Buch "KI jetzt!" erscheint bald!

Am 25. April erscheint mein neues Buch „KI jetzt!“ im GABAL Verlag, das ich mit KI-Führungskraft (Schwarz IT) Mark Brinkmann geschrieben habe. Es richtet sich an alle, die nicht bei ChatGPT stehen bleiben möchten, sondern mehr über Künstliche Intelligenz wissen möchten – oder müssen. Denn eins steht fest: KI ist gekommen, um zu bleiben.

 

Im Grußwort schreibt Deepa Gautam-Nigge, Vice President Corporate Development bei SAP SE und Aufsichtsrätin bei Aleph Alpha:

Das vorliegende Buch »KI jetzt!« ist dafür ein erster Atlas und wichtiger Kompass, um sich entlang der wichtigen Routen zu orientieren. Es schafft Verständnis für die Topografie des Geländes: Es liefert in sieben Schritten ein kurzes Grundlagentraining zum KI-Profi. Dazu gibt es mit 22 plastischen Anwendungsfällen die ersten vordefinierten Pfade. Mit diesem Wissen kann man dann die ersten Schritte abseits der beschriebenen Wege wagen, um Neues zu entdecken.

»KI jetzt!« – gehen wir’s an!

In diesem Sinne richtet sich das Buch wirklich an alle Menschen und Organisationen, die mehr KI brauchen: Führungskräfte, Arbeitssuchende, Fachkräfte, Studierende, Senior:innen. Mehr Informationen und Vorbestellung:

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Keine Angst vor der Zukunft

Heute durfte ich beim Bundesverband der Vertriebsmanager Grußworte (ca. 20 Minuten) an die Mitglieder richten. Das Thema sollte einerseits um "Angst vor der Zukunft" kreisen, andererseits einen positiven Ausblick in plausible Zukünfte vermitteln. Da das Event online stattfand, habe ich mich gegen die "klassische" Variante mit einer Powerpoint-Präsentation entschieden und stattdessen einen Nachdenktext vorgetragen. Diesen möchte ich nun auch hier veröffentlichen und wünsche viel Spaß & Erkenntnis.

Intro

  • Moin. Ich bin ein echter Zukunftsforscher, das heißt, ich habe unter anderem den Masterstudiengang Zukunftsforschung studiert. Ich arbeite seit 11 Jahren daran, aktuelle Trends zu verstehen und Einschätzungen zu möglichen Szenarien zu geben.
  • Das tue ich unter anderem als Inhaber des PROFORE Zukunftsinstituts, als Keynote Speaker, Autor und Podcaster.
  • Vielleicht fragen sich jetzt einige, ob ich die Zukunft auch vorhersagen kann. Nein, kann ich nicht. Aber ich lag schon oft richtig: Corona habe ich Mitte 2019 angekündigt, fast ein Jahr vor dem Beginn der Pandemie. Den Krieg in der Ukraine habe ich in meinem Podcast Ende 2021 thematisiert, also rund ein Vierteljahr vor dessen Beginn. Mein Whitepaper über Künstliche Intelligenz erschien im Oktober 2022 – zwei Monate vor ChatGPT.
  • Damit will ich nicht sagen, dass ich die Zukunft doch irgendwie vorhersehen kann, sondern dass die Methoden der wissenschaftlichen Zukunftsforschung verdammt gut darin sind, kommende Entwicklungen früher als die Allgemeinheit zu erkennen.
  • Aber heute wurde ich gebeten, einen Impuls zum Thema „Zukunftsangst“ vorzubereiten. Dafür habe ich keine Präsentation vorbereitet, wie sonst bei Keynotes und anderen Gelegenheiten, sondern ganz old fashioned einen Text für euch geschrieben.
  • Und der geht so.

Keine Angst vor der Zukunft

Angst ist eine reale, unmittelbare Emotion.

Der Angst-Teil unseres Gehirns, die Amygdala, hat Vorfahrt vor den meisten anderen neurologischen Vorgängen. Aus evolutionärer Sicht ist Angst überlebenswichtig für jede Spezies, denn sie hält uns oft von dummen Entscheidungen ab und sagt unseren Gliedmaßen eher: „LAUF!“ statt „mal abwarten, ob das Rascheln im Busch ein Tiger oder eine Tüte Popcorn ist“

Angst wird allerdings oft mit Furcht verwechselt: Angst ist der allgemeine Gefühlszustand im Hinblick auf die Zukunft, auf mögliche Ereignisse, die uns oder unseren Liebsten zustoßen könnten. Unser Gehirn simuliert permanent etwa eine Sekunde in die Zukunft, was als nächstes total schiefgehen könnte, weshalb wir in manchen Situationen erstaunlich schnelle Reflexe haben – wenn etwa jemand ein Glas vom Tisch stößt. Das ist dann weniger Angst als aufmerksame Beobachtung mit allen Sinnen.

Furcht wiederum ist die gerichtete Form der Angst: Ich fürchte mich vor Spinnen in meinem Bett, ich fürchte, dass das Glas vom Tisch fällt und ich mich daran schneide; ich fürchte mich vor einem Fahrradunfall auf dem Weg zur Arbeit, ich fürchte, dass die Faschisten in den sächsischen Landtag einziehen und die Demokratie zerstören.

Ich persönlich kenne Angst und Furcht sehr gut. Ich bin Traumapatient seit einer privaten Tragödie vor einigen Jahren; vor fast 3 Jahren habe ich einen schweren Fahrradunfall überlebt; ich habe einen 7 Monate alten Sohn, der letztes Wochenende in der Klinik am Beatmungsgerät hing.

Angst ist allgegenwärtig.

Wir fürchten uns ja auch in der Freizeit wirklich gern: Fällt euch ein Science-Fiction-Film ein, der eine komplette Utopie einer perfekten Welt beschreibt? Ich kenne keinen. Horror und Actionfilme funktionieren nur, wenn wir uns auch gruseln oder fürchten lassen, dass zum Beispiel der Protagonistin etwas zustößt – James Bond hätte nicht funktioniert, wenn der am Ende nicht immer wieder die Welt gerettet hätte.

Angst ist sexy, make Angst great again!

… aber doch bitte nur mit Happy End!

Die deutsche Gesellschaft kennt Angst besser als jede andere, weshalb uns oft die „German Angst“ zugeschrieben wird. Wir haben Angst vor Veränderung, Angst vor dem Statusverlust durch eine diversere Gesellschaft oder hohe Inflation. Wir haben Angst vor Innovationen, die die Erfindungen unserer Vorfahren obsolet machen könnten, Angst, dass uns die Politik das Auto verbietet oder Gender-Sternchen aufzwingt. Wir haben Angst vor Putin, Angst vor Trump, Angst vor Xi Jinping.

Angst ist also nicht einfach nur unser Hobby, Angst ist unsere Berufung.

Dabei ergaben diverse Umfragen selbst während der Corona-Pandemie, dass die Menschen hierzulande meistens Angst vor diffusen Schreckensbildern haben – privat und beruflich schätzt eine überwältigende Mehrheit ihre individuelle Zukunft sehr zuversichtlich ein. Wie passt das zusammen? Sind wir individuell naiv-optimistisch, aber kollektiv krankhaft-paranoid?

Mein Eindruck ist, dass uns gesellschaftlich das Verständnis einer gesunden Angst, die uns zu vernünftigen Entscheidungen leitet, abhandengekommen ist. Angst und Furcht sind keine Phänomene, die es nur in schwarz und weiß gibt, sondern auch in allen Farben dazwischen. Das ist eine zentrale Erkenntnis, wenn man sich Gedanken über die Zukunft machen möchte, die nicht durch Angst verzerrt sind.

[PAUSE]

Ich bin Zukunftsforscher, Soziologe und Politikwissenschaftler. Ich genieße das fabelhafte Privileg, sehr häufig sehr klugen Menschen und mir selbst immer wieder die Frage stellen zu dürfen:

Welche anderen Perspektiven als Angst oder Zweifel können wir auf die Zukünfte richten?

Wir alle befassen uns mehr oder weniger strukturiert mit der Zukunft. Urlaubsplanung, Steuererklärung, Einkaufsliste, Rentenversicherung, Weihnachtsgeschenke. Paradoxerweise findet aber Zukunft für die meisten Menschen in der Regel kaum explizit statt.

Unser Bildungssystem ist ein verheerendes Beispiel dafür: Junge Menschen sollen Gehorsam lernen, sollen das Wiedergeben der Lehrpläne perfektionieren, es geht mehr ums Verwalten des Status Quo als das Erdenken und Gestalten der Zukunft. Und das wird uns gerade gesellschaftlich mit einiger Brutalität zurückgespiegelt.

Denn: Wer nicht nach einer plausibel erreichbaren Zukunft strebt, wird destruktiv oder depressiv. Das gilt für einzelne Personen genauso wie für Gesellschaften. Leider zieht sich dieser eklatante Zukunftsmangel bis in die höchsten politischen Ämter durch.

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, hat Altkanzler Helmut Schmidt einst gesagt und ist damit der geistige Vater der Zukunftslosigkeit ganzer Generationen. Dass er das nicht so gemeint hat, hilft uns leider nicht mehr.

Doch ich möchte eure Zeit bei diesem Neujahrsempfang nicht mit Lamentieren vergeuden, denn Experten für Nörgelei gibt es wahrlich genug. Stattdessen möchte ich euch ab jetzt ausgewählte plausible, erreichbare positive Zukunftsszenarien der nächsten paar Jahrzehnte erzählen. Sie basieren auf den Erkenntnissen der seriösen Zukunftsforschung, sind also technologisch machbar und unter der Annahme wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Interessen konsistent – das heißt, sie widersprechen nicht anderen naturwissenschaftlichen Gesetzen und gängigen Prognosen.

Willkommen im Jahr 2050!

Lasst uns ausschließlich einen Blick auf die guten Errungenschaften werfen.

1. Gesundheit

Seit der Entdeckung der Genschere CRISPR/Cas9 im Jahr 2013 ist es möglich, die genetische Struktur von Lebewesen zu verändern. Und wir wissen ja längst, dass viele Gesellschaftskrankheiten durch bestimmte Kombinationen bzw. Prädispositionen der Gene begünstigt werden. Die gute Nachricht ist also: Im globalen Norden gibt es 2050 kaum noch bekannte Fälle von Diabetes, Alzheimer-Demenz, Parkinson, multipler Sklerose und selbst Krebs tritt nur noch selten auf und verläuft fast nie tödlich!

Künstliche Organe liegen in großen Organdatenbanken bereit für den Fall, dass durch einen Unfall oder eine unvorhergesehene Krankheit die Leber, Lunge oder das Herz ersetzt werden muss. Diese Datenbanken werden von den Krankenkassen verwaltet – die Premiumvariante ist natürlich auch im Jahr 2050 den Superreichen vorbehalten. Sie lassen sich besonders leistungsfähige Organe anfertigen, die nicht nur dann ausgetauscht werden, wenn die erste Version nicht mehr funktioniert. Schönheits-OP 2.0, sozusagen. Nur das Gehirn konnte bislang nicht dupliziert werden, aber das ist vielleicht auch gut so.

Natürlich gibt’s trotzdem noch diverse weniger schlimme Krankheiten; Körper und Geist brauchen auch gelegentliche Erkältungen, zudem entstehen immer neue Viren und Bakterien. Aber auch dagegen gibt’s ein Wundermittel: Mithilfe von Quantencomputern und künstlicher Intelligenz werden für bestimmte Krankheitsbilder seit vielen Jahren individualisierte Arzneimittel hergestellt.

Tatsächlich hat das zwei erstaunliche Entwicklungen begünstigt. Das eine ist, dass Menschen heutzutage sehr viel gesünder altern. Viele Alterskrankheiten und Todesursachen sind schlicht nicht mehr nötig. Heute ist es keine Seltenheit mehr, dass 90-Jährige einen Marathon laufen oder als Nachhilfelehrer ihre Rente aufbessern. Das zweite ist, dass einige wenige Menschen weit über 100 Jahre alt werden. Das liegt daran, dass nicht nur die Krankheiten heilbar wurden, die sonst den Tod bedeutet haben, sondern auch erste Mittel zugelassen wurden, die den Alterungsprozess einfrieren oder sogar umkehren! Der älteste Mensch ist im Jahr 2050 stolze 140 Jahre alt und auf dem körperlichen und mentalen Stand wie ein 50-Jähriger. Das verleiht einigen gesellschaftlichen Konzepten eine völlig neue Bedeutung: Was kostet eine Lebensversicherung? Wann gehen wir in Rente? Wie lange muss ich zur Schule gehen, wenn ich danach noch über 100 Jahre arbeiten werde? Wer heiratet noch, wenn „bis dass der Tod uns scheidet“ kein Ablaufdatum mehr hat? Brauchen wir ein Enddatum, zu dem das Leben enden soll?

2. Mobilität

Das Wichtigste vorweg: Ja, es gibt Flugtaxis. Gab es ja zu eurer Zeit auch schon, zumindest in Dubai und einigen anderen Orten der Welt. Auch in Deutschland sind sie inzwischen angekommen und entlasten den Verkehr auf den Autobahnen und in Ballungsgebieten zunehmend. Der größte Vorteil ist gar nicht unbedingt die individuelle Mobilität, sondern dass man dafür kaum Infrastruktur braucht. Immerhin gab es zu eurer Zeit rund 600 stillgelegte Kleinflughäfen, die inzwischen als Mobility Hubs genutzt werden.

Aber natürlich besitzt man kein Flugtaxi für den Privatgebrauch, sondern man mietet sich eins – einen Flugschein braucht man dafür nicht, weil es komplett autonom von A nach B steuert. Keine Angst: Es herrscht kein Chaos am Himmel, denn wie es sich für Deutschland gehört, sind die erlaubten Korridore recht eingeschränkt.

Aber überhaupt ist der Privatbesitz eines Fahrzeugs, das kein Fahrrad ist, im Jahr 2050 eher eine Seltenheit. Es ist seit Jahren viel einfacher und günstiger, ein Fahrzeug für den aktuellen Nutzungszweck zu mieten, als mehrere Tonnen Metall zu kaufen, zu versichern und für dessen Unterhalt zu sorgen. Sehr merkwürdiges Konzept, das ihr zu eurer Zeit noch „normal“ nennt. Selbstfahrende Autos, wie ihr sie euch vorstellt, gibt es trotzdem in der Form noch sehr wenig – das liegt daran, dass die Städte dafür einfach nicht geeignet sind. Außerorts ist das natürlich was anderes.

