#01.01 Was ist Zukunftsforschung? Im Hier und Morgen

In meiner ersten Podcast-Episode befasse ich mich mit der Nr. 1 der häufigsten Fragen, die mir gestellt werden: Was ist Zukunftsforschung?

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Sonderband Zukunft der Arbeit Cover

Zukunft der Arbeit: Sonderband und Postkapitalismus

Gestern war es endlich soweit: Der Sonderband "Zukunft der Arbeit" von Prof. Dr. Jens Nachtwei und Antonia Sureth wurde veröffentlicht! 122 Fachartikel von 181 Autor*innen - das Themenspektrum reicht von (alternativen) Arbeitswelten über Bildung und Personalwesen, Organisation & Kollaboration und Führung zu technologischen Themen wie Künstlicher Intelligenz im Arbeitskontext. Natürlich gibt es auch Praxisbeispiele. Und das beste: der Band ist kostenlos verfügbar!

Achso, und: ich habe auch einen Beitrag geleistet: "Postkapitalismus: Systemfragen der 4. Industriellen Revolution" (S. 54-57). Hier geht's direkt zur Publikation:

www.SonderbandZukunftDerArbeit.de

Für Zitation bitte folgende Form verwenden: 

  • Nachtwei, J., & Sureth, A. (Hrsg.). (2020). Sonderband Zukunft der Arbeit (HR Consulting Review, Bd. 12). VQP.
    https://www.sonderbandzukunftderarbeit.de
  • Gondlach, K. A. (2020). Postkapitalismus: Systemfragen der 4. Industriellen Revolution. In J. Nachtwei & A. Sureth (Hrsg.), Sonderband Zukunft der Arbeit (HR Consulting Review, Bd. 12, S. 00-00). VQP. https://www.sonderbandzukunftderarbeit.de

Veröffentlichungsreihe
Die Veröffentlichungsreihe für Qualitätssicherung in Personalauswahl und -entwicklung (VQP) wurde 2012 zur Förderung des Austauschs von Forschung, Lehre und Praxis begleitend zur Vorlesung Personal- und Organisationsberatung von Jens Nachtwei am Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin ins Leben gerufen.

HR Consulting Review
Im Herausgeberband HR Consulting Review der Veröffentlichungsreihe stellen Praktiker*innen und Forscher*innen Projekte, Modelle und Sichtweisen sowie wissenschaftliche Studien vor. Die Themen stammen vorwiegend aus den Bereichen Führung, Personalauswahl, Personalentwicklung und Organisationsentwicklung.

Freier Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen bedeutet nicht, dass sie umsonst sind. Die Organisator*innen und Autor*innen haben überwiegend ehrenamtlich viel Zeit und Mühe in die Erstellung dieses Bands gesteckt. Bitte quittieren Sie diesen Dienst durch Verbreitung der Publikation, kritische Auseinandersetzung und proaktive Diskussion oder finanzielle Unterstützung der jeweiligen Institutionen. Danke!


10/2020: Zukunft: Eine Frage der Perspektive (Hannoversche Volksbank)

Am 6. Oktober 2020 habe ich für die Privatkunden der Hannoverschen Volksbank einen Ausflug in die Zukunft gewagt. Oder eher Zukünfte? Ein bunter Themenmix aus Mobilität, Gesundheit, künstlicher Intelligenz und Gehirn-Implantaten erwartet Sie. Und ganz wichtig: Warum sind die unterschiedlichen Perspektiven auf Zukünfte so wichtig? Was kann uns dabei helfen, angesichts der erschreckenden Entwicklungen auf dem Planeten Zuversicht zu bewahren? Finden Sie es heraus in meinem Vortrag „Zukunft: Eine Frage der Perspektive“!

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Sie planen auch ein Event und möchten mich als Impulsgeber für Ihre Kunden, Mitarbeiter oder Mitglieder buchen? Kein Problem, schreiben Sie mir gern direkt Ihre Anfrage:

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Das Ende der Globalisierung?!

Im Juni habe ich mir ein Lesezeichen für eine Studie von Prognos AG und BayernLB gesetzt: "Das Ende der Globalisierung - braucht Deutschland ein neues Geschäftsmodell? Wie Unternehmen jetzt die Weichen richtig stellen". Diese ist meiner Meinung nach untergegangen, aber dafür gibt es natürlich gute Gründe. Nennen wir es das C-Argument. Da die Studie aber wirklich wichtig ist, möchte ich dazu meine Zukunftsforscher-Einschätzung teilen.

