARPT" - das hat wenigstens für die Trekkie-Fans einen Zukunftsbezug. Und es deckt sehr viel mehr analytische Ebenen ab als eben die übertrieben komplexitätsreduzierten Modelle der 1980er Jahre.

Interne Mikro-Ebene (Organisation, Unternehmen, Individuum)

Danach kommen wir auf der Mikro-Ebene an. Hier geht es um:

  • Entscheidungs-/Management-Ebenen, Eigentümer, Angestellte, ggf. Aktionäre, Aufsichtsgremien ...
  • Geschäftsmodell, Stakeholder- oder Shareholder-Beziehungen, strategische Vorgaben, Kultur, Vision ...
  • Eigene Denkmuster, kognitive Verzerrungen ("bias"), Glaubenssätze, Gewohnheiten ...

Dies ist der schwierigste Teil. Schon als Individuum fällt es vielen schwer, sich selbst zu reflektieren, dazu braucht man die eigenen Softskills, einen ehrlichen Freundeskreis und vielleicht sogar Coaches oder Therapeuten. Bei Organisationen wird es dann noch komplizierter. Natürlich steht an vielen Stellen der Zweck und das Ziel einer Organisation. Aber wofür steht Ihr Unternehmen, Ihre Behörde, Ihre Abteilung oder Ihr Team wirklich? Ich habe es noch nie erlebt, dass in einer Workshop-Situation mit Geschäftsführung oder Vorstand alle einer Meinung waren, wenn es um die Definition ihres Kerngeschäfts geht. Wenn nicht einmal die Unternehmensleitung das weiß, wie sollen es dann die Mitarbeiter wissen? Es gibt viele Baustellen auf dem Weg zur purpose-driven organization...

Einfluss und Relevanz

Natürlich müssen wir an dieser Stelle bewerten, wie einflussreich und relevant ein identifizierter Einflussfaktor für das Forschungsobjekt ist. Ist die Übernahme eines Wettbewerbers durch einen großen Konzern relevant für uns? Hier bietet es sich an, eine Skala von 0-5 zur Bewertung heranzuziehen. Später kann man diese Werte in einem Szenarioprozess gut im Schritt der Konsistenzbewertung wieder aufgreifen, wenn es darum geht, die mögliche Koexistenz der gefundenen Einfluss- oder Schlüsselfaktoren untereinander zu kombinieren.

Zeit

Bei der klassischen STEEP-Analyse wird ein wichtiger Faktor vernachlässigt: Zeit. Da Zukunftsforscher praktisch Zeit-Spezialist*innen sind, müssen wir an dieser Stelle natürlich nachbessern. In welchem Zeitraum wird ein möglicher Einflussfaktor seine Wirkung entfalten? Ab wann lohnt es sich vielleicht, "Management Attention" darauf zu verwenden? Ist ein gefundener Faktor vielleicht sogar schon weniger relevant als noch vor einem Jahr? Üblich ist hier die Einteilung in vier Kategorien:

  • 1-2 Jahre: kurzfristig relevant, hier geht es eher um taktische Erwägungen.
  • 2-5 Jahre: mittelfristig relevant, hier wird die Strategie der Organisation berührt.
  • 5-10 Jahre: längerfristig relevant, da gibt es schon eher Schnittmengen mit der Vision.
  • 10+ Jahre: langfristig relevant, wenn wir bspw. über die Besiedelung des Mars oder Gehirnimplantate philosophieren.

Je nach Organisationsform und Branche können diese Angaben natürlich variieren, für die Forstwirtschaft sind beispielsweise Zeiträume von 50+ Jahren und den entsprechenden Abstufungen wichtiger als für einen Heizungsbauer. Wichtig ist, dass wir der abnehmenden Gewissheit von Aussagen Rechnung tragen, je weiter wir uns auf dem Zeitstrahl von der Gegenwart entfernen. Ich werde nicht müde zu betonen: wir können die Zukunft nicht vorhersagen, sondern müssen stetig Daten über die Gegenwart und Vergangenheit sammeln, um wenigstens die Unsicherheit für den kurzfristigen Prognosezeitraum zu reduzieren.

STEEP 2.0 - WÖ-gewarpt als Analyserahmen

Schließlich ergibt sich folgendes Bild für die Analyse der Einfluss- und Schlüsselfaktoren:

Analyserahmen für die Umweltanalyse: Wirtschaft, Ökologie, Gesellschaft, Ethik, Wissenschaft, Administration, Recht, Politik und Technologie.
Abb.: Umweltanalyse WÖ-gewarpt komplett.