Derweil ist das Streckennetz im Schienenverkehr deutlich gewachsen, sodass die überregionale Bahnmobilität deutlich angenehmer wurde. 100 Prozent Pünktlichkeit bekommen wir trotzdem noch nicht hin, das ist weiterhin Zukunftsmusik 😉

3. Künstliche Intelligenz

KI ist im Jahr 2050 so normal und allgegenwärtig wie zu eurer Zeit die Verwendung von Smartphones. Im Arbeitsalltag heißt das: Die meisten Erwerbstätigen haben einen KI-Kollegen, der sie bei fachlichen Fragen, bei der Einhaltung des Freizeitausgleichs und für sämtliche Korrespondenz unterstützt. Das heißt auch, dass alle jetzt einen persönlichen Coach zur Stelle haben, mit dem sie konzeptionelle Fragen durchspielen oder die Selbstverwirklichung vorantreiben können. Ähnlich wie die Sozialabgaben werden die Kosten für diese KIs über einen kleinen Gemeinwohlbeitrag vom Bruttolohn abgezogen.

Es gibt keine Unternehmen und öffentliche Einrichtungen mehr, in denen KI nicht Standard ist. Alle Organisationen, die sich zu eurer Zeit nicht mit KI beschäftigt haben, gibt es schlicht nicht mehr. In einer Übergangszeit waren also einige Menschen arbeitslos, haben sich aber dann mit den Möglichkeiten von KI befasst und dann eine neue Existenz aufgebaut. Eine 40-Stunden-Woche gibt es längst nicht mehr, klar arbeiten einige so viel oder auch mehr, aber nicht mehr nur in einem Job. Die meisten haben nämlich auch ein zweites Standbein in Form einer freiberuflichen Arbeit oder eines Kleingewerbes, mit dem sie ihren Traum verwirklichen und dabei trotzdem noch gutes Geld verdienen. Ob das nun ein Job im Metaverse oder eine eigene Gärtnerei ist, spielt dabei keine Rolle.

Eine der markantesten Entwicklungen ist die Verschmelzung von KI und Mensch. Es gibt einige wenige, die sich tatsächlich kleine Computerchips direkt ins Gehirn transplantieren lassen, um unmittelbar per Gedankenkraft mit der KI kommunizieren zu können.

Wäre das was für euch?

4. Nachhaltigkeit

Zwar sind viele Prognosen aus eurer Zeit in Bezug auf den Klimawandel leider eingetreten, doch vieles hat sich auch zum Guten gewendet. Durch massive Anstrengungen der internationalen Staatengemeinschaft und der Zivilgesellschaft hat sich die Biodiversität nahezu erholt. Das hatte auch damit zu tun, dass seit etwa 2030 die Massentierhaltung verboten wurde – einer der wichtigsten Emittenten von Treibhausgasen. Es gibt zwar noch Fleisch von echten, toten Tieren im Handel, doch das ist sehr teuer. Stattdessen wird es für 95 Prozent des Verbrauchs künstlich hergestellt und zwar genau dort, wo es auch verbraucht wird: Im Supermarkt, Restaurant, der Kantine, im Zug oder Flugzeug. Das ist übrigens auch viel gesünder für die Menschen, hat aber trotzdem eine Weile gedauert, bis sich die Ernährungskultur darauf eingestellt hat. Die Technologie dahinter war zu eurer Zeit längst erforscht, doch die preisliche Wettbewerbsfähigkeit brauchte noch ein paar Jahre. Irgendwann fand es dann die Mehrheit der Gesellschaft barbarisch, lebendige Tiere zu schlachten, um ein leckeres Steak zu essen – und das kommt schneller als einige von euch heute vielleicht noch denken.

Stichwort Wettbewerbsfähigkeit: Wir haben ein Energieproblem im Jahr 2050, aber nicht das, was ihr jetzt denkt… wir haben nicht zu wenig, sondern ZU VIEL ENERGIE! Das liegt daran, dass der Ausbau Erneuerbarer Energien aus Wind, Sonne und Wasser so rasend schnell ging, dass Haushalte und Gewerbeimmobilien sich inzwischen fast komplett selbst versorgen können. Dazu kommen aber noch zwei weitere, disruptive Faktoren: Erstens ist die Kernfusion, die ja seit 2022 erwiesenermaßen funktioniert, seit ein paar Jahren auch kommerziell interessant geworden. Deshalb haben die meisten Staaten Kernfusionsreaktoren, die nahezu unendlich viel Energie erzeugen können. Zweitens haben wir aber auch riesige Photovoltaikanlagen im Weltall, die Sonnenenergie direkt dort oben einsammeln und per Mikrowelle an Stationen auf der ganzen Welt und dem Mond senden – wir dürfen ja nicht unsere Mitmenschen auf Mond und Mars vergessen, die haben ja auch Bedürfnisse. Das heißt also: Wir haben Energie im Überfluss und „müssen“ uns immer wieder neu überlegen, wie wir noch mehr Strom verbrauchen können, damit die Energienetze nicht überlasten. Für die Großindustrie ist das natürlich etwas anders, aber mit dem vielen Strom gibt es seit wenigen Jahren ein globales Netz für grünen Wasserstoff und das funktioniert erstaunlich gut.

Ach ja, Müll gibt’s auch nicht mehr. Seit den 2030er Jahren ist es weltweit vorgeschrieben, dass Unternehmen für das Recycling und Upcycling ihrer Produkte verantwortlich sind. Das hat komplett den Anreiz zerstört, möglichst schnell möglichst viele Produkte herzustellen, die irgendwo auf der Welt gekauft, benutzt und entsorgt werden. Stattdessen leben wir inzwischen in einer echten Kreislaufwirtschaft, in der alle Gegenstände und selbst defekte Geräte als Rohstoff wieder aufgewertet werden können und müssen. Das Paradigma hat sich entsprechend von schnellem Konsum bzw. schnellen Gewinnen gewandelt zu hochwertigen, langlebigen und problemlösenden Erzeugnissen. Dadurch sind auch viele Länder des globalen Südens immer schneller wirtschaftlich vorangekommen – seit das Energieproblem kein Problem mehr ist, haben sich die Währungen stabilisiert, Inflation ist überall moderat und es entstand vielerorts eine kreative, sehr facettenreiche neue Ökonomie. Das Zeitalter des Turbokapitalismus wurde abgelöst von einer für alle Lebewesen und Ökosysteme gewinnbringenden Form des Postkapitalismus. Ich meine nicht die Hippie- oder Trotzki-Version, sondern einen Kapitalismus, der andere Währungen kennt als Geld, nämlich das Gemeinwohl von Menschen überall auf dem Planeten und der Natur.

Zurück ins Jahr 2024.

Ich wette, dass diese Ausführungen einigen von euch im wahrsten Sinne fantastisch vorkommen – also basierend auf Fantasie. Doch hinter jedem einzelnen stecken nennenswerte Stränge in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Dieses Jahr erscheinen unter anderem drei Sammelbände von mir, die einige der genannten Themen unterfüttern – und ein Handbuch für KI in Unternehmen namens „KI jetzt!“.

Nach vielen Jahren und hunderten Mandaten im Kontext der seriösen Zukunftsforschung bin ich überzeugt: Wir sollten öfter über unsere positiven Zukunftsbilder sprechen. Und auch darüber streiten. Denn es ist ja offensichtlich, dass mein Blick in die Zukunft ein anderer ist als der meiner Nachbarin oder eines Kindes, das gerade in Lagos aufwächst. Doch wir werden uns und unsere Welt nicht retten, wenn wir nur über die Schattenseiten sprechen. Lasst uns häufiger und strukturierter über schöne Zukünfte sprechen.

Dann klappt’s auch mit der Angst, das verspreche ich euch.

Vielen Dank fürs Zuhören!

Foto von Etienne Girardet auf Unsplash


Neuer Imagefilm: Keynote Speaker Kai Gondlach

🌐 In meinem neuen Imagefilm nehme ich Sie mit auf eine faszinierende Reise durch die Zukunft. Als renommierter Zukunftsforscher, Keynote Speaker und Unternehmer ist es meine Leidenschaft, Themen wie Künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Dekarbonisierung mit einem einzigartigen Ansatz zu präsentieren - und das inzwischen weit über 300 Mal.

https://www.youtube.com/watch?v=JUCLpLnba_A

Falls Sie das Video lieber direkt auf Youtube ansehen möchten, benutzen Sie diesen Link: https://www.youtube.com/watch?v=JUCLpLnba_A

🚗 Das Highlight: Tauchen Sie ein in das Highlight des Videos, wenn ich live hinter der Bühne aus einem echten DeLorean aussteige – die legendäre Zeitmaschine aus "Zurück in die Zukunft". Diese einzigartige Inszenierung verleiht meinen Keynotes auf Wunsch eine unvergessliche Dimension und bleibt bei Ihrem Publikum ganz sicher in Erinnerung!

🎤 Keynotes: Erleben Sie inspirierende Einblicke in meine Vorträge über die Zukunft und Zukünfte, während ich vor einem begeisterten Publikum von rund 400 Menschen aus einem großen IT-Beratungsunternehmen spreche. Als Wissenschaftler, Autor und Herausgeber teile ich mein fundiertes Wissen über die neuesten Innovationen, spannende Thesen und Visionen für das Jahr 2050. Sie mögen es lieber anwendungsbezogen? Kein Problem. Ich bringe auf Wunsch gern Fallbeispiele zu meinen Kernthemen mit und verbinde diese mit plausiblen Zukunftsszenarien.

🔍 Entdecken Sie mehr über die möglichen Themen meiner Keynotes und Buchungsmöglichkeiten.

👥 Zielgruppe: Meine Keynotes richten sich an Entscheidungsträger, Unternehmen und Verwaltungen sowie alle, die den Blick in die Zukunft richten. Entdecken Sie, wie Sie mit meiner Expertise die Zukunft aktiv gestalten können. Ob Mittelstand, öffentliche Verwaltung, Bildungsträger oder Startup; ob Strategiemeeting der Geschäftsleitung, Sommerfest oder Kongress - mir liegen alle Formate und Anlässe.

🚀 Folgen Sie mir: Abonnieren Sie meinen Newsletter, um keine Updates zu verpassen, und folgen Sie mir auf Linkedin oder Instagram - alle Links finden Sie unter https://linktr.ee/KaiGondlach

Machen Sie sich bereit für eine faszinierende Reise in die Zukunft!

Videoproduktion: Lauflichtfilm, Rödingsmarkt 14, Mediadeck Hamburg, 20459 Hamburg

DeLorean animation courtesy of @harmzz


Wo stehen wir 2035? 

Das Jahr 2035 mag uns heute noch fern erscheinen, doch in einer Welt, die von rasantem technologischem Fortschritt, gesellschaftlichem Wandel und globalen Herausforderungen geprägt ist, ist es wichtig, unsere Zukunft zu beleuchten. Drei fiktive Geschichten aus Deutschland sollen uns helfen, eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie unsere Welt in zwölf Jahren aussehen könnte. Diese Geschichten basieren auf aktuellen Erkenntnissen der Zukunftsforschung und sind eingebettet in plausible Szenarien, die auf realen Trends und wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Sie geben uns nicht nur einen Einblick in das Jahr 2035, sondern werfen auch einen Blick auf das Jahr 2050, um die langfristigen Auswirkungen heutiger Entwicklungen zu verstehen.

Leo (23) aus Berlin im März 2035

An diesem sonnigen Frühlingstag können wir noch ohne Sonnenschirm und Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 80 aus dem Haus gehen. Doch die Spuren der vergangenen Sturzfluten und Dürreperioden sind allgegenwärtig. Trotz aller Vorbereitungen hat der letzte Jahrhundertsommer viel zerstört und zu viele Menschen durch Hitze und Überschwemmungen getötet. Einige Regionen haben bereits drastische Schutzmaßnahmen ergriffen.

Die Wohnraumbeschränkung zwingt Leos Familie zum Zusammenleben. Als Erzieher kümmert er sich vormittags um seine Nichten und Neffen, denn Schulen gibt es nicht mehr. Nachmittags und oft auch nachts arbeitet er in verschiedenen Pflege- und Rettungsdiensten, wo eine künstliche Intelligenz die Jobs verteilt. Die Automatisierung hat den Arbeitsmarkt längst verändert, und der Traum von einer Karriere in großen Konzernen hat seinen Reiz verloren. Die Welt hat eine zweite Pandemie erlebt, die auf den Eingriff des Menschen in die Natur zurückzuführen ist. Diese Pandemie breitete sich aufgrund steigender Temperaturen und invasiver Arten rasch aus. Das führte zu einer Verlagerung der globalen Produktion hin zu regionalen Versorgungsketten. In Berlin wächst Gemüse auf Dächern und in Kellern neben synthetischem Fleisch. Grundnahrungsmittel sind umsonst und subventionierte Pauschalmieten in vielen Städten üblich.

Zum Glück ist vieles endlich auf dem richtigen Klimapfad, auch global gesehen. Es wird zwar noch einige Jahre dauern, bis wir uns an die Wetterextreme gewöhnt haben, aber einige Horrorszenarien der 2020er Jahre werden wohl nicht eintreten. Immerhin geht die Emissionskurve bis 2050 im globalen Saldo gegen Null - ganz ohne Greenwashing-Zertifikate, sondern durch einen echten CO2-Preis und Verbote bestimmter Technologien, die auf Kohle und Öl basieren. Auch die Biodiversität erholt sich langsam, was das Risiko neuer Pandemien bereits reduziert.

Stef (35) aus Frankfurt am Main

Nach einem raschen Aufstieg in der Bankenwelt mit schickem Auto, Wohnung und ständigen Reisen nach London und New York erkannte Stef die Leere im Hamsterrad und verlor den Blick für das große Ganze. Wenige Jahre später, fast ein Jahrhundert nach dem "Schwarzen Donnerstag", erlebte die Welt erneut einen Finanzcrash, der die globalen Märkte und Demokratien erschütterte. Banken schlossen, Spekulation wurde verboten und die erste KI-Blase platzte.

In dieser schweren Krise hatte die EU glücklicherweise umfassende Pläne in der Schublade. Als in Teilen Deutschlands Panik ausbrach und erste Anzeichen von Unruhen sichtbar wurden, griffen die Notstandsgesetze und ermöglichten schnelles Handeln. Banken und Versicherungen wurden über Nacht verstaatlicht, ihre automatisierten Prozesse minimierten den Bedarf an menschlicher Arbeit erheblich. Energieprobleme blieben weitgehend aus, da sich die meisten Haushalte aus eigenen erneuerbaren Quellen mit Strom versorgten und die letzten verbliebenen Kraftwerke in Betrieb blieben - nur im Winter gab es vereinzelte Ausfälle.