Kernaussage der Studie ist: Deutschland braucht ein neues Geschäftsmodell und das "Ende der Globalisierung" sei erreicht. In der Studie werden natürlich auch Wege aus dem Dilemma besprochen, die Lektüre empfehle ich nachdrücklich. Nun aber zu meiner pointierten Einschätzung.

Zustimmung: Deutsche Unternehmen verschlafen den Wandel

Unternehmen in Deutschland sind durchschnittlich zu konservativ, zu unambitioniert und neigen zu blinder Pfadabhängigkeit, wenn es um ihre langfristigen Strategien geht. Nach dem Motto "haben wir schon immer so gemacht!" konzentriert man sich hierzulande gern an den bestehenden Lieferantenbeziehungen und Absatzmärkten (sorry für die Plattitüde, das trifft sicherlich nicht auf alle zu - hier schreibe ich über die träge oder angsterstarrte Mehrheit). Diverse Studien und Dossiers attestieren und bemängeln, dass Digitalisierung in Deutschland nach wie vor auf Kosten der nationalen Wirtschaftsleistung und des BIP stiefmütterlich behandelt wird, vor allem zulasten des internationalen Wettbewerbs um die Vorherrschaft der digitalisierten Weltökonomie.

Ein Beispiel: Oft ist die Rede davon, dass wir bereits die zweite Halbzeit der Digitalisierung verloren hätten. Das klingt so, als wäre das Spiel bereits vorbei - das ist nicht ganz richtig. Es verdeutlicht aber anhand der klassischen Rasensportmetapher, dass "wir" nicht mehr gewinnen können. Diese Befürchtung teile ich, wenn man "normale" Rahmenbedingungen voraussetzt und die Gewinnbedingungen klar definiert. Aber: Wie wir alle wissen, sind diese aber im Jahr 1 nach Corona die Spielregeln andere als gewöhnlich, weshalb sich die wissenschaftliche Zukunftsforschung aktuell mit Prognosen zurückhält und primär (oft normative) Szenarien formuliert. Ebenso werden auch die Karten in puncto Digitalisierung neu gemischt. Insbesondere die ohnehin bereits vorreitenden Hightech-Konzerne nutzen die Ausnahmesituation, um ihre Produkte und Lösungen in noch mehr Märkte zu bringen und Steueroasen noch rücksichtsloser auszunutzen. Und an der Stelle wird deutlich, dass der Vorsprung dieser Giganten, die ich gern mit den beiden Akronymen G-MAFIA (Google/Alphabet, Microsoft, Apple, Facebook, IBM, Amazon) und BAT (Baidu, Alibaba, Tencent) abkürze, Globalisierung besser verstanden haben als etwa deutsche Unternehmen. Diese neun Unternehmen investierten bereits vor der Covid19-Krise teilweise mehr Geld in die Entwicklung Künstlicher Intelligenz als die Bundesrepublik Deutschland; glauben wir dem Mooreschen Gesetz der exponentiellen Effizienzsteigerung der IT, verdoppelt sich der Vorsprung der Maschinen (und hier sehe ich auch KI-Algorithmen und deren Leistung) etwa alle zwei Jahre. Das bedeutet, dass sich der Vorsprung des internationalen Wettbewerbs ebenfalls exponentiell vergrößert, je länger Unternehmen hierzulande warten.

Also: Höchste Zeit für Veränderung!

Ablehnung: Globalisierung hat gerade erst begonnen!

Der Titel der Prognos-Bayern LB-Studie "Das Ende der Globalisierung" erinnert sicherlich nicht durch Zufall an das Buch von Francis Fukuyama "Das Ende der Geschichte", das nach dem Zusammenbruch der UdSSR herauskam und den Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus proklamierte. Danach kam alles anders, wie wir wissen, und die Geschichte war natürlich nicht zu Ende. Auch nicht die Auseinandersetzung konfligierender Wirtschaftsordnungen. Ebenso wenig ist das Ende der Globalisierung erreicht (selbstverständlich ist das auch nicht die einzige Aussage der hier behandelten Studie).