Außen vor, aber implizit dabei: Wildcards, Megatrends, Gegentrends

Was ich in dieser schematischen Betrachtung bewusst ausschließe, darf implizit nicht vergessen werden. Daher hier ein paar Gedankenanstöße von Themen, die Sie auf dem Schirm haben sollten:

  • Wildcards: zum Beispiel ein Meteoriteneinschlag, die Entdeckung der Kalten Fusion, ein Super-GAU (z. B. der Zusammenbruch der Stromversorgung), der Zusammenbruch politischer Systeme (ich tippe auf die Spaltung der USA), Free Energy, Terroranschläge, Tod eines wichtigen Regierungs- oder Staatschefs, Supervulkane, Kältetod des Golfstroms, Revolutionen, eine Pandemie (Covid-19 war kein schwarzer Schwan!), Kontakt zu intelligenten Außerirdischen. Es geht also um ziemlich unwahrscheinliche Ereignisse, die aber bei ihrem Eintreten einen großen Einfluss auf uns hätten. Muss man nicht explizit in jede Strategierunde einbringen, aber für Risikobewertungen schon einmal durchdacht haben.
  • Megatrends: Globalisierung, Politik- und Technologiekonvergenz, Digitalisierung, Urbanisierung, Klimawandel, Nachhaltigkeit, demographischer Wandel, Individualisierung, Gesundheit, Aufstieg der Schwellenländer (insb. BRICS, Nigeria, Irak, Philippinen, Vietnam und Ägypten - 6 davon werden 2050 zu den 7 größten Volkswirtschaften gehören), New Work. Sie kennen das ja. In Megatrends versammeln sich hunderte Mikro-, Meso- und Makrotrends. Die wiederum werden von Akteuren getrieben. Ein Megatrend hilft uns bei der Umweltanalyse genau gar nicht, aber als Gedankenrahmen ist er hilfreich, um nichts zu vergessen - manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht.
  • Gegentrends: Deurbanisierung, Entzauberung von Digitalisierung (Platzen der KI-Blase), Ende des Konsumismus, Sozialisierung, Geburtenboom. Fragen Sie sich kurz: Was könnte dazu führen, dass ein Mega- oder Makrotrend gestoppt wird. Unabhängig von der Wahrscheinlichkeit, die man für zukünftige Ereignisse sowieso nicht berechnen kann, spielen Sie die Konsistenz dieses Gedankengangs durch. Et voilà: Schon können Sie sich Gedanken darüber machen, was wäre, wenn plötzlich Menschen nicht mehr in Großstädten leben wollten und was das für Ihr Geschäft bedeuten könnte. Das halte ich übrigens für einen der Trends, der durch Corona beschleunigt wurde, aber das nur nebenbei.

Wenn Sie mehr über die Umweltanalyse im praktischen Foresight-Einsatz erfahren möchten, schreiben Sie mir am besten eine Email. Dieser praktische analyserahmen bietet sich für kleine Workshops mit Führungskräften an, um eine belastbare Grundlage für die strategische Vorausschau zu erarbeiten.


Methoden der Zukunftsforschung

Zukunftsforschung ist eine wissenschaftliche Disziplin

Nicht selten werde ich mit großen Augen angeschaut, wenn ich über Zukunftsforschung als ernsthafte, wissenschaftliche Disziplin spreche. Das liegt unter anderem daran, dass das Metier der Zukunftsforschenden im deutschsprachigen Raum in erster Linie durch Trendforscher geprägt wird, die aus wissenschaftlicher Sicht keine ernstzunehmende Forschung betreiben. Die Bewertung dieser Zuschreibung überlasse ich jedem einzelnen, aus meiner Sicht gibt es für beide Strömungen eine Daseinsberechtigung. Mir persönlich liegt es jedenfalls am Herzen, Zukunftsforschung als Disziplin zu stärken und an geeigneter Stelle von der Trendforschung abzugrenzen – nicht im Sinne einer Rivalität, lediglich als zwei verschiedene Spielarten eines Forschungsobjekts: Zukunft bzw. Zukünfte. Möglicherweise sind Sie genau aus diesem Grund auf dieser Seite gelandet, weil ich bei einem Auftritt oder in einem Interview eine Referenz hierher gemacht habe. Diese Gelegenheit möchte ich nutzen und einen groben Überblick über die Methoden der Zukunftsforschung geben; so kurz wie möglich, so ausführlich wie nötig.