Parallel dazu lief ein ehrgeiziges Umschulungsprogramm für fast zehn Millionen Beschäftigte in den betroffenen Branchen. Zudem erhielten Bürgerinnen und Bürger ein bedingungsloses Grundeinkommen, sofern ihr Vermögen eine Million nicht überstieg. Auch Stef profitierte davon und konnte ihre ursprüngliche Leidenschaft für die Raumfahrt wiederentdecken, nachdem sie sich für eine Karriere im Bankwesen entschieden hatte. Jetzt steht sie kurz vor ihrem ersten Einsatz im Orbit, um für die ESA Solarmodule zu montieren und Marsmissionen vorzubereiten. Energie bleibt der Schlüssel für die Zukunft, nicht nur auf der Erde, sondern auch für künftige Weltraumkolonien.  

Eli (48) aus Wacken

Vor gut fünf Jahren kamen Eli und sein Sohn nach Deutschland. Sie hatten nichts mehr. Das letzte Geld war im Flüchtlingslager aufgebraucht. Auf ihrer Odyssee durch verschiedene Länder hatten sie bereits alles verloren: ihre Frau und Mutter, ihre Kinder und Geschwister, ihre Würde und ihre Hoffnung.

Noch im Jahr ihrer Ankunft erlebten Deutschland und Mitteleuropa eine beispiellose Migration in unterschiedliche Richtungen, die heute als "Große Wanderung" bezeichnet wird. Es war nicht nur die größte Völkerwanderung der Geschichte, auch die sozialen und wirtschaftlichen Systeme gerieten an ihre Grenzen, nachdem die ökologischen Systeme zusammengebrochen waren. Als sie ihre Flucht antraten, lebte Deutschland noch in Wohlstand, die Demokratie war stabil und die Zukunft schien berechenbar. Der Börsencrash im Jahr 2029 hat diese Sicherheit zerstört, aber das haben sie erst auf einer Mittelmeerinsel im Flüchtlingslager erfahren.

Erstaunlicherweise funktionierte vieles gut. Eli hatte Medizin studiert und in seiner Heimat jahrelang in Kliniken gearbeitet, bis diese der Hitze und den Bomben zum Opfer fielen. Hier in Deutschland konnte er nach einem Sprachkurs, den seine neuen Nachbarn organisiert hatten, seine Qualifikation schnell anerkennen lassen und sich in das wiederaufgebaute Gesundheitssystem integrieren. Sein Sohn hat inzwischen den Meisterbrief als Koch, worauf Eli sehr stolz ist. Früher war Koch ein unbeliebter Beruf, heute wollen ihn viele, obwohl es nur wenige Ausbildungsplätze gibt.

Das Beste an der "Großen Bewegung" ist, dass ein regelrechter Bauboom für regenerative Häuser und Energienetze eingesetzt hat - weltweit. Armut ist selten geworden, und trotz des Verlustes vieler Arbeitsplätze in verschiedenen Branchen gibt es in den meisten Ländern erstaunlich wenig Probleme. Es herrscht Aufbruchstimmung, die Menschheit ist auf dem Weg in ein regeneratives Zeitalter. Selbst in der Medizin zeigt sich, dass die Menschen länger gesund leben, manche sogar biologisch jünger werden. All dies wäre ohne die technologischen Durchbrüche der 2010er Jahre und die Einhaltung des Moratoriums für die funktionelle Genmanipulation nicht möglich gewesen. Die Menschheit steht vor einer vielversprechenden Blütezeit; zusammen statt gegeneinander.

Die Notwendigkeit menschlicher Kernkompetenzen in einer sich wandelnden Welt

Die vorliegenden drei Kurzgeschichten bieten einerseits faszinierende Einblicke in mögliche Szenarien für das Jahr 2035, andererseits tauchen sie ein in die vielschichtige Welt komplexer Zukunftsvisionen, die auf einer durchdachten Entwicklungslinie von der Gegenwart im Jahr 2023 ausgehen. Diese Geschichten enthalten Elemente, die bereits heute als mehr oder weniger sicher gelten: Der bevorstehende Renteneintritt der Babyboomer-Generation, der Wechsel der Generation Z in Führungspositionen und die zunehmenden Auswirkungen des spürbaren Klimawandels sowie die Zunahme von Wetterextremen, die schon heute in Deutschland zu schweren Notlagen führen und ganze Landstriche unbewohnbar machen können.

Die anthropogene Beschleunigung des Klimawandels ist bereits heute hinreichend erforscht und lässt erhebliche Veränderungen bis 2035 erwarten. Die These unterstreicht jedoch, dass es möglicherweise eines weiteren disruptiven Elements, vergleichbar mit der Corona-Pandemie, bedarf, um die globalen Entscheidungsträger zu drastischen und raschen Maßnahmen zu bewegen. Dieser Weg wird nicht ohne Widerstand sein und viele Millionen Menschen weltweit könnten ihren Arbeitsplatz verlieren. Dies geht über die Automatisierung von Tätigkeiten hinaus und stellt eine zusätzliche Herausforderung dar.

Im Zuge dieser Veränderungen werden menschliche Kernkompetenzen immer wichtiger. Es reicht nicht mehr aus, sich nur Wissen anzueignen. Vielmehr wird es entscheidend, komplexe Zusammenhänge zu verstehen und die interpersonalen Kompetenzen gewinnbringend auszubilden. Ebenso ist die Fähigkeit, langfristig zu denken und proaktiv zu handeln, anstatt nur auf akute Entwicklungen zu reagieren, von entscheidender Bedeutung. Es liegt an uns, diese Herausforderungen anzunehmen und gemeinsam in die Zukunft zu blicken.

 

 

Foto von Štefan Štefančík auf Unsplash


Beitrag Temporale Intelligenz

Zukünfte denken mit intertemporaler Intelligenz  

Ich werde häufig gefragt, welche Fähigkeiten mich als Zukunftsforscher auszeichnen, um Zukünfte denken und darin Gestaltungsräume entdecken zu können. Die Antwort darauf ist einerseits genauso kompliziert wie im Falle eines Maurers, der Rechtsanwältin oder in der Quantenphysik. In allen Berufen sind unterschiedliche Kombinationen der grundlegenden Fertigkeiten und Fähigkeiten nötig, um darin mindestens „gut“ zu werden. Das heißt: Jeder Job hat eine bestimmte Mischung aus angeborenen und sozialisierten Fähigkeiten mit den Fertigkeiten, die in der Lehre, dem Studium und beruflichen Laufbahn zu erwerben sind.

Andererseits fiel mir im Laufe der letzten Jahre zunehmend auf, dass da doch ein Element ist, das meinen Berufsstand prägt: Die intertemporale Intelligenz. Um das genauer zu erklären, muss ich erst etwas ausholen.

20 Arten der Intelligenz

Immerhin verfügen wir – je nach Lesart – über unterschiedliche Ausprägungen von Intelligenz in bis zu 20 Arten. Einige davon sind wissenschaftlich seit Langem bekannt, einige ergänzen sich gegenseitig, manche lesen sich fast synonym. Doch meiner Ansicht nach lohnt sich ein genauer Blick auf die feinen Unterschiede.

  • Sprachliche oder linguistische Intelligenz: Wie gut verstehe, spreche, lese und schreibe ich meine Muttersprache; bin ich außerdem fähig, andere Sprachen zu lernen?
  • Logisch-mathematische Intelligenz: Wie gut kann ich rechnen und logisch Elemente kombinieren? Diese Intelligenzart wird am häufigsten in klassischen IQ-Tests abgefragt und wird damit oft mit „Intelligenz“ gleichgesetzt, was natürlich falsch ist; sie ist jedoch ein wichtiger Bestandteil, um sich in der modernen Zivilisation zurechtzufinden.
  • Räumlich-bildliche Intelligenz: Kann ich Gegenstände in realen oder virtuellen Räumen korrekt verorten und neu kombinieren?
  • Kognitive Intelligenz: Im Prinzip handelt es sich hierbei um den Kitt zwischen den anderen Formen der Intelligenz; wie gut bin ich in der Lage, Aufgaben zu lösen und gedanklich fiktive Erkenntniszustände zu durchlaufen, bevor ich in Aktion trete?
  • Intrapersonale Intelligenz: Wie reflektiert bin ich? Denke ich über meine eigenen Denkmuster und Motive, meine Taten in der Vergangenheit nach und bin ich dazu noch in der Lage, meine Gefühle und Emotionen zu regulieren?
  • Interpersonale Intelligenz: Hier spielt vor allem die Empathie eine Rolle: Kann ich mich in andere Personen hineinversetzen, höre ich anderen zu? Kann ich in Konflikten vermitteln?
  • Naturalistische Intelligenz: Kann ich mich, neben Menschen, auch in Tiere, Pflanzen und andere Naturphänomene hineinversetzen? Interessiere ich mich dafür, wie es der Natur geht?
  • Emotionale Intelligenz: Ähnlich wie die intrapersonale Intelligenz geht es hier um die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen – und auch beeinflussen zu können. Die emotionale Intelligenz ist das nötige Bindemittel für intra- und interpersonale Intelligenz und als EQ (emotionaler Quotient) hoch im Kurs.
  • Soziale Intelligenz: Hier haben wir es wieder mit einer Mischform unterschiedlicher Intelligenzarten zu tun und ich würde noch ergänzen, nicht bloß in Kleingruppen intelligent Stimmungen erkennen und beeinflussen zu können, sondern dies auch auf größere Gruppen und Gesellschaften anwenden zu können.
  • Spirituelle Intelligenz: Warum bin ich hier? Auf diese Frage gibt es keine befriedigende Antwort, dennoch suchen einige Glaubensrichtungen oder philosophische Denkschulen seit Jahrtausenden danach. Doch räume ich dieser Frage bewusst Raum und Zeit im Leben ein? Dann bin ich wohl spirituell intelligent – das geht auch ohne Bibel oder Räucherstäbchen.
  • Musikalische Intelligenz: Habe ich einen Zugang zu Melodie, Takt, Rhythmus, Harmonie oder auch Disharmonie? Erklärt sich wohl von selbst. Interessant ist, dass Menschen mit ausgeprägter musikalischer Intelligenz in der Regel auch besser andere Sprachen oder Dialekte verstehen.
  • Körperlich-kinästhetische Intelligenz: Bewege ich mich gern und sowohl kontrolliert als auch frei?
  • Kreative Intelligenz: Bin ich in der Lage oder reizt es mich, kreativ, also gestaltend, auf Probleme zu reagieren, die mich oder andere beschäftigen?
  • Physische Intelligenz: Achte ich auf meinen Körper, auf gute Ernährung, auf genügend Schlaf und Erholungsphasen?
  • Praktische Intelligenz: Die HR-Abteilung nennt das „stilles Wissen“, andere vielleicht gesunden Menschenverstand. Es geht darum, alltägliche, praktische Herausforderungen eigenständig meistern zu können.
  • Professionelle Intelligenz: Hier handelt es sich wieder um eine Mischform verschiedener anderer Intelligenzarten, die je nach Einsatzzweck variieren können. Während der o. g. Maurer vielleicht vor allem die Mischung aus 2+3+12+13+15 benötigt, ist es bei der Rechtsanwältin möglicherweise eher 1+2+4+6+9+13. Die Quantenphysik habe ich selbst nicht studiert und vermute, dass die dortigen Expert:innen über sämtliche (und keine, s. #schroedingerskatze) Formen der Intelligenz verfügen müssen.
  • Vitale Intelligenz: Diese Intelligenzart ist eine Verwandte der sozialen Intelligenz und wird von unserer Quelle (s. u.) auch als machiavellische Intelligenz bezeichnet. Es geht darum, wie ich mich in sozialen Situationen verhalte und meine Interessen durchsetze – also ein eher ich-bezogener Blick auf die Intelligenz in Gruppen.
  • Mentale Intelligenz: Diese Form, die auch metakognitive Intelligenz genannt wird, bezieht sich auf die Fähigkeit, unterschiedliche Anteile äußerer und innerer Phänomene miteinander gewinnbringend in Einklang bringen zu können. Achte ich bspw. auf den Ausgleich meiner unterschiedlichen Stärken und Schwächen, sehe ich in Veränderungen sowohl Risiken als auch Chancen?
  • Kristalline Intelligenz: Kann ich gut planen, organisieren, koordinieren? Dann ist mir das vermutlich nicht in die Wiege gefallen, sondern ich habe in meinem Leben gelernt, mit komplexen Situationen umzugehen, aus Fehlern zu lernen.
  • Fluide Intelligenz: Wie hoch ist meine Auffassungsgabe, kann ich gut viele Informationen aufnehmen und verarbeiten sowie priorisieren? Dann hatte ich wohl einfach Glück beim Gen-Lotto, denn dieser Anteil ist im Wesentlichen angeboren und kann später kaum nennenswert verändert werden.

Liste von https://open-mind-akademie.de/intelligenzformen/ (Zugriff am 28.07.2023) 

Die 21. Art der Intelligenz: Intertemporale Intelligenz 

Die ersten 20 Arten der Intelligenz klingen wahnsinnig schlüssig vor dem Hintergrund, dass wir es in knapp über 300.000 Jahren vom Menschenaffen zum postindustriellen, digitalen Menschen geschafft haben. Die meisten der oben skizzierten Intelligenzarten entstanden in diesem Zeitraum und wurden von den Anforderungen der modernen Zivilisation geprägt.  

Meine These ist, dass wir im Übergang zum 21. Jahrhundert jedoch eine neue Intelligenzart ausgeprägt haben. Angetrieben durch den Bevölkerungsboom zwischen 1800 und 2000 (von einer auf sechs Milliarden Menschen, während es von null auf eine Milliarde gut 300.000 Jahre dauerte) wuchsen nämlich die Herausforderungen, mit denen sich die Menschen konfrontiert sahen. Zunehmende Komplexität auf der einen Seite, zunehmende Einflussmöglichkeiten der Menschheit auf sich selbst und die Umwelt auf der anderen, erfordern mehr denn je die Fähigkeit oder Fertigkeit – das wird sich noch zeigen –, Entwicklungen, Motive, Entscheidungen und Ereignisse hinsichtlich ihrer Zeitlichkeit einordnen zu können. Anders ausgedrückt: Der Teil unseres Gehirns, der sich ums aktuelle Überleben kümmern muss, verliert in modernen Zivilisationen (besonders in Sozialstaaten) an Bedeutung, der Teil, der sich um die langfristigen Existenzgrundlagen kümmert, gewinnt hinzu.  

Während also einige Menschen zum Beispiel komplexe Klimawandelphänomene wie die nachlassende Atlantikzirkulation oder Temperaturanstiege kognitiv nicht verarbeiten können und hinter jeder neuen Nachhaltigkeitsstrategie eine Verschwörung wittern, kümmern sich andere darum, die Lebensgrundlagen aller Lebewesen in ihrem Einflussbereich zu verbessern. Das tun sie selten in der Gewissheit, dass sie selbst davon noch profitieren werden, sie denken und handeln dabei maßgeblich in die Zukunft mehrerer Generationen gerichtet – oft unabhängig von kurzfristigen Vorteilen.  