Erstens sollte die Kernaussage der Studie vielmehr sein, dass die klassischen Absatzmärkte und Erlösströme insbesondere für die deutsche Wirtschaft deutliche Anzeichen einer Sättigung zeigen. Hinzu kommt, dass der Anteil intangibler Produkte (Lösungen, Dienstleistungen und digitale Geschäftsmodelle) ungebremst ansteigt. Und, was der deutschen Erfinderseele Kopfzerbrechen bereitet: die wertvollsten Geschäftsmodelle der letzten Jahrzehnte wurden allesamt außerhalb Deutschlands entwickelt und höchstens hier kopiert. Einige behaupten sogar provokant, dass seit der Entwicklung des Automobils keine größere, wertvolle Erfindung mehr aus Deutschland kam. Kennen Sie ein Gegenbeispiel?

Zweitens ist die Globalisierung natürlich nicht am Ende. Auch wenn dies der Titel lediglich suggerieren soll und der Volltext der Studie besser aufklärt, möchte ich hier vehement widersprechen. Nur weil die klassischen Absatzmärkte der "Ersten Welt" gesättigt sind und die deutschen Produkte keinen Anklang mehr finden, heißt das noch lange nicht, dass die Nachfrage weltweit gedeckt ist. Aufstrebende Ökonomien (insb. Indien, Irak, Philippinen, Vietnam und Ägypten) verzeichnen einen stark steigenden Bedarf an Produkten und Lösungen der zweiten und dritten Industrie-Zeitalter. Einige von ihnen wiederum haben den Begriff Leapfrogging bzw. Reverse Engineering geprägt: Zwischenschritte der technologischen Entwicklung werden schlicht übersprungen. So verfügen einige afrikanische und südostasiatische Staaten kaum über klassische Überland-Telefonverbindungen, Einwohner*innen können jedoch über Handys und Smartphones aufs mobile Netz zugreifen. Außerdem ist die Globalisierung der Wirtschaft nach klassischer Lesart noch lange nicht beendet, man muss sich nur die Entwicklung von IoT- (Internet der Dinge) und Smart City-Lösungen ansehen. Schade, dass auch hier nur wenige deutsche Unternehmen in der ersten Reihe tanzen.

Drittens würde ich weniger vom Ende der Globalisierung als vom Ende des Kapitalismus in seiner jetzigen Form sprechen. Kapitalismus zeichnet sich dadurch aus, dass er sich durch Krisen eher mithilfe von "Mutationen" an die neuen Gegebenheiten anpasst. Er ist sozusagen agiler als kommunistische oder sozialistische Modelle, die bislang an der Realität gescheitert sind. Was wir jetzt nicht brauchen, ist ein Erstarken der kommunistischen Idee - immerhin stammt diese aus der Zeit vor der Globalisierung, welche wir aber nicht mehr zurückdrehen können und daher mit dem alten Welt-Entwurf eher in die vorindustrielle Zeit zurückkatapultiert wären. Die Idee mag vereinzelt Zuspruch finden, dürfte aber weit mehr Existenzen gefährden als absichern. Was wir brauchen, ist ein globaler Dialog über eine neue Form des Kapitalismus, oft Postkapitalismus oder postmoderner Kapitalismus genannt. Dazu gehören neue Formen einer Regulierung von internationalen Monopolen, (strafrechtliche) Verfolgung von digitalen Verbrechen, Fake news oder Hatespeech und natürlich eine Bepreisung negativer ökologischer Fußabdrücke.

Ergänzung: Exnovation und echte Weltpolitik

Alle Welt bemängelt immer einen niedrigen Innovationsgrad von Unternehmen oder Volkswirtschaften. Dass eine zentrale Herausforderung der Menschheit genau das Gegenteil verlangt, wird dabei fast immer übersehen. Ich rede von Exnovation (darüber habe ich in meinem Zlog schon mal aufgeklärt). Exnovation heißt, sich von unnötigen Altlasten und vergangenen Innovationen zu verabschieden, wenn diese ihren Zweck nicht mehr erfüllen. Es ist die bewusste Entfernung schädlicher Lösungen. Dazu gehören einige etablierte, (noch) sehr umsatzstarke Wirtschaftszweige wie die karbonisierte Energie- und Mineralölwirtschaft, die mittelbaren Massenbranchen wie die Automobil- und Luftfahrtindustrie und natürlich althergebrachte Organisationsmodelle, die zu Zeiten der ersten industriellen Revolution entwickelt wurden und vom ungelernten Fließbandarbeiter als Norm ausgingen (auch über New Work habe ich schon mal gezloggt). Die heutige Realität - und ich meine noch nicht einmal das "neue Normal" mit Covid19 - unterscheidet sich fundamental von derjenigen, die diese und weitere Innovationen hervorgebracht hat. Insbesondere "Klimawandelbeschleuniger" und Effizienzbremsen müssen jedoch so schnell wie möglich unter Einhaltung gesellschaftlicher und ökologischer Standards durch neue Lösungen ersetzt werden. Das ist die größte Herausforderung der Menschheit - nicht, wie das neue Geschäftsmodell Deutschlands aussehen soll.