Grundsätzlich ist die Zukunftsforschung vor allem durch eine inhärente Interdisziplinarität gekennzeichnet. Zukunftsforschende begreifen sich nicht als Expert*innen einer Fachrichtung, sie haben eher die Fähigkeit, mit den richtigen Fragestellungen und der Anwendung der geeigneten Methoden diejenigen Quellen zu identifizieren, die für die Beantwortung einer spezifischen Zukunftsfrage zur „besten“ Antwort führen. Inzwischen wissen wir, dass kein*e Expert*in der Welt sämtliche Informationen über ein breites Forschungsfeld haben kann, sei es über die letzte Eiszeit oder Quantenverschränkung. Zukunftsforscher*innen tragen diesem Umstand dadurch Rechnung, dass wir geeignete Verfahren, Techniken und Methoden der qualitativen und quantitativen Forschung derart kombinieren, dass die weißen Flecken möglichst minimiert werden. Schließlich benötigen Zukunftsforscher*innen ein gutes, wohl trainiertes Gespür für mehr oder weniger ernstzunehmende Informationen und Quellen. Im Ergebnis sprechen wir auch nicht von Prognosen, sondern in sich konsistenten, plausiblen Zukunftsbildern bzw. Szenarien.

Das Netzwerk Zukunftsforschung – das wichtigste Gremium im deutschsprachigen Raum für akademische Zukunftsforscher*innen – stellt für die Standards und Gütekriterien der Zukunftsforschung einen hilfreichen „Pocketguide für Praktiker und Studierende“ zur Verfügung (online kostenlos). Mit diesem 51-seitigen Dokument und den zahlreichen Checklisten lassen sich hervorragend einzelne Projekte daraufhin überprüfen, ob diese unverbindlichen Anhaltspunkte für seriöse Zukunftsforschung eingehalten werden bzw. wurden – oder eben nicht.

Delphi-Methode

Die Delphi-Methode ist keine ausschließlich für Zukunftsfragen entwickelte Methode, wurde jedoch schon früh von der Zukunftsforschung als wichtiges Instrument entdeckt. Im deutschsprachigen Raum gilt Prof. Dr. Kerstin Cuhls (Fraunhofer ISI) als Koryphäe auf dem Gebiet der methodologischen Weiterentwicklung von Delphi.

Kernbestandteil der Delphi-Methode sind Interviews mit mehreren Expert*innen sowie mehrere Befragungswellen im Rahmen eines Forschungsprojekts. Die Interviews werden nach den Regeln der empirischen Sozialforschung geplant und durchgeführt, je nach Untersuchungsgegenstand werden die Kriterien für die benötigte Expertise, die Anzahl der zu befragenden Expert*innen und die Art der Befragung (quantitativ oder qualitativ, telefonisch oder face-to-face oder online, Transkriptionsart, Auswertungsschema etc.) festgelegt.

Nach Auswertung der Interviews in der ersten Befragungsrunde werden die Ergebnisse verdichtet und in aufbereiteter Form zur erneuten Bewertung in eine oft schriftliche Runde an dieselben Experten oder einen erweiterten Empfängerkreis gesendet; die Expertenrunde soll dann die Aussagen schärfen und beispielsweise den Zeithorizont bestimmter Thesen schätzen, verschiedene Thesen untereinander abwägen oder angesichts des kumulierten Feedbacks der Experten eigene Standpunkte nachjustieren. In seltenen Fällen werden noch weitere Runden durchgeführt, wenn das Ergebnis der zweiten Welle noch nicht zufriedenstellend hinsichtlich der Forschungsfrage(n) war. Mit dieser Vorgehensweise erhalten die Forschenden breite und tiefe Einblicke durch mehrere Menschen mit relevantem Fachwissen. Ein gutes, schlichtes und dazu noch kostenloses Online-Delphi-Tool ist eDelphi.

Neuer ist die Anwendung als Realtime-Delphi, bei dem in einem vorgegebenen Zeitraum, bspw. 14 Tage oder acht Stunden, alle eingeladenen Expert*innen live mitverfolgen können, wenn neue Ergebnisse hinzukommen. Diese sehr dynamische Methode eignet sich besonders, wenn die Zeitschiene sehr weit in die Zukunft reicht oder aus anderen Gründen die Ungewissheit über den Forschungsgegenstand besonders hoch ist. Ein toller Anbieter für Realtime-Delphis ist Thinkscape.ai