Intertemporale Intelligenz stärken 

Jetzt steht natürlich die Frage im Raum, wie intertemporale Intelligenz gestärkt oder bestärkt werden kann. Darauf habe ich (noch) keine wissenschaftlich fundierte Antwort, sehr wohl aber Beobachtungen aus meinem Umfeld. Immerhin kenne ich dutzende, wenn nicht hunderte Zukunftsforschende und habe mir in den letzten Monaten Gedanken gemacht, was die Grundlage der intertemporalen Intelligenz sein könnte. Außerdem entwickeln wir mit meinem Zukunftsinstitut PROFORE Kurse, um Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Verwaltung auf dem Weg in fundierte Zukunftsentscheidungen zu helfen.  

Ein wichtiges Element der intertemporalen Intelligenz beschreiben Hans Rosling et al. in ihrem Meisterwerk „Factfulness“ (2018) – zentral dafür ist die Fähigkeit, Fakten von Meinungen zu unterscheiden und gute Entscheidungen zu treffen. Denn dazu gehört die essenzielle, damit verwandte Fähigkeit, sich selbst vom aktuellen Geschehen zu distanzieren, erst möglichst viele Fakten aufzutreiben und sich erst dann ein eigenes Urteil zu bilden. Oder wie Sokrates gesagt haben soll:  

„Wenn du etwas weitersagen willst, so seihe es zuvor durch drei Siebe: Das Erste lässt nur das Wahre hindurch, das Zweite lässt nur das Gute hindurch, und das Dritte lässt nur das Notwendigste hindurch. Was durch alle drei Siebe hindurchging, das magst du weitersagen.“ 

Sokrates

Das Ganze nun noch in Bezug auf die Zeit. Ist die Entscheidung oder das Ereignis, über das ich gerade urteile, in der Gegenwart oder sehr nahen Zukunft relevant oder spielen sich dessen Auswirkungen eigentlich erst in der mittleren oder fernen Zukunft ab? Wo habe ich blinde Flecken, wo muss ich noch recherchieren, welche Quellen nutze ich dafür – und das Ganze bitte möglichst schnell? Es wird schnell deutlich, dass eine bunte Mischung der oben genannten 20 Intelligenzarten nötig ist als Fundament für die 21., die intertemporale Intelligenz. 

Leider scheint die intertemporale Intelligenz nicht besonders ausgeprägt zu sein, schließlich erfordern die Handlungslogiken in den meisten Systemen sie nicht. Das ist auch logisch, denn unsere Organisationen, Institutionen und Regelwerke stammen ja aus der Vergangenheit, nicht aus der Zukunft. Ich hätte mir beispielsweise sehr viel mehr intertemporale Intelligenz in der Debatte um die Wärmepumpen oder vielen ähnlich gelagerten politischen öffentlichen Diskussionen rund um Nachhaltigkeit gewünscht.  

Wie wir also dahinkommen: Indem wir möglichst oft über unterschiedliche, idealerweise zukünftige Zeitebenen nachdenken. Wir reden in der Zukunftsforschung von plausiblen Zukünften oder Projektionen, anstatt nur über fiktive Zustände zu sprechen. Unser Gehirn ist wie ein Muskel und je eher wir daran gewöhnt sind, in verschiedenen Facetten möglicher Zukünfte zu denken, umso eher steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir neue Informationen auf dem vor uns liegenden Zeitstrahl (oder -trichter) einsortieren können. 

Fazit

Für mich als Zukunftsforscher ist die intertemporale Intelligenz vermutlich das, was die Fingerfertigkeit und kreative Lösungsfindung des Maurers, das Vermittlungsgeschick für die Rechtsanwältin ist. Sie umfasst aus meiner Sicht die wichtigsten Attribute anderer Intelligenzarten und ist natürlich grundsätzlich ethisch geprägt – allein die Fähigkeit zur Projektion unterschiedlicher Zukünfte heißt noch nicht, dass ich im Sinne anderer Menschen handle. Die Ausprägung intertemporaler Intelligenz ist also eine Mammutaufgabe, die ich mir vorgenommen habe mit all meinen Veröffentlichungen im Heute und Morgen.  

Nach meiner Recherche habe ich im Übrigen keine Anzeichen dafür gefunden, dass diese Form der Intelligenz bereits benannt wurde. Möglicherweise gibt es hierzu eines Tages eine tiefgründigere Veröffentlichung aus meiner Feder – aber wer weiß das schon? 😉  

Update 06.09.2023: Rund um dieses Thema in Bezug auf die Klimadebatte habe ich einen Gastbeitrag für FOCUS Online Earth geschrieben, der gestern veröffentlicht wurde.

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Wetterextreme: Foto von Waldbrand

Wetterextreme und die Lösung der Klimakrise

Der Juli dieses Jahres war der heißeste jemals auf der Erde gemessene Monat; auf allen Kontinenten beobachten wir verheerende Brände, Überflutungen und Dürren. Lässt sich die Klimakatastrophe noch verhindern? Hier gibt’s die wissenschaftliche Problemlage sowie einen Lösungsvorschlag.

Wetterextreme im Sommer 2023 und politische Beben

Wer nicht unmittelbar betroffen war, musste nur eine beliebige Nachrichtensendung, -seite oder Zeitung konsultieren – der Newsflash wirkte wie ein dramatischer Zusammenschnitt in einem Katastrophenfilm. Manch eine:r fühlt sich nicht grundlos an die biblischen Plagen erinnert, wenn in Süddeutschland Ochsenfrösche zum Abschuss freigegeben werden, die nächste (gefährliche) Covid-Mutation auftaucht, Tausende in die Flucht getrieben werden (sogar in Norwegen!) und Urlaub am Mittelmeer lebensbedrohlich wird. Inzwischen ist bei den Wetterextremen und auch der Verbreitung von Viren gut erforscht, wie eng der Zusammenhang mit dem anthropogenen Klimawandel ist. Wetter heißt nicht gleich Klima, doch das über einen längeren Zeitraum extremer werdende Wetter fällt per Definition ins den Klimabereich.

Außerdem: Der russische Angriffskrieg in der Ukraine wird nicht der einzige Klimakrieg dieses Jahrzehnts bleiben, das Säbelrasseln in Nordkorea, China und diversen sogenannten Schwellen- und Entwicklungsländern im globalen Süden erreicht nicht nur rhetorisch im Wochentakt neue Eskalationsebenen (z. B. kürzlich im Niger und Ecuador). Zeitgleich sprießen weltweit auch in sogenannten Industrieländern des globalen Nordens populistische und faschistische Parteien aus dem Boden wie Atompilze nach einem Super-GAU: Sie verstrahlen die verunsicherten Menschen mit vorgeblich einfachen Lösungen für komplexe Herausforderungen und Probleme, deren Grundrezept aus Hass und Ignoranz besteht; sie kontaminieren die Anstrengungen diverser Parteien und Nichtregierungsorganisationen für eine freiheitlich demokratische und gleichberechtigte Welt. Immerhin scheint sich in den USA der Rechtsstaat endlich gegen den Ex-Präsidenten und dessen Gefolgschaft im Zusammenhang mit der Verschwörung zu wehren – hierzulande schreckt das Establishment noch vor einem Verbotsverfahren rechtsradikaler Parteien wie der AfD oder NPD zurück. Ich hoffe, nicht mehr lang.

Was sagt die Wissenschaft dazu?

Zur Beantwortung dieser Frage habe ich mir die drei Teile von „Die Grenzen des Wachstums“ von Dennis und Donella Meadows et al. zur Hand genommen. Die Reihe ist besser bekannt als die Berichte des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Ich nenne sie auch gern die erste gesellschaftlich wertvolle Zukunftsstudie aller Zeiten, die nicht nur Technologien prognostizierte, sondern eben komplexe Zusammenhänge untersuchte und modellierte – größtenteils erstaunlich akkurat.

Die enger werdenden Grenzen des Wachstums

Vor 51 Jahren erschien der erste Teil von „Die Grenzen des Wachstums“, 20 Jahre später dann die Neuauflage „Die neuen Grenzen des Wachstums“ und 2004 schließlich „Grenzen des Wachstums – das 30-Jahre-Update“. 2022 wiederum schrieb die Bundeszentrale für politische Bildung eine schöne Rückschau „50 Jahre Grenzen des Wachstums“. Darin wird vor allem die eklatante Wissenschaftsignoranz der Menschheit deutlich, denn spätestens seit der ersten Veröffentlichung wussten „wir“, dass Emissionen durch das Verbrennen von Öl, Gas oder Holz das Klima nachhaltig beeinträchtigt. Der Earth Overshoot Day, an dem die natürlichen Ressourcen des Planeten eigentlich aufgebraucht sind, war damals noch am 19. Dezember – in diesem Jahr fiel er bereits auf den 2. August. Würden alle Staaten so wie Deutschland leben, wäre er schon am 5. April.

Zwar entstanden infolge der Veröffentlichungen weltweit „grüne“ Parteien, die den Umweltschutz auf die politische Agenda brachten; zwar wurden weltweit Flurchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) verboten, woraufhin das Ozonloch endlich schrumpfe und man sich wieder sorgloser in die Sonne begeben konnte; zwar wurden In vielen anschließenden Klimakonferenzen unverbindliche Klimaziele vereinbart (Kyoto-Protokoll, Paris Agreement, etc.) – doch der globale Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen wie Kohlendioxid, Methan oder Lachgas geht fröhlich weiter.

Zu den häufiger werdenden Extremwetterereignissen gesellen sich fast nebenbei jährliche Temperaturrekorden, Negativrekorde in der Biodiversität, den Eisschilden in der Antarktis und Grönland, dem Regenwaldbestand im Amazonas und dem Kongo und der weltweit sinkende Grundwasserspiegel. Damit verbunden rücken einige Klima-Kipppunkte näher, die ökologische Dominoeffekte auslösen könnten – leider keine von der unterhaltsamen Sorte. Aktuell wird unter anderem wieder der Kollaps des Golfstroms diskutiert, welcher zu einem Temperaturabsturz in Europa führen könnte. Fast schon zynisch wirkt hingegen der übertrieben unsinnige und unmenschliche Prunkbau des saudi-arabischen Kronprinzen mit der Wüstenstadt Neom.

Der Konsens der weltweiten Klimaforschung

Aber es ist ja nicht so, als gäbe es keine Einigkeit in der Klimawissenschaft hinsichtlich der Ursachen sowie möglichen Lösungsansätzen. Das Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC, auch bekannt als Weltklimarat, veröffentlicht regelmäßig Sachstandsberichte (und häufiger Sonderberichte). Im 6. IPCC-Sachstandsbericht aus diesem Jahr wurden erneut die Kernaussagen tausender Klimawissenschaftler:innen weltweit versammelt rund um Ökosysteme, Geologie, etc. Und nein, hinter dem IPCC steckt kein großer Plan einer neuen Weltordnung oder anderer rechtsradikaler Unfug.
Die Kernaussagen umfassen folgende Rubriken:

A. Aktueller Stand und Trends
B. Künftiger Klimawandel, Risiken und langfristige Reaktionen
C. Kurzfristige Maßnahmen

Hier meine kompakte und übersetzte Zusammenfassung:

A. Aktueller Stand und Trends

A. 1 Menschliche Aktivitäten, vor allem durch die Emission von Treibhausgasen, haben zweifellos die globale Erwärmung verursacht, wobei die globale Oberflächentemperatur im Zeitraum 2011-2020 um 1,1°C über dem Wert von 1850-1900 im Zeitraum 2011-2020 lag. Die globalen Treibhausgasemissionen haben weiter zugenommen, wobei ungleiche Beiträge […] in den verschiedenen Regionen, zwischen und innerhalb von Ländern und zwischen Einzelpersonen variieren.“
Falls also Populisten wie Aiwanger, Söder, AfD-Gläubiger und Co. etwas davon faseln, man sei sich nicht einig in der Wissenschaft hinsichtlich des menschlichen Einflusses auf den Klimawandel: DOCH, es herrscht beispiellose Einigkeit. Die Menschheit verändert das Klima. Keine Meinung, sondern wissenschaftliche Fakten. Keine Diskussion.

A. 2 Weitreichende und rasche Veränderungen in der Atmosphäre, den Ozeanen, der Kryosphäre und der Biosphäre sind eingetreten. Der vom Menschen verursachte Klimawandel wirkt sich bereits auf viele Wetter- und Klimaextreme in allen Regionen der Welt aus (…). Anfällige Gemeinschaften, die in der Vergangenheit am wenigsten zum aktuellen Klimawandel beigetragen haben, sind unverhältnismäßig stark betroffen."
Unser angeblicher Humanismus ist nach wie vor auf bestimmte Bevölkerungsgruppen beschränkt. Die angeblich christliche Nächstenliebe hört immer noch an der Religionsgrenze auf. Wir haben in über 2000 Jahren „Zivilisation“ wirklich nicht viel gelernt – und jetzt, wo es auch in Europa langsam unbequem wird, kommen wir langsam ins Grübeln. Das hat mit Moral wenig zu tun, sondern ist wie immer nur mit einem: Egoismus.

A. 3 Die Planung und Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen ist in allen Sektoren und Regionen fortgeschritten, mit dokumentiertem Nutzen und unterschiedlicher Wirksamkeit. (…) Die derzeitigen globalen Finanzströme für die Anpassung sind unzureichend und schränken die Umsetzung von Anpassungsoptionen ein, insbesondere in Entwicklungsländern.“
Anpassungen an ökologische Veränderungen sind nichts Neues. In kälteren Zeiten bauten die Menschen dickere Mauern und dichtere Dächer, als das Meer phasenweise die Kohlfelder überflutete, bauten sie höhere Deiche (und Kooge). Doch die Geschwindigkeit der Veränderungen hat zugenommen, weshalb besonders Menschen in ärmeren Regionen nicht schnell genug hinterherkommen. Und ja, auch hier müssen wir langfristig denken – anstatt über Wärmepumpen zu meckern, sollten wir uns freuen, dass das Thema nicht erst in zehn Jahren kommt, wenn es schon zu spät sein könnte. Dass es überhaupt öffentliche Förderungen und weltweite Darlehensprogramme gibt, ist doch fantastisch. Diese Programme müssen jedoch noch stärker als sonst im Sinne einer globalen Entwicklungshilfe zielgerichteter und mit geringeren Auflagen verteilt werden, um schnellen Wandel zu ermöglichen, auch im Sinne der immer noch ausstehenden Reparationen für koloniale Verbrechen.