Die neue Realität verlangt globale Lösungen und weniger Denken in Grenzen - sowohl politisch als auch im übertragenen Sinne ökonomisch. Also think outside the box. Alles andere wäre per definitionem Wahnsinn.

Wie?

Mehr Mut zur Veränderung und für neue Organisationsformen bei gleichzeitig verantwortungsbewusstem Umgang mit den Angestellten und der Ökologie. Ist doch ganz einfach.

Ich frage mich immer, warum so wenige Entscheider*innen hierin die win-win-Situation sehen, die so offensichtlich zu sein scheint. Systemgrenzen sind so furchtbar rigide. Die klassische "Taktik des Abwartens" ist jedenfalls eine gefährliche Karte, auf die ich nicht setzen würde.

Es wird Zeit, eine integrative, inklusive und handlungsfähige Weltpolitik und -wirtschaft zum Wohl aller Menschen zu begründen, wenn wir unseren Kindern und Enkeln einen lebenswerten Planeten hinterlassen wollen (s. auch Stichwort Tianxia). Was wir dafür brauchen? Das kann kein Mensch genau sagen. Es würde aber helfen, sich einem bewusst zu werden und dieses Bewusstsein ideell und institutionell zu verankern: jeder Mensch ist wichtig und einzigartig, unsere biologischen Grundbedürfnisse jedoch sind überall gleich - die Erfüllung dieser Bedürfnisse überall sicherzustellen, die Millennium Goals weltweit schnellstmöglich zu erreichen und Schicksale nicht in Geld umzurechnen, ist eine wichtige Bedingung, um aus dem "Ende der Globalisierung" kein "Ende der Menschheit" zu machen.

Photo by Morning Brew on Unsplash


(c) Netzpalaver

Interview mit Netzpalaver über New Work und agile Unternehmensführung

Im Juli habe ich mich mit Ralf Ladner, Gründer von Netzpalaver unterhalten, einem der größten Influencer in diversen Tech-Themen. Es ging natürlich nebenbei auch um die Corona-Pandemie und deren Auswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft. Primär haben wir uns aber über New Work und agile Unternehmensführung unterhalten. Die Kernfrage lautete: Was bleibt von den schlagartigen Management-Entscheidungen infolge der Pandemie, Lockdown und Co.? Ist das Digitalisierung und New Work, wenn konservative unternehmen ihre Mitarbeiter in Heimarbeit schicken? (Spoiler: nein)

Hier geht's zum Interview, das am 21. Juli 2020 über Zoom aufgezeichnet wurde:
https://netzpalaver.de/2020/08/10/interview-mit-zukunftsforscher-kai-gondlach-zu-new-work-und-agiler-unternehmensfuehrung/


Corona (Fehl-)Prognosen und Verantwortung

Zu Beginn der Pandemie wurden allerlei Zukunftsforscher*innen, darunter auch ich, um Einschätzungen zur Zukunft des neuartigen Coronavirus (Covid19) gebeten; wie lange dauert es, bis wir einen Impfstoff gefunden haben? Wie sieht das "neue Normal" aus? Wann wird endlich alles wieder gut? Ein gutes halbes Jahr nach den ersten Anzeichen für eine Pandemie (laut WHO offiziell seit 12. März) ist es Zeit für eine Reflexion.

Es ist nicht meine Art, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Einige "andere" und vor allem deren Aussagen in Massenmedien haben mich nun aber doch dazu bewegt, erneut Stellung zu nehmen. Nach meinem ersten Corona-Artikel am 24. März erhielt ich viele Anfragen von der Presse, unter anderem kam ein Kamerateam von ARD Brisant zu mir nach Hause und löcherte mich mit Fragen. Ich gehöre zu denjenigen, die ihre Annahmen und die Herkunft dieser Einschätzungen gern begründen - und vor allem auch deutlich machen, dass sie auch nicht alles wissen. Schließlich bin ich weder Virologe oder Immunologe noch Pharmakologe oder ein Orakel. Hinzu kommt, dass "die Medien" natürlich reißende Schlagzeilen suchen, weil sie davon ausgehen, dass ihre Leser*innen und Zuschauer*innen nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und keine Zeit oder Lust auf Hintergründe haben. Also ebbten die Anfragen ab.