Szenario-Methode

Die Szenariotechnik (genau genommen ist es keine Methode, sondern eine Technik bzw. eine Aneinanderreihung verschiedener Tools) hat ihre Wurzeln in der Wirtschaftswissenschaft, wurde in den letzten Jahrzehnten jedoch zunehmend durch Zukunftsforscher*innen verfeinert. Die Idee ist es, auf der Grundlage aggregierten Wissens – durchaus oft in Kombination mit anderen Erhebungsmethoden als der reinen Literaturrecherche – Einflussfaktoren auf die Zukunft des Untersuchungsgegenstandes zu identifizieren, diese in Schlüsselfaktoren zuzuspitzen, welche besonders relevant sind, und im Ergebnis mögliche, wahrscheinliche und konsistente Szenarien zu entwickeln. Konsistenz ist dabei ein elementarer Bestandteil: in einem aufwendigen Verfahren bewerten die Forschenden die mögliche Koexistenz verschiedener Ausprägungen von Schlüsselfaktoren in der Zukunft (bspw. ein Anstieg des Bruttoinlandsproduktes und der Rückgang von Steuereinnahmen). Ich mache das seit dem Studium sehr gern mit Parmenides Eidos (Transparenzhinweis: Ich bin auch Kooperationsparnter der Parmenides AG).

Schließlich erhält man Rohszenarien, die die jeweils passenden Ausprägungen von Schlüsselfaktoren beinhalten; die Aufbereitung dieser Rohszenarien wiederum obliegt den Forschenden oder Auftraggebern. Beliebt sind narrative Szenarien, im weitesten Sinne Geschichten, die die Szenarien durch den bevorzugten Stil (belletristisch, sachlich,…) veranschaulichen. Ebenso beliebt ist die bildliche Aufbereitung in Form von Schaubildern, Comics oder Videos. Forschungs-/Beratungsprozesse für Szenarien realisiere ich seit 2022 mit meiner Firma, dem PROFORE Zukunftsinstitut.

Datenanalyse / Horizon Scanning

Helmut Kohl hat am 1. Juni 1995 in einer Bundestagsrede gesagt: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“ Ganz unabhängig von der Person und seiner Politik steckt viel Wahrheit in diesem Zitat. So ist es die Bürde der Zukunftsforschenden, nicht nur Methoden zur Anwendung auf Zukunftsfragen zu kennen, sondern auch ein umfangreiches Wissen und Verständnis der Geschichte vorzuweisen. Als dritte wichtige Methode ist entsprechend die qualitative oder quantitative Datenanalyse zu nennen. Manche nennen dies auch moderner "Horizon Scanning".

Selbstverständlich ist es die oberste Pflicht von Zukunftsforschenden, den aktuellen Stand der verfügbaren Fachliteratur über das Forschungsthema zu analysieren, wozu in technologischen Fragen natürlich auch eine oberflächliche, oft quantitative Patentrecherche gehört. Die wichtigsten Werkzeuge der Zukunftsforschung sind daher wohl die üblichen wie auch wissenschaftliche Suchmaschinen sowie Patent-Datenbanken. Hinzu kommen ggf. spezifische Trend-Suchmaschinen (oft Trendradar genannt; ich arbeite gelegentlich mit der Lösung von Itonics), welche inzwischen mithilfe von Algorithmen künstlicher Intelligenz semantische Zusammenhänge in den online verfügbaren Daten erkennen, wofür menschliche Augen blind sind.

Überblick alle Methoden

Zukunftsforschung Methoden Diamant nach Rafael PopperNatürlich kommen noch viel mehr Methoden zum Einsatz, auf die ich aber hier nicht im Einzelnen eingehen möchte; zu groß ist die Gefahr, etwas zu übersehen, und der Pflegeaufwand. Das können andere besser als ich. Deshalb belasse ich es an dieser Stelle mit einer schönen, grafischen Darstellung und Zuteilung der häufigsten Zukunftsforschungsmethoden von Rafael Popper [2009: Mapping Foresight. Revealing how Europe and other world regions navigate into the future. European Foresight Monitoring Network, European Union, S. 72, online] aus dem Jahr 2009.

Inzwischen kamen einige neuere Ansätze und Methoden hinzu. Nennenswert sind hier die Werke von Sohail Inayatullah (bspw. Six Pillars, Causal-Layered Analysis), Jennifer Gidley (v.a. partizipatorische Ansätze), Riel Miller (Futures Literacy / Zukünftebildung) und René Rohrbeck (v.a. Corporate Foresight).

Unterm Strich kann ich nach einigen Dutzend Projekten vor allem sagen, dass die Zukunftsforschung bzw. Foresight einen großen Vorteil bietet: Wir sind nicht festgelegt auf einige wenige Methoden, sondern wählen die Kombination, die den größten Erkenntnisgewinn verspricht.

 

Dieser Beitrag wurde im August 2024 aktualisiert.