A. 4 Politische Maßnahmen und Gesetze, die sich mit der Abschwächung von Treibhausgasemissionen befassen, wurden seit dem 5. Sachstandsbericht ständig erweitert. Es ist wahrscheinlich, dass die Erwärmung im Laufe des 21. Jahrhunderts 1,5°C überschreitet und es schwieriger wird, die Erwärmung auf unter 2°C zu begrenzen.“
Konsens ist also auch, dass das 1,5°C-Ziel kaum noch erreicht werden kann, in Deutschland wurde es schon überschritten. Das heißt unter anderem, dass besonders Ältere und chronisch Kranke schon jetzt ein höheres klimawandelinduziertes Sterberisiko aufweisen. Immerhin eine wachsende, politisch hochgradig relevante Bevölkerungsgruppe.

B. Künftiger Klimawandel, Risiken und langfristige Reaktionen

B. 1 Für jedes beliebige künftige Erwärmungsniveau sind viele klimabezogene Risiken höher als im 5. Sachstandsbericht bewertet worden, und die prognostizierten langfristigen Auswirkungen sind bis zu einem Vielfachen höher als die derzeit beobachteten. (…) Klimatische und nicht-klimatische Risiken werden zunehmend interagieren und zu kombinierten und kaskadierenden Risiken, die komplexer und schwieriger zu handhaben sind.“
Es wird ungemütlicher. Hier sollten besonders Versicherungsunternehmen die Details studieren. Kein mathematisches Underwriting-Modell der letzten Jahrzehnte ist jetzt noch aktuell – besonders nicht für Sachschäden. Zynisch gesprochen wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, um ein Ferienhaus in Skandinavien zu kaufen.

B. 2 Einige künftige Veränderungen sind unvermeidbar und/oder unumkehrbar, können aber durch eine tiefgreifende, rasche und nachhaltige Reduzierung der globalen Treibhausgasemissionen begrenzt werden. Die Wahrscheinlichkeit von abrupten und/oder irreversiblen Veränderungen steigt mit einem höheren Niveau der globalen Erwärmung. Ähnlich ist die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen mit geringer Wahrscheinlichkeit, die mit potenziell sehr großen nachteiligen Auswirkungen verbunden sind.“
Anders ausgedrückt: Wildcards wie die Corona-Pandemie, die Ahrtal-Überflutung oder das Verbot zur Trinkwasserentnahme zur Bewässerung von Gärten rund um den Globus werden häufiger auftreten. Und: Wir müssen weniger fossile Ressourcen verbrennen, weniger Rinder und andere domestizierte Tiere halten. Vor ein paar Jahren spaltete ich einmal das Publikum eines Galadinners mit dem Hinweis, dass ein Rindersteak im Jahr 2030 wohl eher 100 Euro kosten wird, während das synthetische oder pflanzliche Pendant bei 5 Euro liegen dürfte. Besser für Klima und die Gesundheit wäre das allemal.

B. 3 Anpassungsoptionen, die heute machbar und wirksam sind, werden mit zunehmender globaler Erwärmung weniger wirksam sein. (…) Fehlanpassungen können durch flexible, sektorübergreifende, integrative und langfristige Planung und Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen verhindert werden, die vielen Sektoren und Systemen zugutekommen.“
Das heißt nichts anderes, als dass wir schneller werden und mehr Verständnis für langfristige Politik säen müssen. Das ist wie mit dem Hebel-Effekt beim Spaten: Je weiter oben man ansetzt, umso einfacher gräbt sich das Loch. Zum Glück fängt die Bundesregierung auch allmählich an, eine Foresight-Strategie umzusetzen.

B. 4 Die Begrenzung der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung erfordert Netto-Null-CO2-Emissionen. (…) Die prognostizierten CO2-Emissionen aus der bestehenden Infrastruktur für fossile Brennstoffe würden ohne zusätzliche Minderungsmaßnahmen das verbleibende Kohlenstoffbudget für 1,5°C (50 %) übersteigen.“
Nochmal: wir müssen schnell aus Kohle, Benzin und Diesel aussteigen und aufhören, alte Bäume abzuholzen. Es geht kein Weg vorbei an einem fundamentalen Umbau der Energie-Infrastruktur.

B. 5 Alle globalen modellierten Pfade, die die Erwärmung auf 1,5°C (>50%) begrenzen, ohne oder mit begrenzter Überschreitung, und diejenigen, die die Erwärmung auf 2°C (>67%) begrenzen, erfordern rasche und tiefgreifende und in den meisten Fällen, sofortige Verringerung der Treibhausgasemissionen in allen Sektoren in diesem Jahrzehnt. Globale Netto-Null-CO2 Emissionen werden für diese Pfadkategorien in den frühen 2050er Jahren bzw. in den frühen 2070er Jahren erreicht.“
Also: Bis 2050 wird es ohnehin erst einmal wärmer, sogar wenn wir den CO2-Ausstieg zeitnah schaffen. Klimaveränderungen sind immer langfristig, irgendwie logisch.

B. 6 Übersteigt die Erwärmung ein bestimmtes Niveau, z. B. 1,5 °C, könnte sie schrittweise wieder reduziert werden durch das Erreichen und Aufrechterhalten negativer globaler Netto-CO2-Emissionen. Dies würde einen zusätzliche Kohlendioxid-Entfernung erfordern, verglichen mit Pfaden ohne Überschreitung, was zu größeren Bedenken hinsichtlich Machbarkeit und Nachhaltigkeit führt (…).“
Neben der einfachen Reduktion von Kohlendioxid muss es auch der Atmosphäre entnommen werden – im großen Stil. Dazu gehört vielleicht auch etwas Hightech, aber vor allem die Wiederaufforstung von Wäldern, Mooren, Mangroven etc.

C. Kurzfristige Maßnahmen

Neben der nun wirklich offensichtlichen Erkenntnis, dass Treibhausgase so schnell wie möglich reduziert werden müssen, schlägt das IPCC auch teils sehr konkrete Maßnahmen vor.

C. 1 Verstärkte internationale Zusammenarbeit, einschließlich eines verbesserten Zugangs zu angemessenen finanziellen Ressourcen, insbesondere für anfällige Regionen, Sektoren und Gruppen, sowie eine integrative Regierungsführung und koordinierte Politik. Die in diesem Jahrzehnt getroffenen Entscheidungen und durchgeführten Maßnahmen werden Auswirkungen haben und für Tausende von Jahren.“
Wow. Klingt nach großer Verantwortung? Gut so. Es wird nicht übertrieben.

C. 2 (…) Kurzfristige Maßnahmen beinhalten hohe Vorabinvestitionen und potenziell disruptive Veränderungen.“
Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um private und unternehmerische Investments in nachhaltige Technologiebereiche zu tätigen. Der größte Finanzmarktumbruch aller Zeiten steht bevor – von fossilen in postfossile Anlagewerte. Wer noch klassische Investments hat, die nicht der EU-Taxonomie standhalten, sollte sich eher beeilen.

C. 3 Die Priorisierung von Gerechtigkeit, Klimagerechtigkeit, sozialer Gerechtigkeit, Inklusion und gerechten Übergangsprozessen kann Anpassungs- und ehrgeizige Minderungsmaßnahmen sowie eine klimaresiliente Entwicklung ermöglichen.“
Da sind wir wieder beim Zusammenhang der drei Säulen der Nachhaltigkeit: der sozialen, ökologischen und ökonomischen Dimension. Ohne Gleichberechtigung, Integration und Inklusion wird das alles nix mit der friedlichen Zukunft.

C. 4 Klare Ziele, Koordination über mehrere Politikbereiche hinweg und integrative Governance-Prozesse erleichtern wirksame Klimamaßnahmen. Regulierungs- und Wirtschaftsinstrumente können tiefgreifende Emissionssenkungen und Klimaresilienz unterstützen, wenn sie breite Anwendung finden.“
Der Pfad in die regenerative Zukunft ist interdisziplinär und angemessen staatlich getrieben. Das schmeckt natürlich der neoliberalen Bewegung nicht so sehr, weshalb die Transformation auch über Jahrzehnte ausgebremst wurde. Das dürfte jetzt zu Ende sein.

C. 5 Finanzen, Technologie und internationale Zusammenarbeit sind entscheidende Voraussetzungen für einen beschleunigten Klimaschutz. Wenn die Klimaziele erreicht werden sollen, muss die Finanzierung von Anpassungs- und Minderungsmaßnahmen um ein Vielfaches erhöht werden. Es gibt genügend globales Kapital, um die globalen Investitionslücken zu schließen, aber es gibt Hindernisse für die Umlenkung von Kapital in Klimaschutzmaßnahmen (…).“
Es existiert also genug Geld auf der Welt, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Freundlicher Hinweis: Auf einem Sparkonto oder in brachliegenden Immobilien stiftet Geld keinen Mehrwert. Investitionen in Klimaschutz und ernstgemeinte Entwicklungshilfe werden sich hingegen amortisieren und oft auch rentieren.

Die Lösung der Klimakrise

Ich bin kein Anhänger der technophilen Fraktion der Trend- oder Zukunftsforschung, die alle Probleme durch Technologie lösen möchte. Sicher müssen wir gesellschaftlich und politisch auch viel verändern, doch ohne Technologien bekommen wir den gordischen Klimaknoten nicht durchschlagen. Allerdings braucht’s dazu keine außerordentlich innovativen Entwicklungen, sondern eine sinnvolle Kombination der vorhandenen Mittel sowie politischen Gestaltungswillen, der sich möglicherweise nicht innerhalb einer Legislatur auszahlt.
Im Grunde benötigen wir für die Lösung der Klimakrise lediglich drei einfache Schritte und sehr viel Startkapital. Das Schöne daran: Alle Bereiche würden profitieren. Die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Umwelt. Wenn im Sinne der Moonshot-Technik ein reicher Milliardär sich mit dem UN-Generalsekretär oder noch besser, allen Teilnehmenden des nächsten World Economic Forum, zusammentun würde, wäre das Ganze in einem Jahrzehnt machbar. Ein echter Green New Deal, sozusagen.

  1. Energieerzeugung: Technologisch haben wir alles, was wir brauchen, um die Menschheit für immer mit Elektrizität für Strom, Wärme, Kälte und die industrielle Produktion zu versorgen. Täglich erreicht unseren Planeten so viel Sonnenenergie, wie wir in 10.000 Jahren verbrauchen würden. Daher ist für mich glasklar: Photovoltaik-Paneele müssen auf jedes größere Dach, über jede Autobahn, jeden Parkplatz und Bahnhof – die Großgrundbesitzer wie die Deutsche Bahn oder die katholische Kirche könnten hier Schlüsselpartner in der Umsetzung sein. Hinzu kommen gigantische Solarpaneele im Orbit, die Sonnenenergie schon vor der Atmosphäre ernten und kabellos zur Erde senden. Schließlich könnte die Kernfusion in rund 20 Jahren kommerziell nutzbar sein, was bis dahin aber vielleicht hinfällig ist, wenn wir endlich die natürliche Energiequelle im Himmel anzapfen würden. Logischerweise gibt es dann auch eine Energieflatrate für alle. Imagine the possibilities!
  2. Energienetz: Ein globales Energienetz (engl. global grid) muss her. Sicher sind dabei auch eher zentrale Knotenpunkte auf allen Kontinenten für die Verteilung zuständig, das muss aber aus Gründen der Sicherheit und Planbarkeit auch so sein. Denn: Strom muss immer fließen. Technisch machbar ist es, langfristig auch rentabel. Ein entsprechender wissenschaftlicher Beitrag dazu wird nächstes Jahr im Sammelband „Regenerative Zukünfte und künstliche Intelligenz“ erscheinen.
  3. Energiespeicher: Wenn Energie im Überfluss erzeugt wird, brauchen wir sehr viele Stromspeicher. Jede Kommune, jeder Bahnhof, jede Wohnung wird in einigen Jahrzehnten einen eigenen Stromspeicher haben, um die Niedriglastzeiten auszugleichen oder als flexible Kapazitätserweiterung des Netzes dienen zu können. Und ja, dazu gehören auch Elektrofahrzeuge. Eine Jobbeschreibung der Zukunft wird sein, Elektrofahrzeuge durch die Landschaft zu fahren, um Energie zu verbrauchen.

    In der Folge hätten wir für mindestens ein Jahrzehnt keine Arbeitslosigkeit, einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung verbunden mit der Angleichung von Lebensstandards, eine endlos verfügbare Energieversorgung aus regenerativen Quellen und langfristig abgemilderte Klimawandeleffekte.

    „Ja, aber…“ das klingt utopisch? Wenn wir aus der Gegenwart denken, ist das sicher so. Woher sollen die Ressourcen kommen? Wer soll das planen? Was ist mit Staaten, die nicht mitmachen? Jede gute Idee kann mit einem „ja, aber“ zunichte gemacht werden.

    Wenn wir jedoch aus der Zukunft zurückdenken, von einer für alle Lebewesen lebenswerten Zukunft, erscheinen diese drei Schritte fast schon logisch. „Warum ist man darauf nicht früher gekommen?“, könnte mein Sohn mich im Jahr 2050 fragen. Er wird dann 27 Jahre alt sein und hoffentlich davon profitieren, was wir hier und heute aushecken. Ob er dann als Bauarbeiter, Ingenieur, Wartungstechniker oder Politiker das wohl größte Bauprojekt der Menschheit miterleben durfte, ist mir egal.

Fazit

Mein Sohn ist heute acht Wochen alt und ich wünsche mir, dass er im Jahr 2100 mit 77 Jahren glücklich und gesund dort lebt, wo er gern möchte, und nicht, wo er muss. Dasselbe wünsche ich mir für die anderen knapp neun Milliarden Menschen, die dann auf diesem Planeten leben. Es wäre traumhaft, wenn diese Menschen dankbar zurückblicken und anders als die heutige Generation sagt: Danke, dass ihr an uns gedacht habt.

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Geschlechtergleichheit

Geschlechtergleichheit ist vor allem Männersache

Eins meiner Lieblings-T-Shirts ist weiß und enthält einen prominent in schwarz gedruckten Text: „WE SHOULD ALL BE FEMINISTS“. Da man damit scheinbar wieder mehr Kontroversen auslöst als mit Sprüchen des antisemitischen US-Rappers Kanye, fühlte ich mich veranlasst, das Thema Gerechtigkeit für sogenannte Minderheiten eingehend zu beleuchten; von der Historie über die Gegenwart bis in die Zukunft.

Warum Geschlechtergleichheit?

Auf diese Einstiegsfrage möchte ich mit einer Gegenfrage antworten: Warum nicht? Diese Frage wird zu selten gestellt in der „woken“, „grünlinksversifften“ Filterblase, in der sich vermutlich nicht nur ich aufhalte, sondern auch die meisten, die das hier lesen.