Natürlich lese ich viele Interviews und Artikel meiner Kolleg*innen. Natürlich muss auch ich mir Gedanken über meine Positionierung und Wirtschaftlichkeit machen. Einige mutmaßliche Zukunftsforscher haben dabei den Bogen normativer Prognosen jedoch deutlich überspannt und bringen damit die junge Disziplin der Zukunftsforschung durch unseriöse, spekulative und unwissenschaftliche Prognosen in Verruf. Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst, die damit einhergeht, als Person des öffentlichen Lebens Aussagen über die Zukunft zu formulieren und teilweise Empfehlungen zum Umgang mit Veränderungs- und Krisensituationen zu geben. In diesem Sinne gehört es für mich zum guten Ton, gewisse Spielregeln einzuhalten, die mitunter weniger populär oder eindeutig einer Politik oder Gesinnung zuordenbar sind. Gut für die Moral, schlecht für die Einschaltquote.

Ich habe auf der Seite Mission & Wissenschaft (+ Unterseiten) beschrieben, worum es der wissenschaftlichen Zukunftsforschung geht. Dazu gehört die Einhaltung der Gütekriterien der Forschung wie Eindeutigkeit, Transparenz, Offenheit und Redlichkeit (s. "Warum Zukunftsforschung?"), welche ich bei erwähnten Covid19-Äußerungen serienweise verletzt sehe. Wir sind hier nicht bei "wünsch dir was"! In diversen Interviews sprachen Trendforscher darüber, dass (Fraktion A) Corona die Gesellschaft erwachen lassen wird, es zu einer lang ersehnten Entschleunigung kommen und das System des "Raubtierkapitalismus" auf den Prüfstand gestellt werden wird. Fraktion B sah den Untergang unserer Gesellschaft und den Tag des Jüngsten Gerichts gekommen. Hauptsache, man schafft es auf die Titelseite mitunter dubioser Medien, um Reichweite zu erlangen. Bezüglich eines Impfstoffs, der Dauer der Pandemie oder spezifischer Auswirkungen wurde dann aber ausweichend geantwortet, nachdem die subjektive Sicht möglichst verklausuliert und rhetorisch astrein dargelegt wurde. Man darf ja um Himmels Willen nicht zugeben, dass es Fragen gibt, deren Antworten wohl niemand kennt. Doch das gehört dazu! Niemand kennt die Zukunft, auch Zukunftsforscher nicht. Paradoxerweise scheint es gerade die Aufgabe der wissenschaftlichen Zukunftsforscher*innen zu sein, genau dies immer wieder zu betonen - darauf achte ich penibel in meinen Keynotes, in Interviews, Podcasts und Blogartikeln. Natürlich wird das nicht immer gedruckt oder gestreamt, es gehört jedoch zu meinem Berufsethos, wenigstens darauf hinzuweisen.

Prognosen zu Corona und "danach"

Wer hat die Corona-Pandemie kommen sehen?

Ich. Natürlich nicht ich alleine, sondern eher eine große Menge Forscher*innen, die sich begründete Gedanken über mögliche und wahrscheinliche Zukünfte machen. Dazu gehört im Übrigen auch das Robert-Koch-Institut, welches im Auftrag des Deutschen Bundestags bereits 2012 über die Risiken einer modifizierten Sars-Variante aufklärte (nachzulesen in der Drucksache 17/12051 vom 03.01.2013). Diesen Einschätzungen habe ich mich angeschlossen und folglich bei passenden Themen auch in Keynotes darauf hingewiesen; letztes Jahr war ich unter anderem im Sommer bei einem großen Pharmaunternehmen für zwei Termine zum Thema "wie leben wir in der Zukunft?" gebucht, in denen ich schwerpunktmäßig die Zukunft des Gesundheitssystems skizzieren sollte. Das habe ich getan und auch auf die Möglichkeit einer zeitnahen Pandemie hingewiesen. Ob es Zufall ist, dass eben dieses Pharmaunternehmen zu den führenden Institutionen für Coronatests und bei der Erforschung eines Impfstoffs gehört?

Wann werden wir einen Impfstoff haben?

Aus aktueller Sicht (Anfang August 2020) ist das laut führenden Virologen immer noch nicht klar. Das Virus stammt schließlich aus der Familie der Coronaviren, die, wie wir wissen, sich gern weiterentwickeln. Die Fortschritte sind global rasend schnell, immerhin ist die Wirtschaft weltweit infolge der Sars-Cov-2-Pandemie deutlich geschrumpft - anders als bei bspw. HIV bröckelt also das Fundament der globalisierten Menschheit. In Russland wird bereits ein Impfstoff getestet, doch selbst wenn es der Menschheit gelingen sollte, so rasant eine wirksame Impfung zu finden, ist immer noch fraglich, wie schnell dieser massenhaft produziert und verteilt werden kann, welche Kosten damit verbunden sind, wer sich gegen die Impfung weigert (Stichwort Impfgegner) und ob damit das Virus tatsächlich verbannt ist.

Wichtiger ist meiner Ansicht nach, dass wir den Umgang mit der Situation meistern und auch die unbequemen Aspekte diskutieren. Ich sehe an dieser Stelle viele Parallelen zur Kommunikation mit Kindern. Es nützt nichts, das Virus zu ignorieren oder zu leugnen; wer sich beim Versteckspiel die Augen zuhält, ist noch lange nicht verschwunden. Ebenso wenig hilft es uns weiter, übertrieben optimistische Prognosen zu verbreiten; auf langen Autofahrten hat es schließlich auch noch nie geholfen, die Frage der Kinder "wann wir endlich da?" mit "wir sind gleich da" zu beantworten, wenn man in Wahrheit gerade aufgrund einer Vollsperrung im Stau steht.

Kurz: Wie lange das "neue Normal" noch andauert, kann niemand mit Gewissheit sagen. Wir können und sollten uns nur bemühen, achtsam miteinander umzugehen und die für Krisen typischen Spannungen menschlich zu meistern.

Wie gehen wir mit der angespannten "Lage der Nation" um?

Wenn die Corona-Ausnahmesituation eins zutage gefördert hat, ist es die unbequeme Wahrheit, dass ein ernstzunehmender Teil der Bevölkerung(en) das Vertrauen in das System verloren hat. Demagogen in politischen Ämtern und zivilgesellschaftliche Influencer gießen zu allem Überfluss noch Öl ins Feuer. Das Virus sei eine Entwicklung des Militärs, Superreiche planen die Übernahme einer Weltregierung, die (Bundes-)Regierung wolle sich mit diktatorischen Methoden die totale Macht sichern - bis hin zu obskuren Thesen, die Machtelite würde mithilfe der UNICEF Kinder entführen und deren Blut trinken. Kaum eine Verschwörungstheorie ist zu bizarr, um viele Anhänger zu finden, die sich dann in einer irrwitzigen Melange von Reichsbürgern, Rechts- und Linksradikalen, Neo-Hippies und besorgten Rentner*innen zu oft grenzwertig legalen Demonstrationen oder Coronaparties treffen. Unglücklicherweise schaffen es weder Politik noch die vernünftige Zivilgesellschaft, diese Sorgenträger*innen ernstzunehmen, sondern kippen ihrerseits eimerweise Wasser auf die Mühlen der "Skeptiker", indem sie die Initiativen kleinreden, sich darüber lustig machen und darüber hinaus politische Agenden der AfD und Co. fehlinterpretieren.

Fakt ist: Die Situation eskaliert. Über die durchaus weitgreifenden Maßnahmen der Regierungen zur Eindämmung der Pandemie kann man streiten, auch über mehr oder weniger demokratische Aspekte der Entscheidungsfindung und Eingriffe in die Autonomie der Bürger*innen. Was bis dato in einer Demonstration mit rund 20.000 bestätigten Teilnehmer*innen am ersten Augustwochenende in Berlin gipfelte, ist im Grunde der Ausdruck von Unzufriedenheit mit unterschiedlichen Aspekten unseres gesellschaftlichen und politischen Systems. Politikverdrossenheit ist keine Neuheit, ontologische Herausforderungen einer repräsentativen Demokratie auch nicht. Dazu dann noch eine Prise Globalisierung und Digitalisierung, sodass die "zur Mündigkeit fähige" Gesellschaft sich in einem fast rechtsfreien Raum (dem Internet) austauschen kann, und wir haben den Salat. Leider tragen die Algorithmen der großen Unternehmen des Social Web (Facebook, Twitter, Snapchat und Co.) nicht gerade zu einer ausgeglichenen Diskurskultur bei; stattdessen bestärken sie sie das Zusammenrotten in inhaltlich eher homogenen Blasen. "Wer meiner Meinung ist, darf mitdiskutieren, wer dagegen ist, gehört der Verschwörung an", lautet die Logik dieser Social Bubbles. Jede Rückfrage, die das Fundament einer "Theorie" infrage stellt, wird als Einschränkung der Meinungsfreiheit deklariert. Pessimisten sehen bereits Anzeichen für den Untergang unserer Spezies herannahen und prophezeien weltweit bewaffnete Ausschreitungen, das Ende der zivilisierten Welt oder Trumps Machtergreifung auch ohne demokratische Grundlage.