Das Problem

Unabhängig von chauvinistischen und misogynen Äußerungen eines gesellschaftlichen Randes oder dem AfD-Programm ist Geschlechtergleichheit noch immer keine Selbstverständlichkeit. Wenn Sie diesen Text lesen, (er)leben Sie vielleicht längst das Gegenteil, weil Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit zukunftsoffen, tolerant und aufgeklärt sind. Das ist fabelhaft, schließlich sind es unsere gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systeme bis heute nicht. Daran ändert leider der Status Quo in einzelnen Familien oder Milieus wenig, zumindest nicht kurzfristig.

Unsere sozialen Systeme und Institutionen sind träge, was nicht immer schlecht sein muss. Man hat aus der Vergangenheit gelernt. Doch ein nennenswerter Anteil der Gesetze und Normen stammt aus einer weniger aufgeklärten, weniger globalisierten Zeit, in der es als gesellschaftlicher Konsens galt, dass

  1. eine Familie aus einem Mann (= Vater), seiner Frau (= Mutter) und deren Nachkommen besteht,
  2. der Mann arbeitet und die Frau sich um Haushalt, Kinder und andere Angehörige kümmert (unentgeltlich),
  3. der Mann die Familienentscheidungen trifft, Bankkonten verwaltet und Ausgaben verantwortet,
  4. Frauen keinen höheren Schulabschluss benötigen und erst recht kein Studium,
  5. Frauen, wenn überhaupt, überwiegend in Teilzeit arbeiten und natürlich weniger verdienen – und somit auch weniger Rentenansprüche haben,
  6. Frauen zwar de facto die Reproduktion der Gesellschaft sicherstellen, de jure aber nicht mehr als unmündige Arbeiterbienen sind.

Der Mann war im alten Rollenbild sozusagen der Vorstand der Familien-Firma, die Frau der operative Unterbau. Zugespitzt war der Mann der Kapitalist, dem alles gehörte, und die Frau stand für das Proletariat, kaum Rechte, aber viele Abhängigkeiten. Noch einfacher: Mann = Elite, Frau = Prekariat.

Über Jahrzehnte war es sogar gesetzlich verankert, dass der Mann Anspruch auf Sex, notfalls unter Anwendung von Gewalt, hat.

„Das Gesetz, das Vergewaltigungen in der Ehe zur Straftat machte, trat erst am 1. Juli 1997 in Kraft, vor nun 20 Jahren; im Bundestag angenommen mit 470 zu 138 Stimmen bei 35 Enthaltungen.“

(sueddeutsche.de (2017))

Eine der Gegenstimmen kam übrigens vom heutigen CDU-Bundesvorsitzenden Friedrich Merz (Quelle: Deutscher Bundestag, Plenarprotokoll 13/175). Gruselig.

Tiefgreifende Verankerung der strukturellen Diskriminierung

Die Gründe für die tiefgreifende Verankerung der strukturellen Diskriminierung liegen maßgeblich in der Wirtschaftsstruktur der Zeit zwischen der ersten und dritten Industrialisierung. Doch die hat sich schneller gewandelt als soziale und kulturelle Normen mithalten können. In einer christlich – über viele Jahrhunderte katholisch – geprägten Gesellschaft ist es bis heute keine Selbstverständlichkeit, dass die Rechte von Mädchen und Frauen denen von Jungs und Männern gleichgestellt sind. Leider hat den bibeltreuen Menschen kaum jemand erzählt, dass man Texte, die inzwischen teilweise über 2000 Jahre alt sind, durch den historischen Kontext gefiltert lesen muss. Was zu biblischen Zeiten noch richtig gewesen sein mag, ist heute oft natürlich kompletter Unsinn und muss reformiert werden. Ja, auch das, was zu Luthers Zeiten richtig war, hat sich überlebt.

Die eine Seite sind die Gesetze, die zunehmend durch Gleichberechtigung gekennzeichnet sind. Die andere, noch langsamere Seite sind kulturelle, informelle Normen, die oft mehrere Generationen benötigen, um sich an neue Gegebenheiten anzupassen. Ja, dazu gehört auch das „Gendern“ bzw. Gender Mainstreaming, also die sprachliche Berücksichtigung mehrerer als der generisch maskulinen Form. Aber ganz praktisch gesehen wird sich das Wertegefüge in einer Ehe, die seit 30 Jahren auf dem „alten“ Muster besteht und einigermaßen funktioniert, nicht über Nacht in eine gleichberechtigte Ehe wandeln. Und wenn diese Ehe auch Kinder hervorgebracht hat, sind diese Kinder mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die Wertmuster ihrer Eltern geprägt und reproduzieren potenziell eher das klassische Schema – insbesondere, wenn nicht über die Möglichkeiten einer gleichberechtigten Gesellschaft aufgeklärt wird oder wurde. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Gewalt gegen Frauen

Leider spiegelt allerdings auch die Kriminalitätsstatistik häuslicher Gewalt, die sich fast immer gegen die Frau richtet, wider, was wir in diesen Mustern sehen. Die sogenannte „partnerschaftliche Gewalt“ – ein absurd verharmlosender Begriff – hat sogar in den letzten Jahren wieder zugenommen: Zwischen 2017 und 2021 stieg sie um 3,4 Prozent, was einem Sprung von 138.893 (gemeldeten!) Taten in 2017 auf 143.604 in 2021 entsprach (Pressemeldung vom Bundesinnenministerium 24.11.2022, Statistiken des Bundeskriminalamts). Ob ein direkter Zusammenhang zwischen Gewalt in Partnerschaften und dem Widerspruch der Realität mit dem konservativen Wertefundament besteht, ist wissenschaftlich unklar. Ich bin davon überzeugt.

Umgekehrt liegt die Vermutung nahe, dass mehr Geschlechtergleichheit, bessere Aufklärung und mehr – auch durchgesetzte! – Gesetze zu einem Rückgang der Gewalt und strukturellen Diskriminierung beitragen könnten.

Schauen wir uns die Gegenseite an: Welche Vorteile bringt Geschlechtergleichheit?

Die Vorteile der Geschlechtergleichstellung

Vorweg: Kein Mädchen, keine Frau soll gezwungen werden, gegen ihren Willen höhere Bildungsabschlüsse anzustreben oder besser bezahlte Jobs auszuüben.

Aber: Jedes Mädchen, jede Frau soll die Möglichkeit haben, sich unabhängig von einem männlichen „Beschützer“ (Ehemann, Vater, sonstige Beziehung) eigenmächtig für ihren Bildungs- oder Karriereweg zu entscheiden. Das gilt selbstverständlich auch für alle Menschen nicht-binären Geschlechts und alle sexuellen Orientierungen, zusammengefasst im Akronym LGBTQIA*. Zumindest müsste man so argumentieren, wenn man seinen Wertekodex nach Aufkommen der Aufklärung ab dem Jahr 1700 basierend auf humanistischen Werten definiert.

Denn das ethische Fundament wurde mit dem Humanismus gelegt und spätestens seit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 international kodifiziert. In Artikel 1 heißt es:

„Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.“

Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen, 1948

Und warum wurde das ausgerechnet nach dem Zweiten Weltkrieg in dieser Form festgehalten? Weil man zur damaligen Zeitenwende auch die Lehren aus der Vergangenheit zog, Platz für die freiheitlich demokratische Grundordnung und freie Märkte machen sollte. Zu der Zeit war absehbar, dass die zweite industrielle Revolution global an Fahrt gewann und die dritte, der Computer, bereits langsam begonnen hatte. In der Vorstellung der Vereinten Nationen existierten schon damals die Zukunftsbilder einer zunehmend mit Computern vernetzten und globalen Arbeitswelt, in der Wertschöpfungsketten sich über mehrere Kontinente erstreckten, in der die Arbeitskraft einzelner Unternehmen notwendigerweise zu einer globalen Verteilung führen musste.

Die Trümmerfrauen sollten kommen, um zu bleiben

Dieser „great leap forward“ basierte auf dem „New Deal“ zum Wiederaufbau des zerstörten Europas und Teilen Russlands. Darin erkannte man auch ganz pragmatisch, dass für diese Mammutaufgabe(n) viel Arbeitskraft benötigen wird; auch weibliche, denn viele Männer waren nie aus dem Krieg zurückgekehrt. Vermehrt stellte man fest, dass die althergebrachten Erzählungen über das „schwache Geschlecht“ nicht mehr als Unterdrückungsgeschichten einer männlichen Wirtschafts-, Kirchen- und Adelselite waren – dennoch waren besonders hierzulande die Regierungen und die Justiz konservativ geprägt und maßgeblich durch rehabilitierte Nazis durchsetzt. Dennoch erlebte der Feminismus des 19. Jahrhunderts eine Renaissance und gipfelte in den 1960er Jahren in weltweiten Protesten für Gleichberechtigung und (sexuelle) Selbstbestimmung.

Heute wissen wir in unserer aufgeklärten Filterblase, die von Rechtsextremen und Populisten gern als „grünlinksversifft“ abgewertet wird, dass mehr Freiheiten für das weibliche Geschlecht zu einem gesamtgesellschaftlichen Gewinn führen. Die einzigen Verlierer sind diejenigen, die sich gegen den Wandel wehren und den Mädchen und Frauen offensichtlich veraltete Rollenbilder vorschreiben möchten, weil sie sich in ihrer toxischen Männlichkeit bedroht fühlen.

Die volkswirtschaftlichen Vorteile von Geschlechtergerechtigkeit liegen auf der Hand. Je mehr Menschen einen Zugang zu Arbeitsplätzen haben, weil sie ohne Diskriminierung eine zeitgemäße Schul- und Ausbildung oder ein Studium absolvieren können, desto besser ist das für Arbeitgeber und den Fiskus.

Der Fakt, über welches Organ ich Urin ausscheide, ob ich gebärfähig bin, mit wem ich am liebsten mein Bett teile, darf keine Rolle im Bildungswesen oder Arbeitsmarkt spielen.

Erste Ergebnisse und Trendverstärker

Es mangelt ja auch nicht an Vorbildern, die „es“ trotz der starren Institutionen geschafft haben. Inzwischen hatten wir in Deutschland eine weibliche Bundeskanzlerin, mehrere Bundestagspräsidentinnen, einige Spitzenwissenschaftlerinnen prägen seit Jahrzehnten die Forschungslandschaft (wobei der Anteil der weiblichen Nobelpreisträgerinnen nach wie vor unterirdisch ist). Seit 2015 gilt das Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst, infolgedessen der Frauenanteil in Vorständen der 100 größten Unternehmen von 0,2 Prozent im Jahr 2006 auf immerhin 16,4 Prozent im Jahr 2021 anstieg (Quelle: Statista).

Inzwischen trat 2021 das Zweite Führungspositionengesetz in Kraft, welches öffentliche Unternehmen und große Privatunternehmen dazu verpflichtet, eine Nullquote von Frauen zu begründen. Die Auswirkungen sind noch nicht messbar, jedoch ist zu erwarten, dass daraufhin der Frauenanteil in Führungspositionen weiter steigen dürfte. Studierende sind knapp zur Hälfte weiblich, jedoch ist nur etwa ein Viertel der Professorenschaft dann auch weiblich besetzt. Etwas mehr als ein Drittel der Bundestagsabgeordneten sind Frauen. Etwas mehr als ein Drittel der Unternehmensgründungen machen Frauen. Das fadenscheinige Argument, Frauen seien nicht in der Lage oder hätten keine Ambitionen, komplexe Ämter oder Berufe auszuführen, ist damit rein faktisch widerlegt.

In den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (SDG) steht das SDG 5: Geschlechtergleichheit für die Gleichstellung von Mädchen und Frauen. Es umfasst fünf Unterziele, insgesamt 14 Indikatoren (s. SDG-Indikatoren.de), anhand derer regelmäßig für die meisten Staaten weltweit Daten erhoben und im besten Fall der Fortschritt zu mehr Geschlechtergleichheit dokumentiert wird. Vorsichtig gesagt ist in den meisten Staaten der Welt ein positiver Trend erkennbar – mit den üblichen Ausnahmen und teils herben Rückschlägen.

Eine Studie des Bundesfamilienministeriums kam bereits 2011 zu dem Ergebnis, dass Frauen in Führungspositionen zu signifikant besseren Ergebnissen in Unternehmen beitragen (Quelle: BMFSFJ). Die internationale Arbeitsorganisation (ILO) fand 2019 nach der Befragung von 12.000 Unternehmen aus 70 Ländern heraus: „Ein höherer Anteil von Frauen in Führungspositionen verbessert die Unternehmensperformance und erhöht die Attraktivität als Arbeitgeber“ (Quelle: ILO). Und sogar die konservative Zeitung WELT titelte 2018: „Der Frauen-Effekt sorgt für signifikant bessere Ergebnisse“.

Wieso diskutieren wir dann immer noch über eine Quote?

Warum Frauenquote?

Der deutsche Gesetzgeber hat sich vor inzwischen acht Jahren klar positioniert und viele börsennotierte Unternehmen sowie „der Mittelstand“ haben den Pfad eingeschlagen. Dennoch sind die Zahlen immer noch ernüchternd oder, flapsig ausgedrückt: Da geht noch was.

Eine Quote soll in keinem Fall einen gleichrangig oder besser qualifizierten Mann vor die Tür setzen. Genauso wenig hat jemals jemand eine Pflicht zum Gender Mainstreaming in ganz Deutschland gefordert – aber verboten, was ich übrigens nicht nur inhaltlich falsch, sondern in Erinnerung an die Sprachgesetze der NS-Zeit grauenhaft finde. Und ja, ich bin auch einer derjenigen, die überzeugt sind, dass der Zusammenhang zwischen Sprache und Gesellschaft in beide Richtungen verläuft, weshalb ich in meinen Texten auch trotz Verbots in Sachsen

weiter gendern werde – nicht einheitlich und nicht dogmatisch, sondern um den Diskurs aufrechtzuerhalten. Sprache ist immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse; und solange es nicht beispielsweise normal ist, dass man das generische Femininum verwendet und die Männer auch mitgemeint sind, läuft etwas schief. Wie wär’s mit einem Jahrhundert des generischen Femininums?

Die oftmals aggressiven Äußerungen in „social“ Media sind ein offensichtlicher Beleg dafür, dass ein Teil der Gesellschaft noch nicht bereit ist, sich auf die veränderte Ausgangssituation einzulassen, dass Mädchen und Frauen dieselben Rechte und Ansprüche haben wie Jungs und Männer. Nein, lieber Hartmut, nicht mehr. Genauso viele. Dass man das überhaupt noch diskutieren muss, macht mich manchmal ratlos.

Bis also auch der liebe Hartmut* verstanden hat, dass eine weibliche Führungskraft genauso kompetent (oder inkompetent!) sein kann wie sein männlicher Boss, dass seine Ehefrau und Tochter genauso frei in der Wahl ihres Berufs, ihres Partners oder ihrer Partner:innen ist, dass sie über sämtliche Freiheiten verfügen können sollen, wie die allseits beschworenen „alten, weißen Männer“, werde ich weiterhin gendern. Danach können wir das meinetwegen auch wieder lassen.

*sorry an alle aufgeklärten Hartmuts, ist nichts Persönliches!

Fazit: Aufruf an die Männer

„Die Zukunft ist weiblich“, steht immer wieder auf Transparenten. Dann gibt es noch jene, auf denen die Zukunft als queer festgelegt wird. Aus Zukunftsforschersicht ist beides falsch. Eher richtig: In Zukunft spielt das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung genauso wenig eine Rolle wie die Augenfarbe. Sie ist vorhanden, entscheidet aber nicht über meine Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe.

Da wir davon aber noch weit entfernt sind, bin ich überzeugt: Geschlechtergleichheit ist vor allem Männersache. Noch immer sitzen „wir“ in Führungspositionen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft (inkl. Kirche) und Forschung. Noch immer entscheiden „wir“ einen Großteil der Personalbelange oder darüber, welche strategischen Investitionen zu tätigen sind. Und damit haben wir eine große Verantwortung und auch Chance, um zu einer insgesamt gerechteren Welt beizutragen.

Zwei Initiativen möchte ich explizit erwähnen:

  1. In Episode #104 meines Podcasts „Im Hier und Morgen“ (VÖ: 3. August 2023) erklärt Heike Leise, Top-Führungskraft und Vorstandsmitglied bei FidAR e. V. (Frauen in die Aufsichtsräte), die Vorzüge von mehr Diversität in Teams und auch großen Unternehmen. Sie nennt dabei viele Statistiken, die Aufschluss über den Ernst der Lage geben.
  2. Leuchtturm-Papas von Jörg Stephan helfen Führungskräften und Teams dabei, mehr Geschlechtergleichheit und Diversität umzusetzen – dazu gehört auch Eltern- oder Teilzeit für Väter. Er war auch im Podcast zu Gast, genauer in Episode #096 (Apple, Spotify, Youtube), und erklärt, warum die „Untervaterung“ der schlimmste Gegner der Geschlechtergleichheit ist.

Ausschnitt Foto von Presidencia de la República Mexicana


Grafik Triple Bottom Line Nachhaltigkeit

Ohne Nachhaltigkeit geht die Welt bald unter

Ohne Nachhaltigkeit geht die Welt bald unter. Soweit die sehr verkürzte Zusammenfassung der aktuellen Debatten rund um den Klimawandel, Klimakrise oder Klimakatastrophe – abhängig von Medium und Organisation. Dass Nachhaltigkeit sehr viel mehr als Umweltschutz umfasst, wird sehr schnell deutlich, wenn man sich eingehend mit verschiedenen Konzepten befasst. In diesem Beitrag gebe ich einen Überblick über die drei wichtigsten Dimensionen der Nachhaltigkeitsdebatte: die ökologische, die soziale und die ökonomische, auch bekannt als Triple Bottom Line oder Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit.

Eine ganz kurze Geschichte der Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist kein Trend. Trends zeichnen sich durch eine kurze Lebensdauer aus, sie tauchen kurzfristig und in der Regel nur in einer oder wenigen gesellschaftlichen Sektoren auf – so wie Trendfarben in der Mode oder Geschmacksrichtungen bei Limonaden. Nachhaltigkeit wiederum wurde erstmals bereits im Jahr 1713 vom sächsischen Forstwirt Hans Carl von Carlowitz beschrieben: In seinem epochalen Werk „Sylvicultura oeconomica“ (1713, Neuauflage 2022) beschrieb er bereits die Grundlagen einer „nachhaltenden“ Wirtschaft. Richtig, mehr als ein halbes Jahrhundert vor Beginn der Industrialisierung. Es war also bereits bekannt, welche Auswirkungen menschliches Handeln, insbesondere durch das Abholzen und Verbrennen von Holz, auf die natürliche Umwelt hat.

Diese fundamentale Erkenntnis, dass die ökologischen Ressourcen nicht – wie vorher gedacht – endlos seien, wurden einerseits in den folgenden Jahrhunderten und zum Teil bis heute vielfach ignoriert, andererseits wuchs die wissenschaftliche Evidenz über die Thesen von Carlowitz‘. Sie gipfelten vorerst in der ersten interdisziplinären und computermodellierten Studie über „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972 im Auftrag des Club of Rome, geschrieben von Donella und Dennis Meadows. Infolge dieser Veröffentlichung entstanden weltweit erste „grüne“ Parteien, das Thema Umweltschutz und Klimawandel gelang erstmals auf die politische Agenda, angesichts der damaligen Ozonproblematik kam es relativ schnell zu strikter, teils global koordinierter Umweltgesetzgebung, wie u. a. das globale Verbot von Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) in technischen Geräten eindrucksvoll zeigte. Diverse globale Klimakonferenzen brachten (fast) alle Staaten der Welt immer wieder zusammen, um Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels zu beschließen.

Somit ist Nachhaltigkeit sogar zu groß für einen Megatrend. Es handelt sich dabei eher um einen Gigatrend, der uns nie wieder loslassen wird. Wie wir nachhaltiger leben und wirtschaften können, schauen wir uns jetzt konzeptionell an.

Die Triple Bottom Line / Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit

Mehrere Konzepte der Nachhaltigkeit kommen zu einem ähnlichen Schluss: Es genügt nicht, Umweltschutz voranzubringen, um das Klima zu schützen oder die Erderwärmung aufzuhalten. Um staatliche Ausgaben in den Naturschutz zu rechtfertigen oder unternehmerische Anreize für nachhaltigere Produktion zu setzen, braucht es auch ein Bewusstsein der Menschen für die Notwendigkeit des Umdenkens. Nun sind aber nicht alle Menschen mit derselben Bildung, demselben ethischen Grundgerüst oder einer hinreichenden wirtschaftlichen Situation ausgestattet. Wie sagte Berthold Brecht so passend sinngemäß: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Oder: Erst kommt der Neuwagen, dann die Nachhaltigkeit.

Offensichtlich hat Nachhaltigkeit erstens mehr als eine Dimension – dazu kommen wir noch – und zweitens sind diese Dimensionen miteinander verbunden und verstärken sich drittens zum Teil sogar wechselseitig. Wird es dauerhaft deutlich wärmer auf der Erde, werden einige Regionen unbewohnbar, was zu sozialen und ökonomischen Krisen führen wird. Oder: Ohne grundlegenden Zugang zu demokratischen Institutionen oder das Recht auf freie Meinungsäußerung wird es äußerst schwer, soziale Nachhaltigkeitsziele wie Gleichberechtigung der Geschlechter oder bessere Bildungschancen sowie Teilhabe zum öffentlichen Leben für alle Menschen zu erreichen.

Viele der Nachhaltigkeitsziele wurden in den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung (engl. sustainable development goals, SDG) formuliert, die wiederum aus den Millennium Goals hervorgingen. Sie sind nicht perfekt, sie beinhalten einige neokoloniale Perspektiven, doch sie sind das beste und globalste, was uns aktuell zur Verfügung steht. Die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele sowie deren Unterziele, diverse Veröffentlichungen und Fortschritte werden von den Vereinten Nationen online gepflegt. In diesem Beitrag soll es aber um die unterschiedlichen Dimensionen gehen. Das statistische Bundesamt pflegt auf einer eigenen SDG-Website die Indikatoren für Deutschland.

Im Schaubild des Stockholm Resilience Center der Stockholmer Universität sehen wir eine (!) Aufteilung der 17 SDG in mehrere Dimensionen, die aufeinander aufbauen. Das Fundament für sämtliche menschliche Aktivitäten bildet die Ökologie bzw. Biosphäre. Darauf basiert die Gesellschaft (society), darauf wiederum die Wirtschaft (economy) und schließlich schwebt über allem die Vernetzung verschiedener Institutionen.

Ökologische Dimension der Nachhaltigkeit

Hierzu werden die SDGs 6, 13, 14 und 15 eingeordnet, also:

Es liegt fast auf der Hand, dass diese Ziele allein nicht ohne Unterziele erreicht werden können. Die Links in der Liste führen Sie direkt zu den Unterzielen und genaueren Beschreibungen. Klar ist: Ohne Fortschritte in diesen zahlreichen Unterzielen wird die Biodiversität, also die Anzahl und Komplexität der pflanzlichen und tierischen Arten auf dem Planeten, weiter massiv sinken – mit gravierenden Folgen auch für die Menschheit.

Soziale Dimensionen der Nachhaltigkeit

Hierzu zählen die Ziele 1-5, 7, 11 und 16, also:

Diese Liste der gesellschaftlichen Faktoren der Nachhaltigkeit verleiht ein Gefühl dafür, wie umfangreich die Herausforderungen für Politik und Zivilgesellschaft sind. In den meisten europäischen Staaten ist der Status Quo bereits vergleichsweise fortgeschritten; sicherlich gibt es berechtigte Kritik am Zustand jedes einzelnen Faktors und wie politische Entscheidungen die Entwicklung einzelner Faktoren langfristig möglicherweise sogar gefährden könnten. Einig sind sich jedoch viele Wissenschaftler:innen, dass ein solides Fundament in diesen Zielen auf Ebene der Gesellschaft eine Bedingung dafür ist, um wahre Nachhaltigkeit erreichen zu können. Keine leichte Übung. Und einer der Gründe, warum es mehr Aufklärung über diese miteinander verwobenen Themengebiete geben muss.

Ökonomische Dimension der Nachhaltigkeit

Ohne Wirtschaft keine Nachhaltigkeit – doch dann bitte richtig. Zur ökonomischen Dimension zählen die Ziele 8-10 und 12, also:

Spätestens an diesem Punkt wird ersichtlich, dass es eine Frage der Perspektive ist, was „menschenwürdig“ bedeutet – beispielsweise ist die von der Weltbank definierte Armutsgrenze von 1,90 US-Dollar am Tag durchaus umstritten. Auch der Begriff „nachhaltiger Konsum“ ist schwierig zu fassen, da letztlich jeder Konsum den Bedarf von Ressourcen und Energie mit sich bringt, was genau genommen nur in geschlossenen Kreisläufen (Stichworte Kreislaufwirtschaft oder cradle-to-cradle) wirklich „nachhaltig“ sein kann. Davon sind wir jedoch noch weit entfernt. Doch das hier ist ja ein Zukunfts-Blog 😉

Über diesen drei Kerndimensionen schwebt letztlich das SDG 17: Partnerschaften zur Erreichung der Ziele. Spätestens nach der Operationalisierung in Ziele, Unterziele und Messindikatoren wird nämlich deutlich, dass all dies nicht durch einzelne Organisationen oder Regierungen erreicht werden kann. Stattdessen ist ein beispielloser Kraftakt notwendig, um das angesammelte Wissen über die diversen Nachhaltigkeitsbereiche aus unterschiedlichsten Forschungsgebieten und Regionen zu dokumentieren, zusammenzufassen, in die politischen Gremien unter Beteiligung der Zivilgesellschaft einzubringen und die Fortschritte auf dem Weg in die Zukunft zu begleiten.

Fazit

Die Triple Bottom Line bzw. Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit ist – wie jedes Modell – nicht perfekt, sondern immer im jeweiligen Kontext zu betrachten. Ein wesentlicher Nutzen ist die Erhöhung der Sichtbarkeit von Komplexität der Nachhaltigkeit. Ein wesentlicher Nachteil ist, dass die unterschiedlichen Denkrahmen und unterschiedliche ethische Schwerpunkte darin keinen Platz finden. Somit bleiben die Nachhaltigkeitsziele im Stadium eines zahnlosen Tigers verharren, da sie nicht bindend sind; das wiederum führt nicht nur mich zur eher nüchternen Einschätzung, dass die Zielmarke zur Erreichung der SDG für das Jahr 2030 nahezu unmöglich ist, zumal kulturelle Aspekte in der Regel eine zu geringe Rolle bei solchen Zielen spielen – in der Realität aber nicht vernachlässigt werden sollten.

Unterm Strich werbe ich jedoch dafür, wenigstens gut gebildeten Menschen die Zusammenhänge der drei Dimensionen von Nachhaltigkeit immer wieder zu zeigen. Denn letztlich hängt, so der eindeutige Konsens in Zukunfts- und Klimafolgenforschung, das Wohlbefinden und die Stabilität der menschlichen Zivilisation direkt vom Gelingen von Nachhaltigkeit ab. Insofern lade ich Sie herzlich dazu ein, diesen Beitrag mit Ihrer Filterblase zu teilen – und, falls noch nicht geschehen, tragen Sie sich gern für den Newsletter ein. Dort wird es nächstes Jahr eine Reihe aufregender Neuigkeiten in diesem Themenkomplex geben!


Die virtuellen Realitäten der Zukunft: Spielerei oder revolutionärer Durchbruch?

Morgen wird Apple sein Mixed Reality Headset vorgestellt haben. Die Tech-Welt blickt gespannt nach Cupertino, wo der scheidende Apple-CEO Tim Cook heute (5.6.23 um 19 Uhr deutscher Ortszeit) die freudig erwartete Apple Keynote genutzt haben wird, um unter anderem das eigene VR-/AR-Headset zu präsentieren – neben anderen Neuerungen wie dem neuen Prozessor, Updates im iOS und watchOS. Gelingt ihm damit sein eigener Iphone-Moment? Willkommen zu den virtuellen Realitäten der Zukunft.

Der Tanz der Illusionen

Während heute Abend Apple sein neues Mixed-Reality-Headset präsentiert, stellt sich die Frage, ob diese Technologie nur ein teurer Zeitvertreib für Privatpersonen ist oder ob sie tatsächlich das Potenzial hat, die Art und Weise, wie wir arbeiten und interagieren, revolutionär zu verändern. In diesem Beitrag möchte ich meine Überzeugung teilen, dass virtuelle Realitäten für den privaten Gebrauch ungeeignet sein mögen, aber im professionellen Einsatz, insbesondere im Service-Bereich, von unschätzbarem Wert sein können.

Virtuelle Realitäten sind wie der Tanz der Illusionen. Sie versprechen uns ein Eintauchen in andere Welten, sei es auf ferne Planeten, in historische Epochen oder in fantastische Abenteuer. Doch hinter der Fassade der Unterhaltung verbirgt sich eine Technologie, die weitreichende Auswirkungen auf die Art und Weise haben kann, wie wir arbeiten und Dienstleistungen erbringen.

Privates Vergnügen oder professionelle Wunderwaffe?