Kann der Untergang der Menschheit noch gestoppt werden - und wenn ja, wie?

Einer der wichtigsten psychopathologischen Risikofaktoren für Suizidalität sind fehlende Zukunftsperspektiven (Quelle). Ähnliches beobachte ich seit ein paar Jahren in gesättigten Gesellschaften des Westens; aus diesem Grund ist mein Motto "Zukunft ist eine Frage der Perspektive". Mir war bei der Analyse der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft (Veränderungsangst, Wertevakuum und -konflikte, Anstieg psychischer Krankheiten und Burnout etc.) aufgefallen, dass es vor allem an diversen Perspektiven mangelt. Die Uhr der Globalisierung lässt sich nicht mehr zurückdrehen, wir müssen mit dem Erbe der (historisch betrachtet) schlagartigen Bevölkerungsexplosion (von 1 Mrd. auf 8 Mrd. in knapp 200 Jahren) fertig werden, müssen mit wirtschaftlichen, kulturellen, ethnischen, ethischen und demografischen Unterschieden leben und gleichzeitig die Auswirkungen des Klimawandels (darunter Artensterben, Flächenversiegelung, Anstieg des Meeresspiegels, Verdörrung, Häufung extremer Wetterereignisse etc.) moderieren.

Grundzüge einer Lösung

  1. Dazu fehlt meiner Ansicht nach erstens eine weltumspannende, inklusive und kooperative Weltpolitik, die diesen Namen auch verdient (Literaturtipp: "Alles unter dem Himmel" von Zhao Tingyang). Ein Teil dieser dringend benötigten obersten Ebene ist es, die Komplexität der Welt anzuerkennen und Abstand zu nehmen von pauschalisierenden Aussagen und politischen Lösungen, die (im Falle von Pandemiemaßnahmen) landesweite Verordnungen mit sich bringen, statt auf Faktoren wie Risikopatienten, soziale Mobilität, demografische Merkmale etc. einzugehen. Auf der anderen Seite gibt es Themen, die nur aus der Vogelperspektive rational beurteilt und behandelt werden können: kaum jemand möchte zum Klimawandel beitragen und doch sind individuelle Zugeständnisse schwer freiwillig zu erreichen, die jede*r einzelne im Alltag eher andere Prioritäten setzt als die unmittelbaren Folgen alltäglicher Handlungen für das Gesamtsystem in Zukunft.
  2. Ebenso dringend benötigen wir ein neues Verständnis bzw. neue Regeln für den Kapitalismus, der sowohl Wohlstandsunterschiede als auch Umweltfolgen der Produkte und individuellen Handelns einpreist (Literaturtipp: "Postkapitalismus" von Paul Mason). Das Grundprinzip der Marktwirtschaft bringt viele Vorteile mit sich - holistische Verantwortungsübernahme einzelner Akteure gehört nicht dazu. Währungen dienen dazu, Tauschhandel effizienter zu gestalten und Preisstabilität zu gewährleisten; sie greifen aber zu kurz, wenn es um die Berücksichtigung sozialer und ökologischer Faktoren geht.
  3. Schließlich mangelt es an neohumanistischen und postmodernen Grundwerten. Allen voran stehen Toleranz und die Einsicht, dass das Primat des Egos durch Belohnungssysteme altruistischer Verhaltensweisen ausgetauscht werden muss. Applaus auf dem Balkon ist zwar nett, zahlt aber nicht die Mieten des Pflege-, Krankenhaus oder Supermarktpersonals. Vor der Moderne waren es in erster Linie die Religionen und deren Priester und Propheten, die allgemeingültige Werte des Zusammenlebens definierten; in der globalisierten, vernetzten und postmodernen Gesellschaft, die ungleich komplexer ist, helfen keine Ansätze mehr, die Ungleichheiten zementieren, Grenzen betonen und Konflikte hinnehmen. Andererseits ist auch die Deutungshoheit der Vereinten Nationen auf "universelle" Menschenrechte aus der Mode gekommen.

Fazit

Wenn es unser Ziel ist, dass unsere und andere Spezies auf diesem Planeten noch viele weitere Generationen in Frieden zusammenzuleben, sollten wir über teils radikale Anpassungen der gesetzlichen und gemeinschaftlichen Grundlagen nachdenken. Und wenn Corona zu einer Sache gut ist, dann vielleicht dazu: die Krise als Chance zu verstehen & das Momentum der Unzufriedenheit auf- und ernstzunehmen und in eine für alle Beteiligten lohnenswerte, lebenswerte Zukunft zu investieren. Wenn wir wollen, können wir die Werkzeuge unserer Zeit nutzen, um einen globalen Dialog anzustoßen und grundlegend neue Modelle zu entwickeln. Wir müssen es nur tun.

Photo by Jude Beck on Unsplash


Open Your Mind: Wie sieht die Zukunft aus und warum haben die meisten Menschen ein Problem mit Veränderung

Mitte Mai habe ich mich mit dem großartigen Jim Ziegler, u.a. Gesellschafter der TauRes Gesellschaft für Investmentberatung mbH, im Rahmen seines Podcasts "Open Your Mind" über die Zukunft unterhalten. Außerdem habe ich erklärt, warum ich die größte Krankheit der Menschheit darin sehe, dass Menschen noch zu nah an ihrer Biologie agieren und Veränderungen vermeiden. Hier geht's zur Episode:

https://www.podcast.de/episode/464195234/Open+Your+Mind+%237+Wie+sieht+die+Zukunft+aus+und+warum+haben+die+meisten+Menschen+ein+Problem+mit+Ver%C3%A4nderung+mit+Kai+Gondlach/


Procontra TV: Wie sieht die Beraterwelt nach Corona aus?

Im Mai habe ich mich mit Matthias Hundt, dem Chefredakteur von procontra TV, über den Einfluss von Corona über die Berater- und Maklerszene unterhalten. Hier geht's direkt zum Video:

https://youtu.be/ZuExniB4qa0

National Geographic Podcast: Zurück in die Zukunft!

Ende November erhielt ich einen Anruf von Daniel Lerche von National Geographic. Ob ich Lust hätte, bei der Episode zum Rück- und Ausblick auf 2019 bzw. 2020 und 2030 mitzuwirken. Ich habe gründlich das Für und Wider durchdacht, Argumente abgewägt und mit mir selbst diskutiert und nach ungefähr 2 Milisekunden zugesagt. Da die Folge sehr bald aufgenommen werden musste, konnten wir leider keinen Termin mehr für ein echtes Treffen im Münchener Fox-Studio finden, aber kein Problem: dank bereits angekündigter eigener Podcast-Avancen habe ich zuhause professionelles Equipment. Also unterhielten wir uns über eine Stunde lang über diverse Winkel der Zukunft - Gesundheit, Verkehr, Mobilität, Wohnen, Bildung, Reisen, Abenteuer... angesetzt war eine halbe Stunde.

Wie dem auch sei: die produzierte Folge mit zwei weiteren spannenden Gästen (Dr. Suzanna Randall und Dr. Thomas Krumpen) ist online hier zu finden: https://explore.podigee.io/12-explore-zuruck-in-die-zukunft (ab Minute 29:30 beginnt mein Part).

Das gesamte Interview gibt's hier zum Nachlesen: https://www.nationalgeographic.de/wissenschaft/2019/12/zukunft-kommt-nicht-zukunft-wird-gemacht

Photo by Elena Koycheva on Unsplash


10/2019: Light & Building Imagevideo (Messe Frankfurt)

Als die Messe Frankfurt mich im frühen Herbst 2019 für einen Filmdreh anfragte, war ich erst einmal perplex. Nach dem ersten Telefonat war dann aber schnell klar, dass die Zusammenarbeit passt. Ich musste keinen Text ablesen, sondern meine ehrliche Perspektive mit dem Hintergrund der Zukunftsforschung auf den großen Bereich Beleuchtung und (smarte) Gebäude werfen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen:

https://youtu.be/QHDNSgd7Pb0

... fun fact: ursprünglich sollte ein Statement von mir in einem 2- bis 3-minütigen Film auftauchen.


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