Für private Zwecke sind virtuelle Realitäten meiner festen Überzeugung nach aktuell noch ungeeignet. Klar, es macht Spaß, in eine virtuelle Welt einzutauchen und für eine Weile dem Alltag zu entfliehen. Aber mal ehrlich, wer von uns hat wirklich Zeit, Geld und Nackenmuskulatur im Überfluss, um stundenlang mit einem teuren Headset auf dem Kopf in einer simulierten Realität herumzustolzieren? Die meisten von uns haben noch reale Aufgaben zu erledigen und echte Verantwortungen zu tragen. Schließlich ist die digitale/virtuelle Infrastruktur noch sehr rudimentär, wenn man sich eins der Hobby-Metaversen (z. B. Decentraland, Sandbox oder das wohl teuerste Projekt von Facebook-Mutter Meta, Horizon Worlds) mal genauer ansieht. Die Preise für VR-Headsets werden sinken, klar, doch das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: Unsere Gesellschaft – inklusive Kultur, Normen und Werte, Anforderungen an Erwerbsarbeit, etc. – verhindert für den Großteil der Menschen nennenswerte Schnittpunkte und Mehrwerte.

Doch schauen wir über den Horizont des Privatvergnügens hinaus und stattdessen auf den professionellen Einsatz. Hier eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten.  Wahnsinnig viele Investments wurden bereits getätigt, nicht zuletzt ausgelöst durch die Consumer Electronics Show 2022 (CES), bei der das Metaverse als einer der wichtigsten Zukunftstrends gefeiert wurde. Darüber hinaus kennt inzwischen wohl jede:r inzwischen Guccis Metaverse-Siegeszug, selbst die Deutsche Bank + Dekabank haben Filialen im Metaverse.

Insbesondere im technischen Service-Bereich kann der Einsatz von virtuellen oder gemischten Realitäten allerdings einen wahren Quantensprung bedeuten. Techniker:innen der Zukunft können mithilfe eines AR-Headsets komplexe Wartungsarbeiten an Maschinen durchführen und dabei von einer intelligenten Maschine unterstützt werden, die in Echtzeit Feedback gibt. Dadurch wird der Mensch zum Superheld, der mit technologischer Unterstützung die Welt der Reparaturen revolutioniert – und zwar lange bevor eine Maschine wirklich ausfällt.

Wichtiger Aspekt aus Arbeitgeberperspektive: Der Mensch, der mithilfe eines solchen Headsets Wartungsarbeiten ausführt, braucht eine ganz andere, viel weniger aufwendige Ausbildung als die heutige, mehrfach zertifizierte Technikerin mit Berufserfahrung.

Der Fachkräftemangel ruft nach virtuellen Helden

In Zeiten des Fachkräftemangels sind innovative Lösungen gefragt. Allein im Maschinenbau geben 29 Prozent der Unternehmen an, dass ihre Produktion angesichts fehlender Fachkräfte beeinträchtigt wird (Quelle: VDMA). Virtuelle Realitäten können dabei helfen, das Wissen und die Fähigkeiten von Fachkräften zu erweitern und zu ergänzen. Durch Simulationen und virtuelle Schulungen können neue Beschäftigte schneller qualifiziert werden und erfahrene Kräfte ihre Fähigkeiten auf dem neuesten Stand halten. Die virtuelle Welt wird zum Trainingsgelände für die Held:innen des Service-Bereichs, die mit ihren AR-Headsets ausgestattet die komplexesten Herausforderungen meistern.

Doch Vorsicht ist geboten: Natürlich gibt es auch Schattenseiten und Bedenken, die nicht ignoriert werden dürfen.

Der Einsatz von virtuellen Realitäten im professionellen Bereich bringt zweifellos Herausforderungen mit sich. Die erste Frage für Unternehmen ist natürlich: Lohnt sich die Entwicklung? Entwickle ich es selbst oder kaufe ich Lösungen ein? Gibt es überhaupt schon Standards und können oder wollen meine (zukünftigen) Arbeitskräfte VR/AR/MR einsetzen?

Datenschutz und Sicherheit sind weitere Bedenken, die wir berücksichtigen müssen. Wenn wir virtuelle Welten betreten, öffnen wir Türen zu einer neuen Dimension, die von Algorithmen und Daten durchdrungen ist. Es besteht die Gefahr, dass persönliche Informationen und geistiges Eigentum missbraucht oder Manipulationen vorgenommen werden. Wir müssen daher strenge Richtlinien und Sicherheitsmaßnahmen einführen, um den Schutz der Nutzer und Patentinhaber zu gewährleisten. Es muss wohl nicht erwähnt werden, dass unsere staatlichen Einrichtungen aus Sicherheit und Justiz noch nicht wirklich darauf vorbereitet sind.

Darüber hinaus stellt sich die Frage nach der Menschlichkeit und dem sozialen Zusammenhalt in einer virtuellen Welt. Wenn wir unsere physische Präsenz durch virtuelle Avatare ersetzen, besteht die Gefahr, dass wir den persönlichen Kontakt und das zwischenmenschliche Miteinander vernachlässigen. Wir dürfen nicht vergessen, dass echte Beziehungen und menschliche Interaktionen die Grundlage unserer Gesellschaft bilden. Virtuelle Realitäten sollten uns nicht von der realen Welt entfremden, sondern sie unterstützen und bereichern – schon allein, indem sie uns körperlich anstrengende und/oder repetitive Aufgaben abnehmen.

Ausblick auf virtuelle Service-Welten

Werfen wir einen Blick in die Zukunft der virtuellen Realitäten im Service-Bereich.

Stellt euch vor, wir haben eine hochentwickelte B2B-Plattform, auf der Unternehmen und Service-Techniker:innen ihre Dienstleistungen anbieten können. Außerdem können smarte Maschinen Wartungsaufträge ausschreiben. Eine Technikerin, ausgestattet mit einem AR-Headset, nimmt einen Job an und wird in manchen Fällen sicherlich noch zur physischen Maschine, eine Rolltreppe oder einen Gabelstapler, fahren; in anderen Fällen geht das auch ohne örtliche Präsenz. Außerdem betritt unsere Technikerin die virtuelle Welt und wird dort von einer intelligenten Maschine begleitet, die alle Aktionen überwacht und bewertet, auch Warnungen anzeigt. Feedback aus aller Welt kann von Expert:innen eingeholt werden. Dank Computer Vision erkennt die Brille selbst, was der Mensch sieht, und kann jederzeit hilfreiche Ratschläge geben.

Mit jeder erfolgreichen und schnellen Wartung oder Reparatur steigt die Reputation der Technikerin auf der Plattform. Unternehmen können auf diese Weise die Fähigkeiten und Kompetenzen von Technikern objektiv bewerten und die besten Kräfte für ihre Aufgaben auswählen. Noch ein paar Jahre weitergedacht wird die Maschine alle Aufträge – natürlich lange vor dem Verschleiß eines Teils – autonom an menschliche Servicekräfte vergeben. Einige dieser Techniker werden mit Sicherheit für mehrere Arbeitgeber tätig sein, weil es sich lohnt und keine umfangreiche Schulung für jedes einzelne Thema nötig ist, sondern ausschließlich ein grundsätzlich technisches Verständnis.

Fazit

Die virtuellen Realitäten der Zukunft sind mehr als nur Spielerei. Sie haben das Potenzial, die Art und Weise, wie wir arbeiten und interagieren, zu revolutionieren. Während sie für private Zwecke möglicherweise ungeeignet erscheinen, können sie im professionellen Einsatz im Service-Bereich Gold wert sein. Ob virtuelle Bankfiliale, branchenübergreifend Fortbildungen, AR-Anleitungen für Bauarbeiter (m/w/d) oder punktuelle Upgrades für menschliche Servicekräfte im Wartungsbereich – ich kann mir für kaum ein Unternehmen keinen sinnvollen Anwendungsfall vorstellen.

Der Fachkräftemangel und die Notwendigkeit, effizientere Lösungen zu finden, erfordern innovative Ansätze. Virtuelle Realitäten können uns helfen, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern, indem sie unsere Fähigkeiten erweitern und neue Möglichkeiten eröffnen. Doch dabei dürfen wir nicht die Menschlichkeit und den Schutz der Privatsphäre vernachlässigen. Es liegt in unserer Verantwortung, die virtuellen Realitäten sorgfältig zu gestalten und sie als Werkzeug zur Verbesserung unserer Gesellschaft einzusetzen. Die virtuellen Service-Welten warten auf uns – lassen Sie uns die Zukunft gemeinsam gestalten!

Foto von My name is Yanick auf Unsplash
Text with a little help from ChatGPT (gesamter Chatverlauf unter dem Link ersichtlich)


Futuralgie statt Nostalgie

Warum gibt es eigentlich keinen Begriff für die Sehnsucht nach einer besseren Zukunft? Nostalgie und sogar Ostalgie sind doch weit verbreitet! Mein Plädoyer für mehr Zukunftssehnsucht, oder: Futuralgie.

Plädoyer gegen Nostalgie und Ostalgie

Was genau bedeutet eigentlich Nostalgie? Laut Duden.de ist die Bedeutung wie folgt:

... vom Unbehagen an der Gegenwart ausgelöste, von unbestimmter Sehnsucht erfüllte Gestimmtheit, die sich in der Rückwendung zu einer vergangenen, in der Vorstellung verklärten Zeit äußert, deren Mode, Kunst, Musik o. Ä. man wieder belebt.

Duden.de über Nostalgie, 12.04.2023

Das heißt in anderen Worten: Wer mit der aktuellen Situation unzufrieden ist, flieht gedanklich in die Vergangenheit. Man schwelgt in Erinnerung, oft sogar in einer falschen. Allzu viele Menschen oder deren Umfeld leiden am Rückschaufehler (hindsight bias). Demnach neigen wir manchmal dazu, die Vergangenheit zu glorifizieren, à la: "Es war ja auch nicht alles schlecht damals!" - die Musik war besser, man hatte mehr Spaß und die Jugend ist heute sowieso total verdorben.

Der Haken an Nostalgie: Sie kann krank machen. Denn schließlich wird die Vergangenheit nie zurückkehren. Wer sich eine komplexe Situation wie eine vergangene Staatsform zurückwünscht, wird unweigerlich enttäuscht werden. Wer Geschichtsbücher studiert, weiß, dass auch viele "Revolutionen", die die Wiederherstellung eines vorherigen Status Quo (ex ante) zum Ziel hatten, unter anderem daran scheiterten, dass dies natürlich nicht möglich war. Das Rad der Zeit hatte sich schon weitergedreht, die Einstellungen in den Köpfen der Menschen und die Regeln in den Institutionen waren bereits andere. Ein nennenswerter Anteil der psychischen Krankheiten in strukturschwachen Regionen lässt sich mittelbar mit Nostalgie (oder Ostalgie) erklären, wäre meine steile These an dieser Stelle.

Der noch größere Haken: Logischer Weise können wir nur künstlerische Artefakte wie Musik oder Kunst aus der Vergangenheit konsumieren. Darüber hinaus sind unsere Erinnerungen eng an unsere sinnliche Erfahrung der Vergangenheit gekoppelt, dazu kommen noch Gerüche und taktile Reize, welche wiederum (noch) schwieriger codierbar sind. Aus dieser Verzahnung vergangener Kunst - ein bestimmter Song, den man zur Hochzeit gehört hat, ein Gemälde, welches man mit dem verstorbenen besten Freund bestaunte - wird dann die Fehlannahme, dass "damals alles besser war".

Ein Einfalltor für Populismus und autoritäre Ideologie, siehe Reichsbürger.

Plädoyer für Futuralgie

Deshalb habe ich mir überlegt, warum wir nicht eine Futuralgie bestärken können. Noch gibt es das Wort nicht, aber das möchte ich mit diesem Beitrag ändern oder zumindest anregen. Sharing is caring!

Zur Klarstellung: Die Zukunft existiert nicht. Höchstens im Plural als mögliche Zukünfte, deren Eintrittswahrscheinlichkeit stark davon abhängt, wie viele Menschen an ihrer Erfüllung arbeiten. Deshalb halte ich es auch für wesentlich, optimistische Zukunftsbilder in die Köpfe der Menschen zu bringen als Gegenpol gängiger Weltuntergangsszenarien und Verzichts-Narrative.

Der Haken: Futuralgie kann immer nur funktionieren, wenn Darstellungen möglicher Zukünfte nicht bloß existieren, sondern diese Vorstellungen auch geteilt, diskutiert, kritisiert und in einen zukünftigen Wertekanon integriert werden - so wie historische Kunst eben. Einen Konsens wird es nicht geben, aber vielleicht einige, potenziell miteinander harmonierende Zukunftsbilder in einzelnen Weltbereichen. Außerdem sollten die Zukunftsbilder möglichst nicht ideologisch aufgeladen sein wie Parteiprogramme.

Laut Duden.de ist die sprachliche Herkunft von "Nostalgie"

neulateinisch nostalgia = Heimweh, zu griechisch nóstos = Rückkehr (in die Heimat) und álgos = Schmerz; die heutige Bedeutung wohl beeinflusst von gleichbedeutend englisch nostalgia

Duden.de über Nostalgie, 12.04.2023

Nostalgie ist also der Schmerz in der Gegenwart und die gedankliche und emotionale Flucht in nicht existente, vergangene Zustände. Wäre es nicht aussichtsreicher, wenn man den Schmerz über aktuelle Missstände umlenkt auf mögliche zukünftige Zustände, an deren Erreichung man selbst mitwirken kann?!

Je nach Zeitempfinden ist das Erreichen einer zukünftigen Situation nämlich durchaus realistischer als die Vergangenheit, denn an die können wir uns zwar erinnern, aber sie wird nie wieder kommen. Zudem erinnern wir uns in der Regel falsch. An die Zukunft können wir uns nicht erinnern, sie aber erdenken, weshalb mancheine:r ja auch von dem Erdächtnis als Gegenpol zum Gedächtnis spricht.

In meiner Dauerumfrage über die Einstellung der Deutschen über die Zukunft habe ich dutzende Anzeichen dafür gefunden, dass ich nicht allein bin. Doch beim Nachdenken über die Futuralgie fallen mir immer mehr gute Argumente ein, die dafür sprechen. Aber bevor ich mich gedanklich im Kreis drehe, möchte ich den Ball gern nach außen spielen. Denn...

Ausblick Futuralgie

Was genau mit diesem Gedanken passieren soll, weiß ich noch nicht. Der Gedanke ist erst wenige Tage alt. Ein gutes Zeichen war, dass bei Google nur zwei Suchergebnisse (!) zu dem Suchbegriff auftauchten. Deshalb habe ich mir direkt die Domain futuralgie.de gesichert. Was wir damit anstellen, überlegen wir uns in den kommenden Monaten.

Wer Ideen und Lust hat, daran mitzuwirken, schreibe gern einen Kommentar.

Foto von Hadija auf Unsplash